
220 II. Waldgebiet des östlichen Kontinents.
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diesem Klima angepasst hätten. Man kann nicht behaupten, dass
die nördliche Kette der centralen oder diese der südlichen an Pflanzenreichthum
überhaupt nachstehe. Man wird die bayerischen und
gewisse Gegenden der Tiroler Alpen ebenso reichhaltig finden, als
irgend eine Gruppe des Dauphine oder Illyriens, aber die Verbreitungsbezirke
der Arten sind dort durchschnittlich weit grösser, als
hier. Die Ursache kann also nur darin gesucht werden, dass die
Wanderung der Pflanzen in den südlichen Alpen grösseren Hindernissen
begegnete, und dies wird durch ihren orographischen Bau
entschieden bestätigt. Die südlichen Ketten haben eine viel mannigfachere
Axenrichtung, oft sind ihre alpinen Gruppen unterbrochen
oder nur durch niedrige Pässe verbunden, und die Querthäler, die in
so grosser Anzahl in die norditalienische Ebene auslaufen, sind viel
tiefer eingeschnitten, als anderswo, so dass sie von den alpinen
Pflanzen nicht so leicht überschritten werden. Die engen Wohngebiete
so vieler Arten beruhen daher auf den mechanischen Hemmnissen,
die ihrer Ausbreitung entgegenstehen, und doch zeigt sich
auch hier eine Abnahme des Endemismus im mittleren Theile der
Kette, im südlichen Tirol, dessen seltene Pflanzen zwar zahlreich
sind, aber sich doch meist entweder in die Krainer Dolomitalpen,
oder aber in die lombardischen Kalkalpen zu verbreiten pflegen.
Die alpinen Arten des ganzen Alpensystems hat Christ nach
ihrem Vorkommen im Westen, im Centrum und im Osten unterschieden,
ohne jedoch die Grenzen genauer anzugeben. Von den 693 Arten
seines Katalogs zählt er in den östlichen Alpen 589, in den westlichen
531, in den mittleren nur 395. Da er hiebei auf die den
einzelnen Abschnitten eigenthümlichen Gewächse keine Rücksicht
nimmt, so kann man aus diesen Ziffern nicht ersehen, ob der Vorzug
der östlichen Alpen darauf beruht, dass der Endemismus, oder ob nur
der Reichthum der Flora daselbst gesteigert sei. Nach meinen Vergleichungen,
die sich nicht bloss auf die alpine Region beziehen,
sondern nur das Wohngebiet berücksichtigen, zähle ich unter 190
endemischen Alpenpflanzen in der südlichen Hauptkette 60, die auf
den westlichen Theil (vom Dauphine bis zur Lombardei), 51, die auf
den östlichen (Südtirol bis Croatien), und 5, die auf einen einzelnen
Standort eingeschränkt sind: die übrigen breiten sich grossentheils
in weiterem Umfange über das Alpensystem aus; die Beispiele engerer
Vegetationscentren der Alpen. 221
Begrenzung sind in der centralen und nördlichen Kette weniger zahlreich.
Die westlichen und östlichen Pflanzen der Südalpen zerfallen
sodann wiederum durch allmälige Uebergänge in Arten von grösserem
oder kleinerem Wohngebiet. Es giebt im Dauphiné (11 ), in Piémont
(8), der Lombardei (3), in Südtirol (11) und in Krain (7) gewisse
Arten, welche nur hier, aber daselbst mehrfach angetroffen werden,
andere, die nur entweder den beiden ersteren oder den beiden letzteren
Landschaften gemeinsam sind. So schreitet die Verengung des
Wohngebiets bis zu den bereits im Allgemeinen bezeichneten Fällen
fort, wo die Beschränkung auf eine einzelne Alpengruppe oder selbst
auf einen einzigen Berg mit um so grösserer Sicherheit feststeht, je
auffallender die Organisationen sind, so dass sie anderswo nicht so
leicht übersehen werden konnten. Eine ausgezeiclinete monotypische
Saxifragee [Zahlbruclmera], die nur an drei Orten, im Thal der Lassnitz
in Steiermark, im Lavanthale in Kärnthen und am Tonalepass
zwischen der Val di Sole und der Val Camonica in Südtirol gefunden
worden ist, vermittelt die Fälle einer weiteren, aber auf vereinzelte,
örtliche Bedingungen zurückgeführten Verbreitung mit denen der
Beschränkung auf den ursprünglichen Wohnort selbst.
Es ist nicht ohne Liter esse, das Vorkommen der nur auf einzelnen
Alpengruppen einheimischen Gewächse eingehender zu betrachten.
Zuerst finden wir in den Seealpen eine Rosacee [Potentüla
Saxifraga)^ die erst in neuerer Zeit^s5j ¿^^-Qf ¿er Cima de Mera bei
Mentone und am Cioudan bei S. Martino beobachtet wurde, und die
in so hohem Grade von den übi'igen alpinen Arten ihres Geschlechts
abweicht, dass sie schwerlich ein grösseres Gebiet bewohnen wird :
dies ist also ein Abschnitt des Gebirgs, dessen Eigenthümlichkeit auf
dem Einflüsse des Mittelmees beruht. Die drei anderen Bezirke, auf
die sich die übrigen, mir bekannt gewordenen Fälle beziehen, haben
das Gemeinsame, dass sie durch Thaleinschnitte von den benachbarten
Alpengruppen abgesondert werden. Die erste Gruppe liegt
an der Ostseite des Corner Sees, sie ist von diesem, dem Veltlin
(Adda) und der Val Camonica (Oglio) fast vollständig umschlossen
und selbst wieder in mehrere Kettensysteme gespalten. Sie wird
von einer Rosacee [Sanguisorba dodecandra) bewohnt ^ ¿i^ nur
in der Val d'Ambria, einem Seitenthale, welches unweit Sondrio in
das Veltlin mündet, und auf dem Bartellino in der Provinz Ber-
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