
164 IL Waldgebiet des östlichen Kontinents.
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Wechsel der Gräser mit Baiimgruppen wesentlich unterscheidet. Der
energische j von Schlingpflanzen der Convolvulusform durchwehte
Graswuchs, die Höhe der Stauden, die eingemischten Laubsträucher.
die Eichengehölze, welche die Bodenschwellungen zu krönen pflegen,
alles dies vereinigt sich am Amur zu einem Landschaftsbilde, welches
nach seinen ßestandtheilen als eine Mischung des Lau.bwaldes
mit üppigen Wiesen gelten kann, physiognomisch aber vielmehr mit
den tropischen Savanen, nicht aber mit den baumlosen Prairieen zu
vergleichen ist. Die physischen Lebensbedingungen sind freilich
ganz andere, wie in Avirklichen Savanen. Die Kürze des Sommers
fordert liier den raschesten Entwicklungsgang, dessen Energie durch
das Grundwasser des Stroms und zeitweise durch dessen Austreten
belebt wird. Die tropische Savane wird nicht durch fliessendes Wasser,
sondern durch tropische Regen zu ihrem Wachsthum angeregt,
sie geht durch Trockenheit, die nordische Grasflur durch herbstlichen
Frost in den Winterschlaf über. Die Physiognomie der Parklandschaft
am Amur ist den Grasfluren Kamtschatkas ganz ähnlich.
Kittlitz bemerkt, dass der Rasenteppich auch hier eine erstaunliche
Höhe erreiche, dass denselben Anfangs die Sträucher, die hier und
da emporgewachsen,, beschatten, diese in der Folge aber kaum noch
über die rasch entwickelten Halme hervorragen, und dass auch die
mannshohen Stauden ihre reichgefärbten Blüthen bald unter den
Gräsern, denen sie beigemengt sind, verbergen. Allein die Bestandtheile
der Formation sind am Amur und in Kamtschatka durchaus
verschieden: die mongolische Eiche wird hier durch die Birke vertreten,
das Gebüsch besteht aus anderen Laubsträuchern, die Schlingpflanzen
scheinen dem Amur eigen, unter den Stauden Kamtschatkas
herrschen andere Gattungen, ihre Grösse ist hier noch bedeutender:
eine Spiraea^^^) [S. hamtschatica) schiesst in wenig Wochen zu einer
Höhe von 10—15 Fuss auf, um mit dem ersten Nachtfroste wieder
zu verschwinden, ebenso üppig wuchert eine Nessel [Urtica) und
eine Doldenpflanze [Heracleum dnlce), Stauden, die denn doch weit
über die Gräser emporragen.
Regionen. Das klimatische Verhältniss der Gebirge zu den
Ebenen enthält eine Reihe von Momenten, welche erst genau erwogen
werden müssen, ehe man hoffen darf, die gesetzmässige Anordnung^
der Regionen zu begreifen, zu welchen die Vegetation in vertikaler
Wiederkehr der Gebirgspflanzen in den Ebenen des Nord<jns. 165
Richtung sich absondert. Die Wiederkehr der Gebirgspflanzen in
den Ebenen höherer Breite ist die Erscheinung, welche zu dieser
Untersuchung den nächsten Anlass glebt. Die innige Verknüpfung,
die zwischen der alpinen Flora Europas und den Erzeugnissen der
arktischen Zone besteht, und die nicht bloss durch die Aehnlichkeit
der Vegetationsformen und Formationen, sondei*n auch durch eine
beträchtliche Reihe identischer Arten ausgedrückt ist, welche den
Zwischenländern fehlen, ward stets von übereinstimmenden Wärmeeinflüssen
abgeleitet. Humboldt hat zuerst ausgesprochen, dass die
Abnahme der Wärme in vertikalem Sinne zu derselben Anordnung
der Pflanzen den Anlass gäbe, wie in der Richtung vom Aequator
zum Pol, aber er unterliess, diese Erscheinung in ihren einzelnen
Zügen zu verfolgen und den Umfang seines Gesetzes dadurch einzuschränken.
Ganz allgemein aufgefasst, äussert sich der Parallelismus
der vertikalen und horizontalen Anordnung der Vegetation freilich
auf der ganzen Erde durch die Stufenfolge des Wachsthums,
durch die Regionen der Wälder, der alpinen Sträucher und Matten
bis zur Linie des ewigen Schnees, aber die Pflanzenformen der tropischen
Hochgebirge sind zum Theil abweichend, die Arten der gemässigten
und kalten Zonen kehren daselbst keineswegs wieder.
Anders verhält es sich in der nördlichen gemässigten Zone selbst,
hier scheint das Humboldt'sche Gesetz in voller Geltung zu stehen.
Die Regionen der nämlichen Pflanzenformen und oft derselben
Pflanzenarten sinken mit zunehmender Breite immer tiefer hinab:
aus südlich gelegenen Gebirgen treten sie nordwärts in das Tiefland,
bei manchen Gewächsen der einheimischen Flora ist dieses Verhältniss
schon an nahe gelegenen Orten zu erkennen, wenn man ihr Vorkommen
in der baltischen Ebene mit dem auf den mitteldeutschen
H ö h e n z ü g e n i^öj Q^QY auf den Alpen vergleicht. Zahlreiche alpine
Pflanzen der Alpen kehren in niedrigerem Niveau auf den norwegischen
Fjelden und in Lappland wieder, und ebenso hat Martins
gezeigt, dass noch oberhalb der Schneelinie des Montblanc auf nacktem
Gestein Gewächse auftreten, die man in der arktischen Flora
wiederfindet. Und doch sind die klimatischen Einflüsse in den Hochgebirgen
nur in gewissen Beziehungen mit denen des Tieflandes im
Norden übereinstimmend. Gehen wir von dem einfachsten Verhältniss,
der Wirkung der Sonnenstrahlen auf die Pflanzen, aus, von