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230 II. Waldgebiet des östlichen Kontinents.
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Unter den atlantischen Vegetationscentren ist die südliche Gruppe,
welche an der Bai von Biscaya von Astnrien bis znr Mündnng der
Gironde sich erstreckt, die bedeutendste (13). Die endemischen
Pflanzen dieser Küste sind nach der verschiedenen Bildung des spanischen
und französischen Abschnitts von einander gesondert. Die
cantabrischen Pyrenäen dachen sich felsig zum Meere ab, während
zwischen dem Adour und der Gironde die Sanddünen der Gascogne
das Litoral bilden. Dieser Verschiedenheit des Bodens entspricht
fast ausnahmslos das Vorkommen der asturischen Arten (4) und derjenigen,
die dem Département des Landes eigenthümlich sind (9).
Von diesen südlichen Centren aus gehen einzelne Arten, an die Küste
gebunden, bis zur Bretagne (1) oder bis znr Normandie (1), andere
(3) eine gewisse Strecke weit landeinwärts, indem sie ihre Ost- und
Nordgrenze erst in der Nähe von Paris erreichen. An diese letzteren
schliessen sich die über den Kanal bis zu den britischen Inseln
verbreiteten Pflanzen der atlantischen Flora, die ich deshalb von den
endemischen Gewächsen Frankreichs ausschliesse. Ein nördlicher
als die Gascogne gelegenes Vegetationscentrum ist nur noch durch
einzelne Arten an der Küste der Bretagne angedeutet. Es gehört
dazu eine Pflanze, die zwischen La Rochelle und Quiberon {Omp/ialodes
litoralis), eine zweite, die nur im Morbihan bemerkt worden ist
[Eryngium viviparum)] eine dritte {Linaria arenaria) folgt dem Litoral
von Nantes bis Dünkirchen.
Die Frage, weshalb die atlantischen Pflanzen nicht landeinwärts
gewandert sind, löst sich bei der Mehrzahl dadurch, dass sie sich
wie Halophyten des Seestrandes verhalten, die daher die Küste nicht
verlassen konnten. Wo dieses aber nicht der Fall ist, sind verschiedene
klimatische Bedingungen zu unterscheiden, namentlich die
Milde des Winters, die überaus verlängerte Vegetationsperiode und
vielleicht auch der Einfluss der grösseren Feuchtigkeit der Luft.
Diejenigen Arten, welche aus Portugal stammen, stehen denen
gleich, die aus anderen Gegenden der Mediterranflora bis zur französischen
Westküste gelangt sind, weil sie hier denselben milden
Winter finden, wie im Rhonethal. Die atlantischen Eriken indessen,
von denen eine Art bis zu den Faröer und Bergen in Norwegen,
vier andere bis Cornwales oder Irland sich verbreiten, können
durch die Winterkälte nicht gehindert sein, von der Gascogne aus
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Vegetationscentren des Tieflaiuls. 231
ostwärts in die Provence und das Rhonethal vorzudringen: denn die
Januarwärme ist in Avignon fast dieselbe, wie in Bordeaux, und sinkt
in Irland und an der Küste von Bergen tiefer, als dort. An einem
anderen Orte wird gezeigt werden, dass die klimatologischen
Erklärungen überhaupt für diese Eriken noch nicht sicher festzustellen
sind. Die Dauer der Entwickelungszeit, die in Portugal wegen
der Sommerdürre kürzer ist, als an der Bai von Biscaya, entspricht
am meisten den endemischen Pflanzen der Gascogne, und ich bin erstaunt
gewesen, wie gross die Zahl charakteristischer Gewächse war,
die ich an der Mündung des Adour erst im September blühend fand.
Solche Arten werden daher ebenso wenig nach Norden als nach
Osten von ihrer Heimath sich entfernen, wenn sie ihre Entwickelungsperiode
nicht verkürzen können. Ein geringeres Mass dieser
Ansprüche an das Klima veranlasst sofort eine Erweiterung des
Wohngebiets in beiden Richtungen. Ohne Zweifel sind es solche
klimatische Werthe, welche Frankreich den Vorzug vor Deutschland
geben, die Spuren seiner Vegetationscentren bewahrt zu haben.
Allein es bleiben Fälle übrig, die auf diese Weise kaum genügend
zu erklären sind, indem die Wanderung nach Norden weiter geht,
als sie im Inneren von Frankreich nach Massgabe dieser Bedingungen
erschwert werden könnte. Hiebei ist ferner auch zu berücksichtigen,
dass die atlantischen Pflanzen sich in einer ähnlichen geographischen
Stellung befinden, wie die der Pyrenäen den Alpen gegenüber. Indem
sie nur nach Osten oder nach Norden sich verbreiten können, folgen
sie der nördlichen Bahn, wenn sie in dieser Richtung weniger als
landeinwärts gehindert sind. Und wenn ihnen landeinwärts die entsprechende
Wärme noch eine Strecke weit zu Theil würde, so ist es
wohl wahrscheinlich die grössere Feuchtigkeit der vom Meere aus
mit Wasserdampf gespeisten Küstenatmosphäre, woran ihr Vorkommen
gebunden ist.
Zu einer Spur von Vegetationscentren im Inneren des Landes
liefert, um ungewisse Fälle«6) zu übergehen, eine Doldenpflanze
den Beleg [Peucedanumparisiense), die das ganze mittlere Frankreich
(46 49 0 N. B.) von Lyon bis Paris und namentlich das Flu«sgebiet
der Loire bewohnt. Ein anderer, ähnlicher Fall [Silaus virescem]
hat sich nicht bestätigt is^). Wie ist nun eine Erscheinung dieser
Art im Tieflande erklärlich, wo die Fortpflanzung so viel mehr, als
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