
224 II. Waldgebiet des östlichen Kontinents.
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verbreitete alpine Pflanze, durch andere verdrängt, sich nur noch an
gewissen entfernt von einander gelegenen Orten erhalten hätte, so
ist nicht zu begreifen, weshalb sie in den Alpen von der östlichen
Art so streng abgesondert ist. Ihr Vorkommen in den westeuropäischen
Gebirgen erinnert an dasjenige der atlantischen Pflanzen des
Tieflands, aber klimatische Ursachen, welche die Beschränkung auf
den Westen veranlasst haben könnten, sind bei einem Qewächse der
alpinen Region nicht nachzuweisen. Es giebt noch einige andere
Fälle ähnlicher Verbreitung, bei denen die Wanderungen den Bahnen
von Zugvögeln entsprechen und in der Meridianrichtung weiter als
in der westöstlichen zu verfolgen sind. Eine Synantheree [ H i e r a -
r i i m a u r m i t i a c u m ) verhält sich wie eine westeuropäische Gebirgspflanze
mit südlichem Verbreitungsschenkel, der von Frankreich bis
zu den südlichen Karpaten reicht. Diese Pflanze wächst nicht bloss
in Gesellschaft jener Gentiana auf den norwegischen Fjelden, sondern
auch in einigen tiefgelegenen Wiesenmooren des nordwestlichsten
Deutschlands (Bremen, Hoya), wo ich sie, fern von jeder Gartenkultar,
unter örtlichen Verhältnissen auffand, die eine Ansiedelung
durch Mitwirkung von in dieser Richtung aus Norwegen nach dem
Süden ziehenden Sumpfvögeln wahrscheinlich machen. Auf dieselbe
Quelle lässt sich auch das merkwürdige Wohngebiet der Aldrovanda^
89) beziehen, einer Wasserpflanze, die sporadisch eine von
Nordosten nach Südwesten sich erstreckende Zone von Pommern und
Lithauen bis zur Garonne und zum Po bewohnt. Allein hätten Zugvögel
jene Gentiane verbreitet, so ist, die systematische Richtigkeit
der Thatsachen vorausgesetzt, nicht zu begreifen, wie sie nach
Siebenbürgen und eine Varietät derselben gar nach Kamtschatka
hätte gelangen sollen. Ich weiss keine andere Vermuthung auszusprechen,
als dass verschiedene Ursachen hier zusammengewirkt
haben, um eine so verwickelte Erscheinung zu veranlassen, theils die
Verdrängung aus einem ehemaligen grösseren Wohngebiet und die
Zurückweisung der Ansiedelungen durch verwandte Arten von stärkerer
Organisation, theils die Erweiterung derselben durch üebertragung
des winzigen und mit einem häutigen Flügelrande umgebenen
Samens im Gefieder, im Kropf oder Darmkanal der Vögel, wenn
nicht auch in den Strömungen der atmosphärischen Luft. Aber es
Jässt sich nicht läugnen, dass anscheinend der vorliegende Fall im
Vegetationscentren der Pyrenäen. 225
Darwinismus eine ansprechendere Erklärung finde, wenn angenommen
wird, dass aus derjenigen Gentiane [ G . p u n c t a t a ) , deren Wohngebiet
in mehreren Richtungen übergreift, unter geänderten physischen
Bedingungen die beiden anderen Arten durch Umbildung entstanden
seien. Indessen ist zu erinnern, dass dieser Hypothese Schwierigkeiten
entgegenstehen, deren Lösung ausserhalb des Bereichs der Erfahrung
liegt, nämlich zuerst, dass die drei Arten ungeachtet ihrer Verwandtschaft
doch in ihrem Bau so sehr abweichen, wie dies bei
Varietäten von Gentianen nie beobachtet wird, während doch keine
Uebergänge vorkommen, wohl aber zwischen zwei derselben {G.
p u n c t a t a V i . p u r p u r e a ) eine hybride Bildung, sodann dass die Verschiedenheit
der äusseren Bedingungen, die ihre Umbildung bewirkt
haben sollen, völlig unbekannt bleibt, endlich dass auch die weiten
Lücken des Wohngebiets nicht erklärt sind, sondern dieselben Einschränkungen
der Wanderung voraussetzen, wie dies der Fall ist,
wenn man sie als selbständig entstanden sich vorstellt. Es möchte
daher auch hier die grössere Einfachheit der Migrationshypothese
zur Empfehlung gereichen, welche die Verwandtschaft der drei Arten
von ihrem Ursprung aus den Centren desselben geographischen Systems
und das bald übergreifende, bald gesonderte Wohngebiet davon
ableitet, dass sie eine ungleiche Receptivität gegen äussere Einflüsse
besitzen und die ehie zarter organisirt sei, als die andere.
Der Austausch der Pyrenäen mit den Alpen ist auf die Weise
vor sich gegangen, dass die Wanderung von den Alpen aus häufig
erfolgte, von den Pyrenäen zu den Alpen dagegen nur selten. Dies
ergiebt sich daraus, dass die meisten Alpenpflanzen, die in den Pyrenäen
wiederkehren, Arten von grosser Wanderungsfähigkeit sind,
die in den verschiedensten Richtungen sich ausbreiteten und daher
auch in anderen Gebirgen aufzutreten pflegen. In den Pyrenäen ist
der östliche Abschnitt der Kette, der durch die Cevennen mit den
übrigen Gebirgen Frankreichs unmittelbar zusammenhängt, jedoch
von den Verzweigungen des Alpensystems durch das Rhonethal getrennt
wird, vermöge seines Mediterranklimas dem Gebiete fremd,
und deshalb sind nur wenige seiner Erzeugnisse den Bergketten nach
Norden gefolgt. Den klimatisch ähnlicheren Centraipyrenäen aber
fehlt mit diesen jede orographische Verknüpfung. Zwischen den Gebirgen
Spaniens dagegen und der ganzen Pyrenäenkette besteht ein
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G r i s e b a c Ii, Vegetation der Erde. I, 15