
30 T. Arktische Flora.
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Stimmend, d.ss ganze Erdtheile oder Inseln einen gemeinsamen Charakter
der Flora niclit verkennen lassen. Da das anstehende Gestein
am stärksten erwärmungsfähig ist und dieses in der Polar.one des
amerikanischen Kontinents von lockeren Erdkrmnen wenig bedeckt
wu-d, so fehlen hier die Moostundren, die auf dem Festlande von
Asien und Europa vorherrschen, wo das in der Glacialzeit durch die
Ablagerung aus den Flüssen erweiterte Tiefland die Küste des Eismeers
bildet. Je dürftiger die Vegetation ist, desto weniger Humus
wird erzeugt, und daher sind die felsigen Inseln Nowaja Semlja und
Spitzbergen im Nachtheil gegen Grönland und Island/wo die Veo-etationszeit
am längsten dauert und daher die arktische Flora verh^ltnissmässig
am reichsten entwickelt ist.
Im grössten Theile seines Umfangs würde das Gebiet der arktischen
Flora den mensclilichen Ansiedelungen fast ganz verschlossen
bleiben, wenn nicht die Erzeugnisse des Meers den Unterhalt gewährleisteten
und die Wanderungen der Samojeden im alten, der
Eskimos im neuen Kontinent veranlasst hätten. Die abgelegeneren
Inseln namentlich Spitzbergen, Nowaja Semlja, Neusibirien und das
weitläuftige Tiefland des Archipels im arktischen Amerika, sind indessen
ganz unbewohnt geblieben, gleich den Tundren im Inneren des
Festlandes. Aber jene hochnordischen Inseln haben denen die sie
besuchten, doch keineswegs den Eindruck der Oede und Verlassenheit
zurückgelassen, wie die einförmige Tundra, wo die unorganische
Natur kemen Wechsel der Gestaltung bietet und das organische
Leben dem unterirdischen Eise beinahe zu erliegen scheint Von
Nowaja Semlja entwirft Baer ein Bild, welches den lieiz des einsamen
Polarlandes anziehend genug erscheinen lässt. Noch in späten
Jalu-en bemerkt er gehöre die Erinnerung an den grossartigen
Anblick dunkler Gebirge mit mächtigen Schneemassen und an den
Gegensatz_ farbenreicher Blumen der Ufersäume zu den lebhaftesten
Bildern seines Gedächtnisses, zu den schönsten, möchte er sagen der
Eindruck feierlicher Stille, die auf dem Lande herrscht, wenn die
Luft ruht und die Sonne heiter scheint, sei es am Mittage oder um
Mitternacht, und die weder durch ein schwirrendes Insekt noch durcJi
die Bewegung eines Grashalms oder Gesträuchs unterbrochen wird
Dem Ackerbau unzugänglich, da die Vegetationszeit für die
Cerealien zu kurz ist, hat der Boden der arktischen Flora für die
Bewohnbarkeit. — Geologische Aenderimg des Klimas. 37
nomadisirenden Völkerschaften, die ihn im Sommer mit ihren Heerden
aufsuchen, doch nur eine untergeordnete Bedeutung. Die Formation
der mit Stauden und geringem Graswuchs bewachsenen Matten
ist die einzige, die wenige Wochen hindurch einen Weidegrund gewährt.
Es ziehen daher nur einzelne Familien von Samojeden an
den Flüssen aus dem Waldgebiete Sibiriens in das nördliche Taimyrland,
deren jährliche Wanderungen mit denen der'Sennwirthe in den
alpinen Gebirgen zu vergleichen sind. Auch da, wo der Sommer der
arktischen Flora am längsten dauert, lässt das Klima niclxt einmal
den Anbau der Gerste zu. Selbst der Isländer muss sich mit Viehzucht
und mit dem, was das Meer ihm bietet, begnügen: kaum,
dass er einiges Gemüse sich verschaffen kann. Und doch hat der
Sommer in Reikiavik dieselbe Mittelwärme ^2), wie zu Alten in Lappland,
am Kaafjord, dessen Ufer noch innerhalb der Zone der Sommercerealien
liegt. Martins 2:^) leitet die Erscheinung, dass im südlichen
Island der Ackerbau nicht mehr betrieben werden kann, von der
Feuchtigkeit und Kälte des Vor- und Nachsommers ab : die Gerste
faule gleichsam auf dem Halme, ohne den Samen zu reifen, und
neben dem klaren Himmel komme in Alten auch die etwas höhere
Augustwärme in Betracht, die in "Island den erforderlichen Grenzwerth
nicht zu erreichen scheint.
In Europa haben Ackerbau und Baumwuchs eine übereinstimmende
Polargrenze. Aber hier ist durch Heer's Untersuchungen
über die Tertiärflora der arktisclien Zone 24) eins der dunkelsten
Probleme entstanden, in welchem sich die Geographie der heutigen
Pflanzen mit der Geologie berührt. Man wusste schon lange, dass
in dem Surturbrand Islands, einer Ablagerung von fossilen Hölzern,
die dem rheinischen Miocen entspricht, die so ausgezeichnet gestalteten
Blattabdrücke des Tulpenbaums (Liriodendron) vorkommen,
einer Magnoliaceenform, die jetzt in den vereinigten Staaten einheimisch
ist und sich bis zum südlichen Kanada verbreitet. Die
Braunkohlen aus den verschiedensten Meridianen zwischen dem
Mackenzie in Nordamerika und Spitzbergen, von Banksland und
Grönland, haben nun ergeben, dass zu der Zeit, als dieselben gebildet
wurden, die Wälder sich durch einen grossen Theil der arktischen
Flora erstreckten, eine Linde sogar noch an der Kingsbai in Spitzbergen
(78 gedeihen konnte. Im Allgemeinen sind die Schlüsse