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286 III. Mittelmeergebiet.
sondern auch die zweite Hälfte des Jahrs umfasst, und dass also Gewächse
von solchem Bau, indem sie schon im Januar ihre jungen
Triebe entfalten, die Vortheile des südlichen Klimas in vollem Umfange
ausnutzen. Im nördlichen Europa würden sie, wenn sie auch
dessen Winterkälte zu ertragen vermöchten, doch nicht bestehen
können, wenn sie einer so laugen Periode des Wachsthums bedürften.
Wo sich diese, wie am Bosporus und auf dem kastilischen
Hochlande, verkürzt, finden wir die Grenze der Olivenkultur, und
so ist der Oelbaum in dem grössten Theile des Gebiets ein genauer
Ausdruck von dessen klimatischer Sphäre, während er in gewissen
Gegenden gegen andere immergrüne Formen zurückbleibt. Und
ebenso können diejenigen, die nur gegen die Winterkälte empfindlich
sind, aber nicht so langer Zeit zu ihren jährlichen Bildungen bedürfen
, auch das Seeklima Frankreichs und Irlands ertragen. Die
immergrünen Eichen, die bei Nizza nicht schon im Januar, sondern
erst zur Zeit ihrer Blüthe in den folgenden Monaten die jungen Triebe
belauben, kehren an der Bai von Biscaya wieder und erreichen ihre
Polargrenze erst bei Angers an der Loire, der Oelbaum und die Karube
sind auf das Mediterranklima des unteren Rhonethals eingeschränkt.
Ob die Entwickelung im Westen eine stetige oder im
Süden durch Dürre unterbrochen sei, ist gleichgültig, aber auch, wo
die trockene Jahrszeit erspart wird, bleibt die Entwickelungsperiode
kürzer, als in vielen Gegenden des Mittelmeergebiets, wenn man
zum Frühling und zur Erneuerung des Wachsthums im Herbste auch
nur einen Theil des Winters hinzurechnet. Frägt man nun aber,
warum das immergrüne Laub nicht bloss in der Mediterranflora, sondern
auch in den Grenzgebieten, am Pontus,, so häufig ist, wo die
klimatischen Einflüsse sich völlig verändern und doch selbst die
Olivenkultur noch einmal wieder uns begegnete, so lässt sich diese
Erscheinung ebenfalls dadurch erklären, dass daselbst die Vegetationsbedingungen
des Oelbaums fast das ganze Jahr hindurch gegeben
sind. Sie sind gewiss nicht weniger günstig als in Nizza, wo
der Oelbaum im Januar bei einer Temperatur von 6 0,6 ausschlägt,
wo nach Abzug des trockenen Sommers die Entwickelungszeit auf
9 Monate zu schätzen ist. In Trapezunt 39) ist der Januar beinahe
einen Grad kälter (5«,9), der Februar (70,2) bereits wärmer,
als der kälteste Monat von Nizza. Die Niederschläge aber fallen
Immergrüne Laiibhölzer. 287
hier im ganzen Jahre ziemlich gleichmässig, die Vegetation des Oelbaums
kann also vom Februar bis zum November ununterbrochen,
11 Monate, noch länger als in Nizza, fortdauern: erst im December
(6 0,3) sinkt die Temperatur unter die des Januars von Nizza herab.
In konstantinopel 32) dagegen erhebt sich die Wärme über diesen
Anfangswerth der Entwickelung (6 0,6) nur in den 8 Monaten vom
April bis zum November, und rechnen wir von diesem Zeitraum noch
den trockenen Sommer ab, so'crgiebt sich, dass die Bedingungen der
Olivenkultur am Bosporus noch weniger vorhanden sind, als im westlichen
Frankreich.
Auch die Empfindlichkeit gegen die Winterkälte, die bei den
meisten immergrünen Laubhölzern bemerkt wird, lässt sich auf die
lange Dauer ihrer Vegetationszeit beziehen. Mag die verdickte
Oberhaut sie gegen den Einfluss des Frostes schützen, so gdit
ihnen dieser Schutz doch verloren, wenn die Kälte zu einer Zeit
eintritt, wo die neuen Triebe in ihrer Entwickelung begriffen sind,
also di^ Verdickung der oberflächlichen Zellen noch nicht eingetreten
ist. Wenn also der Oelbaum in Nizza, damit die Blätter zur rechten
Zeit ihre Thätigkeit beginnen, sie schon im Januar entfaltet, so wird
er nicht in einem Klima bestehen können, wo der Winter kälter kt,
weil, wenn die Erneuerung des Laubes sich verspätete, die Entwickelungszeit
zu den organischen Bildungen nicht ausreichen und,
wenn sie gleichfalls im Winter begänne, der Frost die jungen Organe
zerstören würde. Hiedurch löst sich vielleicht der scheinbare Widerspruch
zwischen den Beobachtungen über die Olivenkultur im südlichen
Frankreich und an der Südküste der Krim 3). In gewissen
Gegenden des Languedoc hat man dieselbe ganz aufgegeben, weil
durch die Januarkälte, die in ausnahmsweise harten Wintern daselbst
zuweilen eintritt, alle Pflanzungen zerstört wurden und damit ein
grosser Kapitalwerth verloren ging. In der Krim sinkt das Thermometer
fast in jedem Jahre ungleich tiefer, als in Südfrankreich,
und doch wird die Olivenkultur an der Südküste betrieben. Hier,
wo der Winter unter dem Schutze der die Polarwinde abhaltenden
Bergketten zwar äusserst milde ist, aber doch zuweilen heftige Fröste
vorkommen, sollen diese von denOelbäumen ohne Nachtheil ertragen
werden. Nach den klimatischen Beobachtungen über dieses äusserste
Vorland der Mediterranflora, welche wir dem Reisenden Koch verr
.
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