
26 I. Arktische Flora. Sommerwärme. 27
im Sommer verschwindet, auch mit einer viel kürzeren Zeit auszukommen
hat, und dies ist ein wichtiger Gesichtspunkt, der in der
Organisation ihrer Pflanzenformen seinen Ausdruck finden wird.
Wäre aber auch ein früheres Erwachen und eine längere Erhaltung
des Saftumtriebes möglich, als jenes angenommene äusserste
Zeitmass umfasst, so würden doch alle die Gewächse ausgeschlossen
bleiben, die zur Vollendung ihrer jährlichen Bildungen zwar die erforderliche
Zeit hindurch flüssiges Wasser im Boden fänden, deren
Entwicklung aber an höhere Temperaturen gebunden ist. Dies ist
die Ursache, weshalb die Bäume nicht mehr fortkommen, von denen
die Birke, die unter den Laubhölzern am weitesten in kalte Klimate
vordringt, doch erst bei einer Wärme von 6 o R. den Frühlingstrieb
zu entwickeln beginnt. Diese Wärme wird in Grönland, in der Breite
von Island (65«) kaum 2 Monate hindurch, im Juli und August, erreicht,
also viel zu kurze Zeit für die Vollendurg ihres jährlichen
Wachsthums. An den Südgrenzen des arktischen Gebiets, wo die
Bäume ihre Lebensbedingungen zu finden anfangen, können wir den
Einfluss, den die Kürze der Entwickelungszeit auf die Vegetation
ausübt, am sichersten erkennen. Der Süden Islands, der vom Golfstrome
berührt wird, aber doch keine einheimischen Bäume besitzt,
kann als ein solcher Grenzpunkt gelten: denn in Reikiawik (64,»)
gelingt es kleine Birken zu ziehen, wenn sie vor den stürmischen
Winden hinlänglich geschützt sind. Klimatisch ist dies nun dadurch
erklärlich, dass hier die Monatswärmen vom Mai bis zum September
über 6 " sich erheben, während an der Nordküste, am Eyafjord, dies
nur im Juli und August, wie in Grönland, der Fall ist. Die Baumgrenze
würde daher die Südküste Islands berühren, wie es vielleicht
in früheren Zeiten der Fall gewesen ist, aber da der Wald keinen
Schutz findet, ist die arktische Flora in den offenen Kaum eingetreten.
Im entgegengesetzten Sinne rücken an der Petschora und anderen
Flüssen des arktischen ßusslands die Bäume nach Norden hinaus in
die Tundren des Sämojedenlandes li) (bis 672/;! (»). Zwischen diesen
zungenähnlich in den Stromthälern vorgestreckten Waldungen breitet
sich die baumlose Ebene weithin südwärts aus (bis 66 0) . g^- igt an
der unteren Kolwa in der Breite des Polarkreises der Wald nur etwa
eine halbe g. Meile breit und wird nach Norden allmälig schmaler
und,, wie es Waldinseln innerhalb der Tundren giebt, so zeigen sich
auch waldumschlossene Tundren diesseits der Grenzen des zusammenhängenden
Waldgebiets. Solche Erscheinungen erklären sich in den
südlichen Steppen leicht aus der grösseren Feuchtigkeit des Bodens
in der Nähe der Strombetten, weil daselbst die Baumlosigkeit von
trockenen Jahreszeiten abhängig ist, welche die Dauer der Vegetation
über das den Bäumen nothwendige Mass hinaus verkürzen. Aber in
der arktischen Zone ist nicht Trockenheit, sondern die durch die
kältere Temperaturkurve verkürzte Vegetationszeit die Ursache der
Waldentblössung, indem die Flussthäler durch ihre tiefere Lage die
Erscheinung bedingen. Denn im Petschoragebiet sind die Flussbetten
allgemein von zwei Terrassen eingefasst, deren Böschungen,
vor den Luftströmungen, vor dem Ungestüm kalter Nordstürme, geschützt,
nach oben vorzugsweise bewaldet sind. Wäre es die angesammelte
Wassermasse des Stromes oder die Nähe des Meeres, wodurch
das Klima örtlich gemildert würde, so würde im ersteren Falle
der untere Theil der Terrassen bewaldet sein, der von Stauden und
Weidengebüsch bedeckt ist, im letzteren müsste die Baumgrenze
gleich massiger dem Abstände von der Küste folgen. Aber nur die
gewundenen Flusslinien begleitet der Wald, dessen Tannenstämme
noch 2 Fuss im Durchmesser messen, und breitet sich oberhalb der
feuchteren Gebüsche aus, wo er sich an der oberen Terrasse hinaufzieht
und in der wagerechten Tundra aufhört. Den Abstand beider
Abhänge schätzte Schrenk an der Kolwa auf 600—1800 Fuss.
Aber nicht die Kürze der Vegetationszeit allein ist es, wodurch
die Bäume aus dem arktischen Gebiete zurückgewiesen werden.
Fänden sie auch die entsprechende Temperatur, ihren Saftumtrieb
zu beginnen, und Zeit genug, ihn zu vollenden, so würden doch die
höheren Wärmegrade ihnen entgehen, deren sie in den mittleren
Zeiten ihres Wachsthums bedürfen. Unter allen ermittelten thermischen
Werthen entspricht die Juliwärme von 8 ß. der Polargrenze
der Wälder am vollständigsten. Die Pflanzen der gemässigten Zone
sind in dem jährlichen Kreislauf ihrer Wachsthumsphasen auch an die
höheren Werthe der Temperaturkurve gebunden, die sie im arktischen
Gebiete nicht mehr empfangen würden. In manchen Fällen, wie
beim Weinstock, ist es leicht zu erkennen, dass die einzelnen Abschnitte
der jährlichen Entwickelung an die Temperatur verschiedene
Ansprüche machen, aber dies ist als eine allgemeine Forderung der