
1 I
Uli .
.i i
1
I
n
i iit
I
66 II. Waldö'ebict des östliclien Kontinents.
welcher die den Breitengraden entsprechenden Vegetationslinien abgeleitet
wurden, so haben Versuche gelehrt, dass die solare
Wärme in vertikaler Richtung nicht nur nicht abnimmt, sondern auf
hohen Berggipfeln, wo die oberen Schichten der Atmosphäre sie nur
Avenig schwächen können, sogar intensiver ist, als am Fusse des
Gebirges. Die solare Wärme verhält sich also hier umgekehrt, wie
in hohen Breiten, welche die Sonne bei ihrem niedrigen Stande weniger
erwärmt. Aehnliche Gegensätze bestehen in der Beleuclitun p'
die in der reinen Luft über den Wolken sich verstärkt, in der Tageslänge,
die nur von der Polhöhe, in der Dichtigkeit der Luft, die nur
vom Niveau abhängt, und endlich darin, dass die Gebirge durch
Niederschläge häufiger als die Tiefländer befeuchtet werden. Die
Exposition gegen die Sonne verschiebt zwar das Niveau der Pflanzenregionen,
aber da nach der verschiedenen Lage der Abhänge diese
Wirkungen sich ausgleichen, so ist die durchschnittliche Höhengrenze,
bis zu welcher eine Pflanze vorkommt, von der den Strahlen zu- oder
abgewendeten Neigung des Bodens unabhängig. Das der arktischen
und alpinen Flora Gemeinsame beschränkt sich auf die im Schatten
beobachtete Luftwärme und auf die d^urch die Abnahme derselben
bewirkte Verkürzung der Vegetationszeit. Dass die Temperatur ungeachtet
der gesteigerten solaren Wärme mit der Höhe so rasch
sinkt, ist, wie die Erfahrungen im Luftballon zeigen, zunächst eine
Folge der abnehmenden Dichtigkeit der Luft, die, je mehr sie verdünnt
ist, um so weniger die Fähigkeit besitzt, von der Sonne
unmittelbar erwärmt zu werden, sondern ihre Wärme von der
Leitung aus dem die Strahlen auffangenden Erdboden empfängt.
Aber diese Eigenschaft der Atmosphäre (ihre Diathermaneität) reicht
nicht aus, die Abnahme der Wärme in vertikaler Richtung allein zu
erklären, weil dieselbe nicht bloss vom Niveau, sondern auch von
der plastischen Gestaltung des Gebirges abhängt. Je massiger sich
dasselbe ausdehnt, je ähnlicher seine Oberfläche einer Hochebene
gebildet ist, desto geringer wird die Temperaturabnahme nach oben.
Die Wirkung der solaren Wärme auf den Erdboden ist, wie schon
bei dem arktischen Klima erwähnt wurde, von der Menge derMassentheilchen
bedingt, die von den Strahlen der Sonne getroffen werden.
J e mehr die zu erwärmende Oberfläche über einer gegebenen Grundfläche
sich vergrössert, ein desto geringerer Antheil von Strahlen
Wiederkehr der Gebirgspflanzen in d. nordöstl. gelegenen Tieflande. 167
kommt den einzelnen Theilchen zu Gute. Das Gebirge verhält sich
zur Ebene wie ein vom Sturm bewegtes Meer zu einer stillen Wasserfläche
, mit wachsender Höhe der Wogen erweitert sich die Oberfläche,
welche die Atmosphäre berührt. Auf einem schmalen und
steilen Gebirgskamme ist das Verhältniss am ungünstigsten, die Temperaturabnahme
nach aufwärts am raschesten. Eine flache Hochebene
bietet, wie das Tiefland, der Sonne die geringste Fläche dar,
so dass die unveränderliche Zahl der Strahlen die verhältnissmässig
grösste Wirkung hat. Hier heben sich die Pflanzenregionen, auf
den Gebirgsketten sinken sie. Sodann senken sie sich auch unter
dem Einfluss des Seeklimas, weil die Sommerwärme abnimmt, während
es im Tieflande gewisse Pflanzen zu hölieren Polargrenzen hinaufrückt,
deren Ansprüche massig sind.
Aus diesen Verhältnissen erkennt man, dass die Wiederkehr
der Gebirgspflanzen im Norden nicht von der solaren Wärme unmittelbar,
sondern von den Wirkungen abhängt, welche dieselbe in
dem ihnen zugetheilten Räume hervorzubi^ingen vermag. Eine Vegetationslinie,
die in Frankreich und Russland unter gleicher Polhöhe
liegt, ist ein Massstab für diejenige Erwärmung der Pflanze, welclie
sie von den Sonnenstrahlen empfängt, eine andere, die an den Küsten
zu höheren Breiten übergeht, ist von der Temperatur der Luft,
welche sie umgiebt, und des Bodens, in dem sie wurzelt, abhängig.
In beiden Fällen kann mit der verminderten Jahreswärme eine Verkürzung
der Entwickelungsperiode verbunden sein, aber die eine
Pflanze ist unabhängiger von deren Dauer, die andere von den
Schwankungen der Wärme. Eine gleiche Mitteltemperatur bewirkt,
dass die Gebirgspflanzen unter demselben Meridian in höheren
Breiten wiederkehren. Zuweilen haben sie auch die Fähigkeit
, ihre Entwickelungszeit zu verkürzen und zu verlängern.
Es giebt unter ihnen sogar Arten, die im Gebirge zweijährig
sind und daselbst früher blühen, als in der Ebene, wo sie im Frühlinge
keimen und im Herbste desselben Jahrs ihre Samen reifen
[Gentiana cmhpestris).
Es giebt aber auch andere, jedoch viel weniger zahlreiche Gew
ä c h s e , die, wie die Lärche und Cembra-Kiefer in nordöstlich
gelegenen Tiefebenen wieder auftreten, die zugleich in den
Alpen und in Russland vorkommen, nicht aber in Skandinavien und
H '
-••jr
¥