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262 III. Mittelmeergebiet.
daher einen umfassenden Austausch der Pflanzen über das ägäische
Meer gestattet hat, erinnert das Vorland von Cilicien an das heisse
Andalusien, das Litoral des Pontus in seiner östlichen Hälfte an die
Feuchtigkeit Asturiens. Wie ferner der spanische Süden mit dem*
gegenüberliegenden Theile Afrikas und die kantabrische Küste mit
dem westlichen Frankreich durch Klima und Vegetation verbunden
sind, so geht auch die cilicische Flora in die syrische, die pontische
in die Mingreliens über, ohne dass die Aenderung der Küstenlinie
hier irgend einen bemerklichen Einfluss auf diese Verhältnisse ausübt.
Die ionische Westküste zeigt uns im Klima von Smyrna^®) fast
denselben Unterschied des wärmsten und kältesten Monats, wie Athen
(18 ^'R.); von der benachbarten Insel Chios kennt man dieselbe
Regenarmuth (62 Regentage im Jahr). Die Dürre des Sommersmuss
hier auch deshalb besonders gross sein, weil der Passat von
dem Tafellande herabkommt. Dasselbe gilt auch von dem südlichen
Litoral, wo in der That nach den Beobachtungen in Tarsus an der
cilicischen Küste die Zahl der Regentage noch geringer ist (nur 46
im Jahr). Aber hier steigert sich die Temperatur bedeutend, nicht
bloss wegen des doch nur geringen Unterschiedes der Breite, sondern
aus denselben Ursachen, wie in Nizza, weil die hohen, westöstlichen
Taurusketten steil über das Vorland sich erheben und die nördlichen
Winde abhalten. Hier ist daher der kontinentale Charakter des.
Klimas aufgehoben, der Winter, wiewohl doch zuweilen Schnee fällt,,
ungemein milde, und der Unterschied des wärmsten und kältesten
Monats beträgt nur 14^ R. Der Südküste Anatoliens entspricht die
Grenze der Dattelpalme, die von Syrien aus bis Lycien hier und da.
vorkommen soll, aber der westlichen Abdachung der Halbinsel fehlt.
Verwickelter sind die klimatischen Erscheinungen an der Nordküste,-
am schwarzen Meere. Die Olivenkultur, die dem Süd- und Westrande
Anatoliens gemeinsam ist und noch bei Brussa am Fusse de&
bithynischen Olymps in voller Blüthe steht, hört am Bosporus auf
und fehlt in dem westlichen Abschnitt der pontischen Küste, um jenseits
des Vorgebirgs von Sinope im Osten noch einmal wiederzukehren
. Wenn die Ursache dieser Erscheinung auf dem strengeren
Winter von Konstantinopel beruht, so handelt es sich dabei doch nur
um Grenzwerthe, die hier überschritten und in Trapezunt nicht erreicht
werden. Aber die Unterschiede in dem Vegetationscharakter
Klima Anatoliens. 263
des westlichen und östlichen Theils der Nordküste von Anatolien sind
viel bedeutender, als dass sie hiedurch zu erklären wären, sie begründen
eine abgesonderte pontische Flora, während westlich von
Sinope die Vegetation der der thracischen Küsten am Bosporus entspricht.
Die Flora des Pontus hingegen, wie sie aus den Sammlungen
von Trapezunt und Lasistan bekannt geworden ist, stimmt
mit der der Ostküste von Mingrelien bis zum Fusse des Kaukasus
überein. Sie besitzt zwar auch eine immergrüne Region, wie das
übrige Litoral Anatoliens, aber die geselligen Sträucher, die sie bilden
^O), sind theils eigenthümliche Arten, theils nehmen sie mitteleuropäische
Holzgewächse unter sich auf und gedeihen in ungewohnter
Ueppigkeit dicht verschlungenen Wachsthums. So entsteht hier
ein selbständiges Uebergangsgebiet zur nordeuropäischen Flora, zu
den Wäldern des Kaukasus und den höheren Regionen der pontischen
Gebirgskette. Die klimatische Ursache liegt iii den Feuchtigkeitsverhältnissen,
die an dieser Küste durchaus von den Bedingungen
der Mediterranflora abweichen. Denn der Sommer, der in Konstantinopel
nur 6 Regentage zählt, hat in Trapezunt 28, ja der Juni ist
daselbst der feuchteste Monat des ganzen Jahrs. Die pontisch-mingrelische
Küste gehört zu den Landschaften, wo die Niederschläge
über das ganze Jahr sich so regelmässig vertheilen, dass die Vegetation
durch Dürre niemals unterbrochen wird. Da nun aber die
nördlichen Passatwinde im Sommer ebenso wohl in Trapezunt, wie
in Konstantinopel herrschen, so werden wir auf den Reliefunterschied
beider Küstenabschnitte hingewiesen, um diese Erscheinungen aufzuklären.
Abich«) hatte das feuchte Seeklima Mingreliens von dem
Einflüsse des Kaukasus abgeleitet, an welchem die vom schwarzen
Meere kommenden Luftströmungen ihre Feuchtigkeit niederschlagen,
während dieses Gebirge gegen die kalten Steppenwinde einen Schutz
gewährt. Diese Bemerkung möchte Tchihatcheff, dem wir so viele
treffliche Aufschlüsse über das Klima Anatoliens verdanken, auch
auf die pontische Küste übertragen, die vom Kaukasus gleichfalls
gegen die Kälte geschützt werde. In der That ist es bemerkenswerth,
dass die pontische Flora gerade so weit reicht, als die Hauptkette
des Kaukasus der anatolischen Küste nordöstlich gegenüberliegt.
Hiedurch wird diese Küste gegen die erkältenden Einflüsse
des russischen Steppen winters, die an der unteren Donau fühlbar
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