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458 IV. Steppengebiet.
sich in dem kaspischeu Tieflande den Alpentriften am armenischen
Alages oder jener üppigen Grasebene an die Seite stellen, die unmittelbar
am Nordrande der persischen Salzwüste beginnt und, zu
dem Fusse des Elborus sich hinziehend, von dessen Gebirgswasser
berieselt wird ?
Wie sehr die Vegetation der russischen Grassteppe von dem
Wasserzufluss aus den atmosphärischen Niederschlägen abhängt,
erkennt man daran, dass die oberflächlichen Erdschichten in den
Sommermonaten vollständig austrocknen. Dann bildeja sich zwischen
den Rasenflecken Risse im Boden, und alle Gewächse sterben ab.
Aber auch die Ungleichheiten der Niederschläge in verschiedenen
Jahren bewirken grosse Unterschiede in der Höhe des Graswuchses;
diese klimatischen Unregelmässigkeiten sind weit erheblicher, als im
westlichen Europa. Es kommen im Gouvernement Taurien Jahrgänge
vor, wo es weder regnet noch schneit. Teetzmann^o) erlebte
eine Dürre von 20 Monaten (1832 u. 1833), in denen kein Tropfen,
keine Flocke zu Boden fiel; in anderen Jahren verminderte sich die
Menge des Niederschlags auf weniger als ein Zehntel des Betrages
von nassen Perioden (wie des J. 1838). Durch die Nässe, die den
Boden zu sehr aufweicht, leiden die Versuche des Ackerbaus noch
mehr, als durch die Dürre, aber in solchen Zeiten wachsen alle
Steppengewächse in ausserordentlicher Ueppigkeit und reifen, was
übrigens bei den mehrjährigen nicht gewöhnlich, ihre Samen. In
jenen Jahren der Dürre war kein Grashalm höher, als bis zum Fussknöchel
gewachsen, zu anderen Zeiten (1837—39) reichte xmgefähr
die Hälfte der Rasen bis an die Wade, die übrigen bis an den Leib:
der Unterschied im Ertrage mochte im letzteren Falle auf das Sechsfache
geschätzt werden. Allein die Vortheile nasser Jahrgänge sind
auch in Bezug auf die Güte des Weidegrundes vielmehr scheinbare,
als wirkliche, da die Thyrsa, die weder durch Dürre noch durch
Frost völlig zu Grunde geht, um so weniger nutzbar ist, je höher sie
aufschiesst.
Auch die Mannigfaltigkeit loo) der Steppengräser ist mit der der
nordischen Wiesen gar nicht zu vergleichen. Auf den Corniess'schen
Plänen sind nur sieben Gräser verzeichnet, und die Stauden, deren
bunter Wechsel doch auf einem kleinen Räume der Steppenflora
leicht eine Ausbeute von mehreren Hundert Arten bietet, sind eben-
Grassteppe. 459
falls anders, wie auf den Wiesen vertheilt, wo die einzelnen gewöhnlich
in reichlicher Menge auftreten. Teetzmann gab ein Verzeichniss
von 250 Pflanzen, deren Vorkommen er auf einem Gute der nogaischen
Steppe untersuchte, und er bemerkt, dass die meisten so selten
seien, dass die Zahl der Individuen, wenn sie bei dem vorherrschenden
Thyrsagrase [Stipa capillata) 5 Millionen betrüge, nur bei 18 Arten
über 10000 und bei 33 anderen über 100 steigen würde.
Auf die Vertheilung der Pflanzen in der Grassteppe hat die Beschaö'enheit
der oberflächlichen Erdkrumen weniger Einfluss, al&
man denken sollte. Die Stellung des Grundwassers, die von den
tiefer liegenden Schichten abhängt, ist von grösserer Bedeutung, als
der Wechsel von Sand und Thon oder die oft nur unbedeutende
Humusablagerung an der Oberfläche. Auf reinem Sandboden sah
Baer 98) in der StepJ)e am Eltonsee wilden Hanf sechs Fuss und höher
aufgeschossen: wie wäre ein solches Wachsthum möglich, wenn
nicht in der Tiefe thonreichere Bodenschichten lägen, die die Feuchtigkeit
aus dem Sande abzufliessen hinderten und dadurch die Wirkung
der Niederschläge erhöhten? Der Boden der Steppe von Taurien
9ö) ruht in der That allgemein auf einem tiefen Thonlager,
welches die Feuchtigkeit, aber doch nur in einem, geringen Grade,
zurückhält, indem eine grosse Schwierigkeit besteht, trinkbares
Wasser zu bekommen und die Heerden zu tränken. Bei jeder neuen
Ansiedelung ist die Anlage von Brunnen nothwendig, die oft eine
Tiefe von mehr als hundert Fuss haben und daher schwer zu benutzen
sind. Ueber jenem Thonlager liegt hier nur eine schwache
und ebenfalls thonreiche Humusdecke, die höchstens 16 Zoll stark
ist. Durch einen grösseren Thongehalt in den oberflächlichen Erdschichten
ist eben auch die doch viel magerere Vegetation der westlichen
Kirgisensteppe charakterisirt, wo die Thyrsa schwindet, Triticeen
ihren Platz einnehmen und viele der grösseren, südrussischen
Stauden f e h l e n Aus der ungleichen Beschaffenheit des Untergrundes
ist eine Erklärung solcher Verschiedenheiten zu erwarten.
Sodann ist aber auch das Relief der Grassteppe von grossem Einfluss
auf die Vegetation: der geringe Schutz, den Terrainwellen gegen die
Stürme gewähren, fördert die Mannigfaltigkeit der Arten und lässt
der Energie ihres Wachsthums freieren Spielraum, während zugleich
durch den Zufluss des Wassers an der Oberfläche des geneigten
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