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pflanzen mehr als 5 Linien, bei mehreren Arten ein bis anderthalb
Zoll, was bei der Kürze des Stengels nm so mehr in die Augen fiel,
lieber die Kraft nnd Reinheit der Blüthenfarben bei den alpinen
Pflanzen hat man wohl die Vermuthung geäussert, dass dieselbe mit
der stärkeren Beleuchtung an ihrem hochgelegenen Standorte in
irgend einer Beziehung stehe, ohne dabei zu berücksichtigen, dass
die nämliche Erscheinung sich in dem arktischen Tieflande wiederholt,
wo die Einwirkung des Lichts sich gerade entgegengesetzt verhält
2*'). Es ist die Aufgabe, auch hier eine Akkommodation an die
äusseren Lebensbedingungen nachzuweisen, und ich glaube, dass
diese Zweckmässigkeit der Bildungen leichter als deren Ursache erkannt
wird, wie dies bei der Organisation der Blüthen gewöhnlich
der Fall ist, wo die Natur die grösste Mannigfaltigkeit des Baus erstrebt
und sie mit den einfachsten Mitteln, mit geringfügigen Abänderungen
des Wachsthums in diesem oder jenem Gewebtheile
herbeiführt. Von der gefärbten Blumenkrone kennen wir keine andei
e Bestimmung, als dass sie den zur Befruchtung in den meisten
Fällen nothwendigen Insekten zum Landungsplatz und zur Orientirung
bei ihrem Flage dient, auf dem sie von Blüthe zu Blüthe den
an ihrem Körper haftenden Blüthenstaub übertragen und am weiblichen
Organ abstreifen, indem sie zum Behuf ihrer eigenen Ernährung
die Honigdrüsen im innersten Theil der Blume aufsuchen. Seit
Darwin's umfassenden Untersuchungen ist die Physiologie sich darüber
klar geworden, von einer wie allgemeinen Bedeutung die imbewusste
Hülfe ist, welche die geflügelten Insekten den Pflanzen zur
Sicherung ihrer Fortpflanzung zu leisten haben, und wie dadurch die
nachtheilige und verhältnissmässig wirkungslose Selbstbefruchtung
in derselben Blüthe vermieden wird. In demselben Verhältniss nun,
wie wegen der zunehmenden Dauer des Winters die Insekten selten
werden und ihre Mitwirkung bei der Befruchtung der Pflanzen daher
ungewissereu Zufällen unterliegt, sehen wir auch die Blumen
grösser und ihre Färbung reicher werden. Oft bemerken wir auch,
dass, wenn die übrigen Stengelglieder in der Blattrosette verkürzt
sind, doch das oberste, welches die Blüthe trägt, sich entwickelt und
diese daher weit aus dem niedrigen Rasen hervorstreckt. Den wenigen
Individuen von Insekten, welche den arktischen und alpinen Gewächsen
noch zu Gebote stehen, werden die Orte, wo sie ihreNahrunofinden,
durch solche Einrichtungen leichter kenntlich, und damit ist
deren Zweck erreicht. Sie können das Ziel ihres Fluges, AVO sie für
sicli und zugleich für die Blume eine Aufgabe zu erfüllen haben,
nicht leicht verfehlen und rascher von einem Landungsplatz zum
anderen gelangen. Hierbei kommt noch das allgemeinere Verhältniss
in Betraclit, dass die Blüthen an Grösse um so mehr abnehmen,
je zalilreicher sie an derselben Pflanze vereinigt sind. Wenn bei den
Blättern die Zahl mit der Grösse des einzelnen gleichen Schritt hält,
so ist dies begreiflich, weil der Umfang ihrer cliemischen Arbeit von
der Masse der zusammenwu'kenden Gewebtheile abhängt. Bei den
Blütlien aber ist die Leistungsfähigkeit nicht durdi ihre Grösse, am
wenigsten durch die der Blumenkrone, sondern durch den Bau des
weiblichen Organs bestimmt. Allein mit der wachsenden Anzahl
der Blüthen vermehrt sich die Wahrscheinliclikeit, dass die Insekten
sie auffinden, und wenn auch nur einzelne befruchtet werden, ist
die Samenreife und Fortpflanzung gesichert.
Die ilolzgewächse können in der arktischen Flora nur eine geringe
Bedeutung haben, weil die Verholzung des Gewebes die zum
Wachsthum erforderliche Bildungszeit verlängert. Middendorfif fand
nur 8 verschiedene Sträucher im Taimyrlande, die Mannigfaltigkeit
ist geringer, als in den alpinen Regionen, die Höhe des Wuchses oft
auf die kleinsten Dimensionen zurückgedrängt. Von den Sträuchern
mit periodischer Belaubung sind hier die Weiden- und die Rhanniusform
vertreten, von denen die erstere nicht immer an ihren schmaleren
Blättern kenntlich, aber durch einen feuchteren Standort zu
unterscheiden ist. Mit der Entfernung von der Baumgrenze werden
diese Sträucher niedriger, und wenn der holzige Stamm sich wagerecht
ausstreckt und vöUig im Boden verbirgt, können solche Holzgewächse
selbst die äussersten Grade der Verkürzung der Vegetationszeit
und die niedrigste Bodenwärme ertragen, so dass sie auch
von der Tundra nicht ausgeschlossen sind, aus deren Lichenen und
Moosen sie ihre Jahrestriebe kaum erheben. So durchlaufen namentlich
die Weidensträucher, in ihren Arten wechselnd, eine allmälig
abnehmende Reihe nach dem Umfang der Luftorgane, von den kräftigen
Zweigen der uferbewohnenden Formen in der Nachbarschaft
der Wälder (z. B. Salix speciosa) bis zu den eigentlichen Polarweiden
(z. B. S. polaris). Von den Weiden auf Nowaja Semlja beschrieb