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76 II. Waldgebiet des östlichen Kontinents.
mit der solaren Wärme, als mit dem geographischen Abstände vom
atlantischen Meer. Die Vegetationslinien entsprechen demnach nicht
immer dem Verlauf bestimmter, klimatischer Grenzwerthe, sondern
dem Ziisammenwirken mehrerer. Auf Karten eingetragen, erscheinen
sie oft viel unregelmässiger, als die Grenzen der Wald- und
Schneeregionen, welche die unmittelbare Anschauung oft schon aus
der Ferne oder vom Fusse des Gebirgs aus als horizontal verlaufende
Linien weithin unterscheidet. In vert; kaier Richtung nimmt die
Wärme der Luft und des Bodens mit der Höhe so regelmässig ab
und so viel rascher, als andere klimatische Werthe sich ändern, dass
der Einfluss der übrigen weniger bemerklich ist. In der Ebene hängen
zwar das solare Klima und die Tageslänge von den Parallelkreisen
des Aequators ab, aber andere klimatische Einflüsse, die
bedeutend auf die Lage der Vegetationslinien einwirken, sind ebenso
unregelmässig vertheilt, wie Festland und Meer, wie Gebirgsketten
und Fläche, und hiedurch verwickelt sich die Aufgabe, in jedem einzelnen
Falle das bestimmende, klimatische Moment zu erkennen.
Allein dieser Schwierigkeit ist doch dadurch auszuweichen möglich,
dass die Organisation der Pflanzen auf diejenigen klimatischen Einflüsse
schliessen lässt, von denen ihr Wohngebiet bestimmt wird. Die
Dauer der Entwickelungsperiode, die nur innerhalb gewisser Grenzen
sich verkürzen kann, die Unfähigkeit, niederen Temperaturgraden
Widerstand zu leisten, sind solche Lebenserscheinungen, aus denen
wir auf den Zusammenhang zwischen der Organisation und bestimmten
klimatischen Werthen mit Sicherheit schliessen können.
Wäre es nun aber auch gelungen, die Vegetationslinien auf
klimatische Einflüsse zurückzuführen, so ist doch damit allein die
Aufgabe noch nicht erfüllt, ein natürliches Florengebiet in bestimmte,
geographische Abschnitte zu zerlegen. Dies wird erst dadurch erreicht,
dass die klimatischen Grenzwerthe, die zur Eintheilung dienen
sollen, von gleichartiger Beschaffenheit sind. Denn die Linien,
welche den verschiedenartigen Einflüssen des KUmas auf das Pflanzenleben
entsprechen, kreuzen sich in mannigfaltigen Richtungen und
sind daher, in ihrer Gesammtheit aufgefasst, untauglich, den Charakter
einer abgesonderten Räumlichkeit auszudrücken. Im mittleren
Russland schneidet die Südostgrenze der Calluna-Haide die
Polargrenzen der meisten Laubhölzer, die in nordöstlicher Richtung
Klimatische Bedingungen des Bamnwuchses. 77
aufhören 6). So ist auch die Vegetationslinie der europäischen Weinkultur,
weil die Wärme des Spätsommers, die sie bedingt, nach Norden
und Westen abnimmt, eine Nordwestgrenze, die der Buchenwälder,
von den in nördlicher und östlicher Richtung geänderten,
klimatischen Werthen abhängig, eine nordöstliche. Beide Gebiete,
die des Weinbaus und des Buchenwalds, sind von einander unabhängig,
am Rliein fallen sie zusammen, in Dänemark, in England
wird -die Buche vom Weinstock nicht begleitet. In den Ostseeprovinzen
würde andererseits der Weinbau über die Buchenwälder
hinausreichen, wenn nicht hier ein anderer klimatischer Einfluss, die
Verkürzung des Sommers, dem Fortkommen der Rebe ebenfalls
eine Schranke setzte. Zu geographischen Eintheilungen können nur
solche klimatische Linien benutzt werden, die, ohne sich irgendwo
zu schneiden, gleichsam harmonisch verlaufen und den Kontinent
daher in räumlich abgeschlossene Abschnitte theilen. Welche Werthe
dazu ausgewählt werden, ist bis zu einem gewissen Grade willkührlich,
aber in den nördlichen Breiten Europas und Asiens eignen sich
zu diesem Zwecke doch nur diejenigen, welche die Abstufungen des
See- und Kontinentalklimas bezeichnen, weil durch sie allein die
Physiognomie der Wälder, der hier durchaus vorherrschenden Formationen,
wesentlich geändert wird.
Bevor jedoch auf das See- und Kontinentalklima näher eingegangen
wird, ist der allgemeine, klimatische Charakter der europäisch
sibirischen Flora zu untersnchen, welcher den übereinstimmenden
Verhältnissen der Vegetation zu Grunde liegt. Es sind die
Bedingungen des Baumlebens zu erörtern, die der arktischen Flora
fehlten, und die hier zuerst gegeben sind, um sofort, jede andere
Vegetation überwältigend, die volle Energie des Waldes hervorzubringen.
Je höher ein Gewächs über den Erdboden sich erhebt, je
grösser das Gewicht wird, welches die unteren Organe zu tragen und
zu stützen haben, desto kräftiger müssen diese an Masse undKohäsion
sich ausbilden. Der Holzstamm leistet dasselbe für die Krone des
Baumes, was den Säulen eines Bauwerks übertragen ist, deren Stärke
mit der Last des Gewölbes in einem angemessenen Verhältniss steht.
Die Bäume des Nordens sind dikotyledonisch, ihre Krone nimmt, so
lange das Leben fortdauert, von Jahr zu Jahr stetig an Umfang und
Gewicht zu. Diesem entspricht das jährlich wiederkehrende Wachsf