
96 IL Waldgebiet des östlichen Kontinents. Westliche Vegetationszonen. 97
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Lärchenwald«^^) und ist mit den nördlichsten Wäldern Sibiriens zu
vergleichen. Auf Kamtschatka hingegen wechselt der kühle Sommer
des Seeklimas mit gemässigter Winterkälte ^s). Das Litoral des Festlandes^^)
hat im Umkreise des Meerbusens von Ochotsk und über
die Amurmündung hinaus die viel strengeren Winter des Binnenlands,
von dem es sich durch grössere Feuchtigkeit, durch beständige
Nebelbildungen unterscheidet. Hiedurch wird die Sommerwärme
gemindert, an der Mündung des Amur noch nicht erheblich , aber
doch dabei ein Grenzwerth überschritten, der die Vegetationsperiode
auf ein kürzeres Zeitmass einschränkt, so dass an der Küste die
Nadelhölzer, welche im Inneren in das Gebirge rücken, nun in die
Ebene hinabsteigen. Von dem Klima Kamtschatkas weiss man^^),
dass hier die Sommerwärme wenig höher ansteigt, als im Litoral von
Ochotsk; da aber der Winter bei weitem milder ist, so wird auch die
Vegetation früher erwachen und daher in Kamtschatka eine Periode
der Entwickelung von ähnlicher Dauer, wie im Amurlande, möglich
sein, während doch die geringere Sommerwärme dessen südlicheren
Laubhölzern nicht genügt.
Fassen wir nun die Vertheilung der Bäume in Russland und
Sibirien im Ganzen zusammen, so ist ihre Anordnung in allen Fällen
auf die Dauer der Vegetationszeit zurückzuführen, deren Verkürzung
entweder auf der steilen Temperaturkurve des kontinentalert Klimas
oder auf der Abnahme der solaren Wärme beruht, und die zugleich
dadurch .bestimmt wird, dass die verschiedenen Baumarten während
ihrer einzelnen Entwickelungsphasen sich gegen die Temperatur ungleich
verhalten. Von den grossen, natürlichen Abschnitten des
Gebiets entsprechen die Eichenwälder des europäischen Russlands
und des Amurlandes der längeren, die Nadelwälder, in welche die
Birke eintritt, der kürzeren, unter diesen die Lärchen der kürzesten
Vegetationsperiode, und in der Mitte stehen die gemischten Bestände
Kamtschatkas, wo die Entwickelungszeit verlängert, aber die Sommerwärme
vermindert ist.
In dem Buchenklima des westlichen Europas sind die Verhältnisse
nicl't so einfach. Hier giebt es Gewächse, welche die Winterkälte
des Binnenlandes nicht ertragen, andere, die bei der niederen
Sommerwärme der Küste nicht bestehen können, und bei diesen Beschränkungen
ist die ungleiche Dauer der Vegetationsperiode ebenfalls
in Betracht zu ziehen. Die Sommerwärme wächst gegen Südosten
mit der steigenden solaren Wärme und mit dem Abstände von der
Küstenlinie : Vegetationslinien von gleicher Lage, wie die der Edeltanne
und des Weinstocks, lassen also auf eine Abhängigkeit von
diesem klimatischen Werthe schliessen. Die Winterkälte aber nimmt
nach Nordosten zu, weil auf sie die Poihöhe in entgegengesetztem
Sinne Avirkt und. die Einflüsse des Meers und des atlantischen Golfstroms
diese Wirkung mässigen. Da nun die Entwickelungsperiode
der Pflanzen in derselben nordöstlichen Richtung verkürzt wird, so
entsteht hier die schon bei der Buche berührte Frage, auf welche
dieser beiden Bedingungen die Vegetationslinien von gleicher Lage
zu beziehen sind.
Nur von einigen Sträuchern lässt sich sicher nachweisen, dass
sie, von den Küstenlandschaften in das Binnenland verpflanzt, durch
den Frost des Winters zu Grunde gehen. Dahin gehören der britische
Ginster [Ulex) und der Hülsenstrauch {Hex}. Die Beobachtungen
beziehen sich auf das nordwestliche Deutschland, und hiebei
ist zu beachten, dass hier wegen der Erhebung des Binnenlandes der
Abstand vom Meere einen stärkeren Einfluss auf die Temperaturkurve
ausübt, als die Polhöhe, und dass daher die Linien gleicher
Winterkälte ebenfalls, wie die der Sommerwärme, der Küste parallel
v e r l a u f e n ^ Der britische Ginster wurde am Ende des vorigen
Jahrhunderts in Hannover zur Anpflanzung von Hecken empfohlen
und hat sich im Innern des Landes, z. B. in der Nähe von Göttingen,
nicht erhalten, weil die Stämme in kalten Wintern abstarben, während
dieser Strauch in einigen der Nordseeküste näher gelegenen
Gegenden, z. B. bei Osnabrück, einheimisch ist. lieber den Hülsenstrauch
ist die Beobachtung entscheidend, dass dieses in den Buchenwäldern
der Küstenlandschaften Norddeutschlands weitverbreitete
Gewächs mit zunehmendem Abstände vom Meere kleiner wird, weil
an seiner südöstlichen Vegetationslinie, z. B. bei Hannover, die
Stämme von Zeit zu Zeit bis auf die unterirdischen Organe erfrieren.
In beiden Fällen beträgt der Küstenabstanä, den diese Sträucher ertragen,
nur 20 g. Meilen.
Da sich die Beobachtungen über die Abhängigkeit der Vegetationslinien
von der Winterkälte nicht leicht vervielfältigen lassen, so
muss eine andere Methode benutzt werden, um eine natürliche
•G T i s e'"b a c Ii, Vegetation der Erde. I. 7
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