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466 IV. Steppengebiet.
Für die botanische üntersncluing des Kaiikuons ist zwar schon
in früherer Zeit dnrcli Marschall von Bieberstein, Me\'er nnd Andere
viel geleistet, aber doch musste dielvenntniss dieses znr Vergleichung
mit den Alpen so wichtigen Gebirgs bis znr Unterwerfnng der unabhängigen
Stämme eine lückenhafte bleiben. Seitdem sind Rupreclit
zn den Sitzen der Lesghier in Daghestan und Radde zu denen der
Tscherkessen im westlichen Kaukasus vorgedrnngen, allein die Ergebnisse
ihrer Forschnngen sind bis Jetzt nur fragmentarisch mitgetheilt
worden. Dieses Wenige ist indessen gerade für nnsere
Zwecke vergleichender Darstellung besonder^ werthvoll. Obgleich
es an Verknüpfungen der kaukasischen Flora mit den Alpen auf der
einen, mit den asiatischen Gebirgen auf der anderen Seite nicht fehlte
so sind doch zahlreiche Pflanzen eigenthümlich, wie die isolirte Stellung
dieses grossen Frhebungssystems erwarten lässt. So führt
Ruprecht es als eine bemerkenswerthe und sicher festgestellte
Thatsache an, dass die Vegetation von Talüsch, die mit der persischen
Gebirgsflora in näherer Verbindung steht, durch die Steppen
des Kurthals vom östlichen Kaukasus völlig gesondert bleibt.
Die Wälder, die einen grossen Theil des Kaukasus bedecken,
steigen an der nordöstlichen Abdachung Daghestans höher hinauf, als
auf der südwestlichen. Der Sommerpassat, an sich zwar trocken,
aber über dem kaspischen Meei'e mit Wasserdampf erfüllt, verliert,
an der nördlichen Gebirgsseite hinaufwehend, seine Feuchtigkeit,
während am Südabhange selbst der Westwind von einem heiteren
Himmel begleitet w i r d H i e r a u s erklärte Abich diesen Gegensatz
der Waldregionen Daghestans und der dürren Südseite des Schachdagh,
wo er bei westlicliem Winde in der Höhe von 1 1300 Fuss auf
schneefreiem Boden eine ungemein niedrige Dunstspannung beobachtete.
Hier ist also auch die Schneelinie stärker als dort elevirt^^*^).
Dasselbe ergab sich aus der Vergleichung von Ruprecht's Messungen
der Birkengrenze in Daghestan mit denen Radde's im tscherkessisehen
Kaukasus indem sich die ersteren auf den nordöstlichen,
die letzteren auf den südwestliclien Abhang der Hauptkette beziehen.
Ob indessen die Nordseite des westlichen Kaukasus sich ebenso verhalte,
wie die des östlichen, ist noch unbekannt: wahrscheinlich wird
hier der Einflnss der Exposition minder bedeutend sein. Denn der
Unterschied der Baumgrenzen in Daghestan und Abchasien ist walir-
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Regionen am Kaukasus. 467
scheinlich eben darin klimatisch begründet, dass der Sommerpassat
dort durch das kaspische Meer mit Wolken gespeist wird und dieselben
höher hinauftreibt, während die Gegenwinde des Pontus die
Feuchtigkeit an den waldigen Vorbergen von Kolchis entladen und
den Hauptkamm des westlichen Kaukasus nicht erreichen. In den
höheren Regionen scheint der von den russischen Steppen kommende
Wind im Sommer die Herrschaft zu behaupten und durch seine
Trockenheit den Waldwuchs einzuschränken. Die Schwankungen
der Baumgrenze sind überhaupt im Kaukasus ebenso wie die der
Schneelinie sehr bedeutend, so dass ihre klimatische Gesetzlichkeit
nicht leicht zu erkennen und eine umfassendere Sammlung der Thatsachen
zu wünschen ist. Wo die Wälder zurücktreten, pflegt auch
die alpine Flora tiefer hinabzusteigen. Viele Gegenden selbst des
feuchten Daghestans fand Ruprecht waldlos, und nicht selten muss
die kaukasische Alpenrose [RJt.ododnulron caucasimm) das Brennholz
ersetzen 106). Auch im centralen Kaukasus, in Ossetien , ist der
Holzmangel fühlbar i 'O), oft bedeckt hier kaum ein armseliges Gestrüpp
den Boden , welches aus der Rhamnusform und aus mitteleuropäischen
Dornsträuchern gebildet wird.
Nicht die Trockenheit des Klimas allein steht der Bewaldung
entgegen, sondern auch der Bau des Gebirgs. Die Alpen an Ausdehnung
übertreffend, aber nur zu einem einfachen Hauptkamm sich
erhebend, entbehrt der Kaukasus der symmetrischen Bildung grosser
Längsthäler, in denen die frachtbaren Erdkrumen sich leichter sammeln
können. Die Seitenarme der Hauptkette dehnen sich zwischen
unregelmässigen Thalschluchten zu wasserarmen und deshalb waldentblössten
Hochflächen aus, an deren schroffen Gehängen nur die
Gewächse des Felsbodens eine grössere Bedeutung erlangen. Die
Niederschläge sind reichlich genug, um auch von den Hochebenen
die Steppenpflanzen auszuschliessen, und hiedurch unterscheidet sich
der Kaukasus von den übrigen Gebirgen Vorderasiens, aber das
Wasser wird auf der Oberfläche der Schiefergesteine nicht zurückgehalten
und findet auch in den Thälern wenig Raum, befruchtend
zu wirken. Der zerrissene Boden Ossetiens ist zur Erzeugung von
Humus wenig geeignet, und deshalb, bemerkt der Reisende Koch,
werde eine üppig sprossende Vegetation hier durchaus vermisst.. In
anderen Gegenden, wo die Querthäler dichter gedrängt sind und ihre
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