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150 IL Waldgebiet des östlichen Kontinents.
ist durch klimatische Momente bestimmt: so wird in den Zonen der
ostasiatischen Laubwälder die Rasenbildung unserer Wiesengräser
durch Formen von höherem Wüchse vertreten, die den Savanengräsern
der tropischen Zone gleichen. Wegen der Masse und Leichtigkeit
des Samens, der durch den Wind verbreitet wird, haben die
meisten Gramineen grosse Verbreitungsbezirke und können, vorausgesetzt,
dass sie den geeigneten Boden finden, ihre klimatischen
Grenzen leicht erreichen. Was für einheimische Gräser aber auf
der einzelnen Wiese wachsen, steht in genauem Verhältniss zu ihrer
Bewässerung, indem jede Art gleichsam einen bestimmten Feuchtigkeitszustand
des Bodens ausdrückt. Ich habe beobachtet , dass
die natürlichen Wiesen von unregelmässiger Neigung und Mischung
des Erdreichs leicht zwanzig bis dreissig verschiedene Gräser enthalten,
die auf kleinen Flächen zusammen wachsen. Auf kunstmässig
veränderten Rieselwiesen im Lüneburgschen, wo das Gefälle
des Wassers jeden kleinsten Theil des Bodens gleichmässig befeuchtet,
sah ich zuletzt die Grasnarbe in vollendeter Schönheit und mit
höchstem Ertrage nur aus einer einzigen Art gebildet [Anthoxantlmm),
welche die übrigen verdrängt hatte. Mit der verlängerten Entwickelungsperiode
des Westens und Südens, die wiederholte Heuernten
möglich macht, wird der Rasen kürzer und gedrängter: hier herrschen
die besten Wiesengräser der gemässigten Zone, das Rispengras,
das englische Raygras, das Ruchgras, das Fioringras [Poa,
Lolium, Anthoxa7ithum, Agrostis). Wo die Vegetationszeit sich verkürzt,
soAVohl in dem kontinentalen Sommer des Amurgebiets als im
hohen Norden, dessen lange Tage die geminderte Sonimerwärme ersetzen,
ist zwar der Rasen weit höher als bei uns, aber der Ertrag
doch geringer, weil Gattungen vorwalten (namentlich Calamagrostis),
die viel rascher ihre Halme treiben, damit die Zeit der Samenreife
nicht verloren gehe, aber die auch um so weniger Blattbüschel am
Boden erzeugen. So sind auch die Gräser in unseren feuchten Wäldern,
indem sie weniger Licht empfangen, höher, als auf den offenen
Wiesen, wo das Wachsthum der Blätter durch die Sonne und durch
die Verdunstung rascher gefördert Avird. Wenn der Einfluss, den
die künstliche Berieselung auf die Vereinfachung der Wiesenvegetation
ausübt, aus dem ungleichen Feuchtigkeitsbedürfniss der einzelnen
Arten sich ableiten lässt und eben desshalb die Mannigfaltig-
Wiesengräser. 151
keit der Gräser mit der verschiedenen Fähigkeit des Thons, des
Humus, des Sandes, das Wasser zui'ückzuhalten, zusammenhängt,
so ist die Frage, in wiefern die Kunst der Bewässerung die Fülle des
Rasens und den Heuertrag mächtig zu erhöhen vermag, nicht bloss
von einer weit grösseren praktischen Bedeutung, sondern bezieht
sich zugleich auch auf die eigenthümliche Stellung der Gräser in der
organischen Natur, welche die höchsten Aufgaben der Pilanzenkultur
in sich schliesst. Unter den Nahrungsstoffen, deren die Gräser zu
ihrer Vegetation bedürfen, und die sie dem Boden entziehen müssen,
steht die Kieselerde obenan, welche vorzugsweise in den Blattscheiden
abgelagert wird, die erst dadurch geschickt werden, dem
schwanken Halm, den sie schienen, die erforderliche Haltbarkeit zu
geben, damit er aufwärts dem Lichte entgegenwachse und die schwere
Fruchtähre oder Rispe tragen könne. Die Kieselerde ist unter den
mineralischen Nahrungsstoffen der Pflanze die im Wasser am schwersten
lösliche Verbindung, sie bedarf, um in hinreichender Menge in^
die Grasblätter zu gelangen, einer steten Erneuerung des Lösungsmittels,
einer beschleunigten Strömung durch das Gewebe, und in
demselben Masse, als die Zufuhr wächst, vermehrt sich auch die Intensität
des Wachsthums, welches in Ermangelung derselben zurückbleibt.
Wenn also auf der oflPenen Wiese durch Wärme die Verdunstung
gesteigert ist, wenn durch die verlängerte Beleuchtung die
organischen Stoffe sich mehren, wenn zugleich das durch die Gewebe
strömende Wasser für die mineralische Ernährung unerschöpflich zu
wirken vermag, dann erreicht das Wachsthum des Grasrasens die
höchste Lebensfülle. Aber nur das • fliessende Wasser leistet es^, aus
seinen unterirdischen Quellen neue, gelöste Mineralkörper den Pflanzen
unaufhörlich zuzuführen, da, was an der Oberfläche dem niederfallenden
Regen zu Gebote steht, bald ausgelaugt ist and früher
erschöpft wird, ehe die chemischen Processe der Verwitterung und
Humuserneuerung unlösliche Verbindungen wieder aufgeschlossen
haben. In dem natürlichen Haushalte des organischen Lebens nehmen
die Wiesengräser die Stellung ein, die aus den unterirdischen
Nahrungsspeichern des Gesteins durch das Quellwasser gelösten und
an die Oberfläche geführten Mineralkörper in ihrem Gewebe zu verwerthen
und je nach der Verschiedenheit des Bedürfnisses diese Arbeit
mit den Stauden zu theilen, die sie begleiten; sie dienen sodann