
340 III. Mittelmeergebiet.
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Ferner habe icli schon damals darauf aufmerksam gemacht, dass
diese Unabhängigkeit von der Wärme des Klimas der Baumvegetation
als solcher, nicht aber den einzelnen Baumarten zukommt, von denen
eine jede der ihr eigenen Temperatursphäre gemäss in den Waldregionen
sich vertheilt. Denn mit der zunehmenden Wärme des
Klimas ändern sich regelmässig die Baumarten, welche die Baumgrenze
bilden. Die Fichte, die in den Alpen und Pyrenäen am höchsten
ansteigt, wächst in südlichen Hochgebirgen nicht. Die Edeltanne
und die Buche, die in den nördlichen Alpen etwa 1000 Fuss
anter der Fichtengrenze zurückbleiben, bilden auf dem Apennin^ am
Pindus und in Macédonien die Baumgrenze selbst. Die Lariciokiefer,
die am Athos 7 00 Fuss unter den obersten Edeltannen aufhört, ist
derselbe Baum, der am Aetna und am Taurus zu den grössten Hölien
sich erhebt. Fände also die Fichte im Süden ihre übrigen Lebensbedingungen,
so würde sie die Baumgrenze des südlichen Taurus
noch bedeutender hinaufrücken, als dies schon in Lycien durch das
Auftreten des asiatischen Wachholderbaums geschieht. Es muss daher
eine zum Bestehen des Baumlebens erforderliche Bedingung in
den höheren Regionen der südeuropäischen Gebirge nicht erfüllt sein,
und, da es die Wärme und die von dieser abhängige Vegetationszeit
nicht ist, so entsteht die Frage, ob diese Ursache der Erscheinung
nicht in dem Mangel an Feuchtigkeit bestehe, deren die Bäume in
weit grösserem Masse als kleinere Gewächse bedürfen. Dass die
Berge als kältere Körper, die in die Atmosphäre empordringen und
stärkeren Temperaturschwankungen als diese unterworfen sind, den
vom Tieflande oder vom Meere aufsteigenden Wasserdampf niederschlagen,
ist die Quelle ihrer grösseren Feuchtigkeit. Aber weniger
leichtverständlich ist es, dass die Nebel und Wolken, welche sie
erzeugen, in den höheren Regionen abnehmen. Da der Wasserdampf
aus der Tiefe stetig aufsteigt und durch die Verdichtungen,
welche Folge seiner Abkühlung sind, immer nur ein Theil desselben
aus der Luft entfernt wird, so muss es eine physische Ursache geben,
welche dem Abfliessen nach oben eine Grenze setzt. Diese Ursache
scheint darin zu liegen, dass nach den Versuchen Meissner's, von
deren Genauigkeit ich mich in seinem Laboratorium überzeugen
konnte, der Sauerstoff durch elektrische Spannung in die beiden
Ozonformen verwandelt wird, von denen die eine das Antozon. den
Höhengrenzen des Oelbaums, der Kastanie und der Buche. 341
Wasserdampf in Nebelbläschen verwandelt und, indem die Gegensätze
der atmosphärischen Elektricität mit der Höhe wachsen, die
Luft von ihrem Dampfe zuletzt vollständig befreit und die Wolkenbildung
an bestimmte Grenzen bindet. Da nun in Folge dessen der
Dampfgehalt der Atmosphäre über der Wolkenregion rasch abnimmt,
so werden Bäume in einem gewissen Niveau nicht mehr bestehen
können, wenn nicht das Gebirge so hoch und ausgedehnt ist, dass
der Schnee, den der Winter sammelt, während der Vegetationsperiode
zu einer dauernden Quelle fliessenden Wassers wird, welches die
alpine Region tränkt und auch den Boden des Waldes feucht erhält.
Die Circulation dieses Wassers durch die Bäume wird dann freilich
auch wieder den Dampfgehalt der Luft bereichern, und der Waldgürtel,
wo er einmal besteht, zu seiner eigenen Erhaltung beitragen.
Aber im Mittelmeergebiet sind die meisten Gebirge nicht so hoch,
um die Schneelinie zu erreichen, und, wo sie hoch genug wären, wie
die Sierra Nevada, der Aetna, der Taurus, sind es nur einzelne
Steilgipfel, die keinen oder doch nur wenig Schnee tragen. Deshalb
ist der Boden der alpinen Region in den Alpen viel feuchter und
i'feicher bewachsen, und die Wälder steigen im Norden Italiens, von
grossen Schneefeldern gespeist, oft mehr als 1000 Fuss höher hinauf,
als auf jenen so viel südlicher gelegenen Bergen Andalusiens und
Siciliens. Nur die Wälder des Taurus erreichen die Baumgrenze der
Alpen und übertreffen sie sogar in Lycien: aber der Taurus ist auch
an Umfang und Höhe ein wenigstens ebenso i-nächtiges Gebirge, als
die südliche Alpenkette. Auch hat der Wachholderbaum Lyciens
wegen seiner verkürzten, cypressenartigen Nadelbildung gewiss ein
geringeres Feuchtigkeitsbedürfniss als die Laricio - Kiefer, deren
Höhengrenze im Taurus um 1000 Fuss tiefer liegt. Dass aber in
den meisten Gebirgen des Gebiets die Baumgrenze zwischen 6000
und 7000 Fuss liegt, giebt uns einen Massstab, in welchem Niveau
die Wolkenbildungen sich vermindern und die trockenen Höhen der
alpinen Region anfangen.
Will man den Einfluss der Wärme auf die Höhengrenzen-der
Regionen beurtheilen, so ist es dem Obigen zufolge erforderlich, das
Niveau zu vergleichen, bis zu welchem dieselbe Baumart in verschiedenen
Gebirgen ansteigt. Der Durchführung dieses Grundsatzes
stehen freilich verschiedene Bedenken im Wege, einmal, dass man