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138 IL Wald^ebiet des östlichen Kontinents.
beiden Edeltannen gleichen sich im Wüchse nicht: die europäische
ist ein prächtiger Baum mit weit ausgebreiteter, dunkel schattender
Krone und von bedeutender Stammdicke; die Pichta hat die Pyramidalform
der lombardischen Pappel , ihre kurzen Zweige geben
.ihr das magerste Ansehen. Keinen edleren Baumschmuck hat der
Schwarzwald, als wo die alten Edeltannen, mit Fichten gemischt,
die feuchten Gehänge der gegen den Rhein sich öffnenden Thäler
bewalden, sobald nur die Erdkrume tief genug ist, ihre Pfahlwurzel
aufzunehmen. Die Pichtatanne gleicht ihr nur in dem Feuchtigkeitsbedürfniss,
sie bewohnt das aufgeschwemmte Uferland der sibirischen
Ströme.
Die Anzahl der laubtragenden Bäume ist zwar sechsfach grösser
als die der Nadelhölzer (ich zähle, abgesehen von der Weidenform,
67 Arten), aber die meisten sind nur Begleiter der zusammenhängenden,
einförmigen Buchen-, Eichen- und Birkenwälder und fast
die Hälfte beschränkt sich auf einzelne Abschnitte der Grenzgebiete,
in welche sie zum Theil nur spärlich von auswärts eintreten. Zur
übersichtlichen Darstellung habe ich zwei Verzeichnisse entworfen,
von denen das eine die hochstämmigen Laubhölzer nach den Baumformen,
das andere sie nach ihrer geographischen Verbreitung ordnet.
Legen wir Hamboldt's Auffassung zu Grunde, der die dikotyledonischen
Laubhölzer nach der physiognomisch bedeutenden Gestaltung
des Blatts eintheilt, so haben wir unter den Bäumen mit biegsamem
und periodischem Laube überhaupt nur vier Formen zu unterscheiden,
deren Typus durch die Buchen, Linden, Eschen und Weiden
bezeichnet werden kann. Dieser Eintheilung entspricht, was man in
der Landschaftsmalerei den Baumschlag zu nennen pflegt. Der
Buchenform ist ein breites, elliptisches oder längliches, der Linde
ein abgerundetes Blatt eigen: vom Blattstiele aus tritt in das erstere
ein einziges Gefässbündel, die Mittelrippe, ein, in das letztere eine
Mehrzahl von solchen Rippen, die sich divergirend in der Fläche
ausbreiten; die Esche sodann hat gefiedertes Laub, bei welchem an
denselben Blattstiel eine Anzahl von paarweise geordneten, abgesonderten
Flächen oder Blättchen sich anfügt, und die Weide trägt
einfache, schmale, vorzüglich im Längsdurchmesser entwickelte
Blätter. Zu den drei ersteren Formen werden nur wirklich hochstämmige
Bäume gerechnet; unter der Weidenform, die schon Hum-
Laubhölzer. 139
boldt so benannte, ist es wegen der häufigen Uebergänge und der
übereinstimmenden Bedingungen des Vorkommens zweckmässig, die
bäum- und strauchartigen nicht von einander zu trennen. Der
Lindenform entspricht bei Humboldt, der von der Physiognomie der
Tropen ausging, seine Malvaceen- und Bombaceenform, der Esche
die Mimose, oder wenn man diese wegen der zarten Theilungen des
Blatts auch abgesondert aufführt, die tropische Tamarinde. Uebrigens
ist die Unterscheidung des Buchen-, Eichen- und Eschenlaubes
nur von Interesse für die Physiognomie und die individuelle Gestaltung
des Baumschlags, für die geographische Anordnung der Laubhölzer
ist sie bedeutungslos, obgleich die mannigfaltige Beleuchtung
des Walddunkels innig mit den Blattgestalten zusammenhängt. Zu
der Buchenform (25 Arten) zähle ich ausser der Buche selbst die
Kastanie, die Hainbuche (Ca/^^mw), 5 Eichen, 3 Ulmen, die Syringa,
2 Ebereschen (Sorhis) und 11 wilde Obstbäume {Primus, Pyrus) ;
zu der Lindenform (29 Arten) gehören 6 Linden, 9 Ahorne {Acer),
eine Eberesche, 5 Pappeln {Poptihis), einNussbaum {Corylus), 5 Birken
und 2 Erlen {Alnus) ; die Eschenform endlich (13 Arten) ist
vertreten durch 2 Eschen {Fraximcs), den Fliederbaum [Sambucus),
eine Staphylea, 4 Ebereschen und im Amurgebiet durch 2 Wallnussbäume
{lufflans), so wie einzelne Vertreter der Eutaceen [Phellodendron),
der Leguminosen {Cladrasiis] und der Araliaceen {Aralia).
Die unermessliche Ebene, welche vom atlantischen bis zum
stillen Meere durch Europa und Nordasien sich fast ununterbrochen
ausdehnt, begünstigt die Wanderung der kräftigeren Organismen in
so hohem Grade, dass sie daselbst leicht ihre klimatischen Grenzen
erreichen können, während der ursprüngliche Ausgangspunkt der
einzelnen Arten sich in den meisten Fällen nicht mehr ermitteln
lässt. Dieses Verhältniss giebt den Vegetationslinien der Bäume eine
erhöhte Bedeutung und ist für die geographische Anordnung der
Laubhölzer ebenso, wie für die Coniferen, im Allgemeinen massgebend.
Allein wie wir in den Karpaten ein mechanisches Hinderniss
erblickten, welches dem Eindringen der Kiefer nach Ungarn
entgegensteht, so ist es der Ural, der als ein Meridiangebirge in ähnlicher
Weise auf die Laubhölzer des Seeklimas einzuwirken scheint.
Indessen sind die Beobachtungen darüber bis jetzt nicht entscheidend.
Middendorffbemerkt, dass fast alle Laubhölzer, welche