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196 IL Waldgebiet des östlichen Kontinents.
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die Kultur der Cerealien erreicht in den penninischen Alpen zuweilen
ein so beträchtliches Niveau, dass dasselbe nur aus örtlichen Einflüssen
in den von Nord nach Süd gerichteten Thälern zu erklären
ist [Weizen bis 5400', Gerste bis 6100' ^^i)]. Das klimatische Verhältniss
der nördlichen Kalkalpen zu der Centraikette wurde von
Schlagintweit glücklich aufgefasst, indem er die vereinzelten,
zerrissenen, durch jähe Abgründe geschiedenen Gipfel der ersteren,
die von der Sonne weniger erwärmt werden, der massenhaften Wölbung
der letzteren gegenüberstellt, wo die hohe Lage der Thäler
sich dem Charakter des Tafellandes annähert.
In dem grösseren Theile der südlichen Alpenkette, von Piémont
bis zu den Dolomitalpen Illyriens herrschen die schroffen Formen des
Kalkgesteins, aber das Niveau der Regionen verhält sich ähnlich,
wie in der höheren, centralen Hebungslinie. Hier werden durch die
geographische Lage die Nachtheile der plastischen Gestaltung ausgeglichen.
ImDauphiné, wo der Hauptkamm an die Ostseite des
Systems rückt und sich unmittelbar aus der piemontesischen Ebene
erhebt, indem sich westwärts sodann andere, nicht minder hohe Gebirgsgruppen
unregelmässig an denselben anreihen, bemerkt man
eine Depression der Regionen auf den äussersten, dem Rhonethale
zugewendeten Alpen. Die westliche Gruppe der Grande Chartreuse
ist mit den nördlichen Kalkalpen, der östliche Kamm des Monte Viso
mit den südlichen zusammenzustellen. Indessen sind es diese französischen
Alpen, wo durch den Einfluss des wärmeren Klimas, den
Wechsel der Exposition und dadurch, dass die Wälder meist zurückgedrängt
und verwüstet sind, die Schwankungen im Niveau der
Baumgrenzen den grössten Umfang erreichen : hier wurden Lärchen
und Arven in Höhen beobachtet, wie nirgendwo anders in den Alpen
i— 7 700 Fuss), wogegen die Fichte an dem steilen Eckpfeiler
der Grande Chartreuse (— 5800 Fuss) noch unter dem Niveau zurückbleibt,
welches sie in der Centralkette zu erreichen pflegt. Eine
noch beträchtlichere Depression erleidet die Baumgrenze in der östlichen
Gliederung des illyrischen Karst, dessen Hochebene die Nachtheile
nicht zu ersetzen vermag, welche von der geringeren Höhe der
Gipfel, der ungünstigen Beschaffenheit des Bodens und von dem
Einflüsse des adriatischen Meers abzuleiten sind, zu dessen Tiefe die
Bora, als ein gewaltiger Nordwind, hinabweht. Aber die Beschrän-
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Alpen. 197
kung des Waldes wird noch dadurch erhöht, dass der Gürtel der
Nadelhölzer sich nicht allgemeiner entwickelt und die Baumgrenze
alsdann durch die Buche gebildet wird. Indessen scheint selbst in
dem südlichsten Theil der dinarischen Alpen, in Bosnien, die Fichte
nicht so hoch zu steigen (— 5000 Fuss), wie es in dieser Breite bei
grösserer Gebirgshöhe der Fall sein möchte.
Eigenthümliche Abweichungen von der gesetzmässigen Anordnung
der Regionen zeigen gewisse Bäume, die in den südlichen Alpen
nicht so hoch ansteigen, als ihre, aus anderen Gegenden abgeleitete
klimatische Sphäre zu fordern scheint. Das merkwürdigste Beispiel
bietet die Fichte dar, die in den nördlichen Kalkalpen gegen 1000 Fuss
höher ansteigt, als die Edeltanne, im Dauphine dagegen nicht über
sie hinausreicht. Hier stehen wir bei einer Erscheinung, die nicht
genügend aus dem Umstände zu erklären ist, dass die Fichte, ohne
weiter in die Gebirge Italiens einzutreten, bereits in den südlichen
Alpen zu ihrer aequatorialen Grenzlinie gelangt und also vielleicht
hier nicht mehr in gleichem Umfange, wie weiter nordwärts, die Bedingungen
ihres Gedeihens fände. Es müsste ein Einfluss ermittelt
werden, der in Südeuropa der Fichte nachtheilig und der Edeltanne
vortheilhaft sein könnte, und, wenn ein solcher aus dem physiologischen
Verhalten beider Bäume sich nicht ergeben sollte, würde man
bei dem Gesichtspunkte einer unvollendeten Einwanderung aus dem
Norden stehen bleiben. Dabei aber ist wiederum nicht einzusehen,
weshalb die Fichte, von der Centralkette zu den südlichen Alpen fortschreitend,
nicht in entsprechendem Niveau sich auch weiterhin sollte
angesiedelt haben. Im Abschnitt über das Mediterrangebiet wird gezeigt
w^erden, dass die dortigen Gebirge über dem Niveau von 6000 Fuss
zu trocken sind, um Wald zu erzeugen, und dieses Verhältniss macht
sich auch in manchen Gegenden der südlichen Alpen und namentlicli
im Dauphine geltend. Die Fichte gehört unstreitig zu den Bäumen,
die einer starken Befeuchtung des Bodens bedürfen, weshalb auch so
reiche Moospolster in ihrem Schatten sich zu entwickeln pflegen.
•Sollte hierin nicht die Ursache liegen, dass die Wanderung des
Baums nach Süden auf den Alpen eine Schranke gefunden hat, während
die Edeltanne, eben weil sie ihrer Temperatursphäre nach in
6in tieferes Niveau gehört, bei gleichen Ansprüchen an Feuchtigkeit
^ich in die Gebirge des Mediterrangebiets verbreiten konnte, wo sie