
i i i
i1 :!
i ^
90 IL WaldgeWet des östlichen Kontinents.
1
i
i 1
I
n
I
J1 '
laubtragende Bäume auftreten. Nach den hiednrch bezeichneten Verschiedenheiten
des Waldcharakters lassen sich vier engere geographische
Abschnitte in dem Gebiete der russisch-sibirischen Flora
unterscheiden, die Laubwälder des mittleren Russlands diesseits des
Ural, die Nadelwälder, die den Norden iind einen grossen Theil
Sibiriens bedecken, und die gemischten Bestände am Amur und in
Kamtschatka, die wiederum unter sich abweichen. Weit schwieriger
ist es, eine natürliche Gliederung der westeuropäischen Flora zu begründen,
wo die Vegetationslinien sich viel mannigfaltiger durchkreuzen.
Es erscheint daher passend, bei dieser Erörterung von
den einfacheren und ursprünglicheren Verhältnissen der russischen
Flora auszugehen.
Die Eiche [Quercus pedunculata) bildet im russischen Tieflande
einen breiten Waldgürtel zwischen dem finnischen Meerbusen und
der Steppengrenze, sie geht also ostwärts weit über die Buchenwälder
hinaus, jedoch nur bis zum Ural, dessen Kamm ihrer Einwanderung
nach Sibirien ein Ziel setzt. . Die Polargrenze ist in Schweden ziemlich
unregelmässig, weicht jedoch in ihrem Gesammtverlauf vom
atlantischen Meere bis zum Ural nur wenig von den isothermen
Linien ( 2—R . ) ab iind ist schon aus diesem Grunde auf klimatische
Bedingungen zu beziehen. Von der norwegischen Küste [63^]^')
senkt sie sich allmälig über Petersburg zur Breite von Perm [schwedische
Ostküste 61022)^ Petersburg 60^23)^ Ural 58^24)]. Diese
Vegetationslinie ist dadurch merkwürdig, dass mit ihr fast überall
aiTch die Polargrenze der Weizenkul tur 25) zusammenfällt. Die
Eiche ist der charakteristische Baum in den Laubwäldern des mittleren
Russlands, und ihr Gebiet jenseits der Buchengrenze keilt sich
westwärts in Skandinavien zu einem ungleichmässig verschmälerten
Gürtel aus. Es ist also einleuchtend, dass die klimatischen Momente,
welche hier zu Grunde liegen, in einem anderen Verhältniss stehen,
als diejenigen, welche die Buchengrenze bestimmen. Wenn dabei die
Verkürzung der Vegetationszeit mitwirkt, so überwiegt doch der den
Breitengraden entsprechende Einfluss der solaren Wärme. Kann
aber überhaupt von einer gegen die Buche verkürzten Vegetationszeit
die Rede sein, da die Eiche in Brüssel sechs, und in Petersburg sogar
noch fünf Monate belaubt ist? 26) Die Beobachtungen über die
Entwickelungsperiode der Eiche zeigen, dass dieser Baum sich in
Klima der russischen Eichenzone, der Fichtenzone. 91
doppelter Beziehung anders verhält, wie die Buche. Um sich zu
belauben, fordert er eine etwas höhere Temperatur ( 9 — R . , in
Brüssel nur 8^25), im Herbste dagegen verliert er die Blätter erst,
wenn die tägliche Wärme tiefer gesunken ist, als zu Anfang der
Vegetationsperiode. Im westlichen Europa ist dieser Unterschied
schon bemerklich, aber derselbe steigert sich an der Polargrenze
sehr bedeutend: denn in Brüssel entlaubt sich die Eiche bei 6 ^^ in
Petersburg erst, wenn das Thermometer bereits unter 2 o gesunken
ist2ö). Hiedurch wird es diesem Baume möglich, so viel weiter als
die Buche in das Klima Russlands einzudringen, obgleich die Vegetationszeit
fast dieselbe ist. Die Eiche fordert ein bestimmtes Mass
solarer Wärme, aber während der letzten Zeiträume, in denen das
Laub noch thätig ist, kann sie sich mit dem begnügen, was die
in östlicher Richtung rascher sinkende Temperaturkurve ihr übrig
lässt.
Auf die Eichenwälder folgt im Norden und Osten der Gürtel
der Nadelhölzer, welcher im europäischen Russland den übrigen
Raum bis zur Baumgrenze ausfüllt und jenseits des Ural durch ganz
Sibirien an den Amur und zur Küste des Meers von Ochotsk reicht.
Da sich eine ähnliche, der Temperatur entsprechende Anordnung in.
den Hochgebirgen wiederholt, wo die Coniferen die oberen, die Laubwälder
die tieferen Waldregionen bilden, so kann die klimatische
Bedeutung in jenem Verhältniss nicht verkannt werden. Aber die
immergrünen Nadelhölzer eignen sich nicht zu Beobachtungen über
die Dauer der Vegetationsperiode. Wiewohl auch sie ihre Nadeln
im Frühlinge erneuern, so fehlt doch ein Zeitmass, den Abschluss
ihrer Entwickelung im Herbste zu bestimmen, und ihre grünen Organe
sind bereits in Thätigkeit, bevor sie anfangen, durch neue Bildungen
ersetzt zu werden. So können Avir auf die klimatischen
Bedingungen der immergrünen Coniferen nur aus den sie begleitenden
Gewächsen schliessen, denen eine strengere Periodicität zukommt,
und hiezu bieten sich unter den Bäumen des nordöstlichen Waldgürtels
die Birke und die Lärche' dar. Die Polargrenze der Birke
[ Betula alba) ist mit der der immergrünen Nadelhölzer nahe übereinstimmend,
die der Lärche geht in Sibirien darüber hinaus. Von
anderen Laubhölzern unterscheidet sich die Birke dadurch, dass sie
eines geringeren Masses von solarer Wärme bedarf, um ihr Wachs-
'•'/is... L