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416 IV. Steppengebiet.
aber der Gegensatz des Klimas iind der Vegetation da, wo der
Tigris aus den Gebirgen tritt, doch höchst überraschend. Zu Mosul
herrscht im April ein heiterer Himmel, und den dürftigen Gras wuchs
der mesopotamischen Ebene beginnt bereits Sommerhitze zu versengen,
in einer Jahrszeit, in welcher Erzerum noch in Schnee und Eis begraben
liegt. So gross auch der Unterschied des Niveaus ist, so
erklärt dies doch den Gegensatz des Klimas nicht genügend, da auch
Armenien und Aserbeidschan sich in gewissen Richtungen beträchtlich
senken imd der Charakter des Landes doch derselbe bleibt. So
ist das Thal des Araxes schon zwischen dem Alages und dem Ararat
tief eingeschnitten (bis 2500 Fuss) und geht allmälig in die Tiefebene
des Kur über. Die durch Irrigationen unterhaltenen Baumpflanzungeu
der Dörfer sind am Araxes wie Oasen zerstreut und
von wüster Steppe umgeben. Niemals haben sich hier grössere
Städte entwickelt, wie in Mesopotamien, wo sie die älteste vorderasiatische
Civilisation, die assyrische und babylonische, begründeten,
wo eine intensive Bodenkultur blühte und noch jetzt die Dattelpalme
gezogen wird. Nicht das Niveau, nicht eine ungleiche Zugänglichkeit
des Flusswassers, welches in beiden Fällen dem Ackerbau nothwendig
ist, sondern die verschiedene geographische Lage ist die
Ursache dieses Gegensatzes, indem das Araxesthal, noch Nordost
geöffnet, die Luftströmungen des Kontinentalklimas aus den kaspischen
Steppen empfängt, der Euphrat und Tigris hingegen mit den
heissen Küsten des persischen Meerbusens und mit der syrischen
Wüste'in unmittelbarer Verbindung stehen. Die armenische Flora
beweist eben aufs Neue, indem sie allmälig in die um 2000 Fuss
tiefer gelegene, dürre, baumlose, von der Sonne verbrannte Hochebene
von Aserbeidschan tibergeht, dass der Charakter der Steppenvegetation,,
wie in Spanien, von dem Niveau unabhängiger ist, als
von der Dauer und Strenge des Winters und von der Trockenheit
der Luft.
Das armenische Klima ist den benachbarten Hochländern gegenüber
zwar durch die Kälte des Winters und durch die Verspätung
der Vegetationszeit im Nachtheil, aber ungeachtet einer trockenen
Atmosphäre doch durch weit grösseren Wasserreichthum vortheilhaft
ausgezeichnet. Der Uebergang zum Sommer erfolgt rasch nach dem
Aufthauen des Schnees, aber die kurze Dauer einer dem Pflanzen-
Armenien. 417
leben entsprechenden Wärme lässt in Armenien keinen Wald aufkommen,
sondern erzeugt in den höher gelegenen Gegenden Gewächse,
die in ihrer Organisation der alpinen Flora näher stehen,
während durch die Regenlosigkeit der heissen Monate die klimatische
Analogie mit den oberen Regionen der Alpen und des Kaukasus
wiederum aufgehoben wird. Ein zusammenhängender Waldbestand
gehört nur den äusseren Randgebirgen an, deren feuchter Sommer
einen entschiedenen Gegensatz zwischen der Flora des inneren Armeniens
und der Vegetation in den Gegenden des Alages hervorruft,
durch welche ein Uebergang zu den Pflanzenformen des Kaukasus
vermittelt wird. Zu den feuchtesten Landschaften gehören die Umgebungen
des Goktschai-Sees, wo im Spätsommer die Heerden von
fernher zusammenströmen und auf reichen Alpentriften weiden,
während das übrige Hochland längst verdorrt ist 36). In der That
geht hier die Vegetation langsamer von Statten, als im übrigen Armenien,
wo die EntWickelung sich so beschleunigt, dass stellenweise
das durch Irrigationen bewässerte Getraide in zwei Monaten von der
Saat bis zur Ernte reift. Allein dieser klimatische Gegensatz findet
eben auch nur im Sommer statt, der im inneren Armenien wolkenlos,
dürr und heiss ist. Im Winter hingegen, der in der Regel vom
Oktober bis zum Mai, also volle acht Monate dauert 32)^ treiben stürmische
Nordostwinde vermöge der offenen Lage des Araxesthals den
Wasserdampf bis zu den westlichen Gebirgen von Erzerum. Die
klimatische Eigenthümlichkeit des armenischen Randgebirgs beruht
zugleich darauf, dass hier die östlichen Winde, die vom kaspischen
Meere kommen, fast das ganze Jahr überwiegen 3V). Eigentlich
äquatoriale Luftströmungen scheinen in Armenien deshalb ausgeschlossen
zu sein, weil in südwestlicher Richtung die Taurusketten
fortstreichen. Aber der häufigere Wechsel des Windes in der kalten
Jahrszeit fördert auch in den inneren Thälern den Niederschlag, der
in Gumri noch 17 Zoll beträgt.
Die Verbreitung schmelzender Schneefelder, die reichliche
Spende des fliessenden Wassers und die durch den heiteren Himmel
gesteigerte Sommerwärme sind die Bedingungen der Bodenkultur in
diesem Hochlande und stehen dadurch mit der historischen Bedeutung
und EntWickelung des armenischen Volks in engem Zusammenhang.
Ein Land, welches, von Hochsteppen oder Alpenwiesen
G r i s e b a c h , Vegetation der Erde. I. '27
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