
I
i •
i M •
1 i
168 II. Waldgebiet des östlichen Kontinents.
Lappland. In dieser Richtung ist die verkürzte Vegetationszeit das
einzige klimatische Moment, welches sie verbindet. Im Gebirge verspätet
sie sich, weil der Schnee des Winters erst schmelzen muss,
und auch der Sommer bleibt kühl, weil dieses Schmelzen in den höheren
Kegionen fortdauert und die Bodenfeuchtigkeit sich zu erwärmen
hindert, welche an den geneigten Abhängen beständig von oben
her gespeist wird. In den nordöstlichen Ebenen giebt es auch keinen
rechten Frühling, weil die Temperaturkurve zu steil ansteigt, aber,
sobald die Nachtfröste vorüber sind, entwickelt sich hohe Sommerwärme.
Jene Pflanzen also,'die zugleich im Hochgebirge der Alpen
und in Kussland wachsen, sind gegen die Temperaturkurve gleichgültiger,
wenn nur die Phasen der Entwickelung in die angemessenen
Zeitpunkte fallen. Unter ihnen finden sich sowohl Schatten- als
Lichtpflanzen, es kommt nicht darauf an, ob sie von den Sonnenstrahlen
wirkhch getroffen werden, sondern ob sie bei verschiedenen
Temperaturen gedeihen können. Im Norden rücken die Alpenpflanzen
in die Ebene, wenn sie von der Temperaturkurve während der Vegetationsperiode,
im Nordosten, wenn sie von deren Dauer abhängiger sind.
Die letzteren fliehen das Seeklima Norwegens , weil in demjenigen
Niveau, wo die Vegetationsperiode das ihnen zusagende Mass hätte,
die Temperatur schon zu gering wäre, in den Alpen kommen sie da
fort, wo die angemessene Entwicklungszeit mit zureichender Wärme
verbunden ist. Der Sommer Lithauens ersetzt, was die alpine Region
durch ihre solare Wärme vor dem skandinavischen Küstenklima
voraus hat.
Bei der Zusammenstellung der in der alpinen Region der Alpen
vorkommenden Gewächse fand Christ dass von gegen 700 Arten
etva der dritte Theil (36 Procent) in den nordischen Gebirgen wiederkehrt
und sich zum Theil in die Polarländer verbreitet. Dass, wenn
eine Wanderung derselben stattgefunden hat, dieselbe in beiden
Richtungen, sowohl von Norden nach Süden als von Süden nach
Norden erfolgte, suchte er aus der alpinen Flora der Sudeten nachzuweisen,
die nach ihm 7 nordische Arten besitzt, die nicht in
den Alpen vorkommen, hingegen 52, die aus den Alpen stammen
und nicht bis Skandinavien verbreitet sind. Dasselbe ergiebt sich
auch aus der Vergleichung anderer Gebirgsfloren. Wichtiger ist die
Thatsache, dass die endemischen Pflanzen der Alpen in ungleich
Wandermig der arktisch-alpinen Pflanzen. 169
grösserem Verhältniss an trockene Standorte gebunden sind, dagegen
diejenigen, welche auf sumpfigem oder von Schneewasser durchnässtem
Boden gedeihen, im Norden am häufigsten wiederkehren.
Unter den endemischen Arten der Alpen schätzt Christ die des
trockenen Bodens auf fünf Sechstel der Gesammtzahl, unter den
nicht endemischen die Wasser bedürfenden auf drei Viertel. Die
Erscheinung ist dem allgemeinen Verbreitungsgesetze der Wasserpflanzen
des Binnenlandes analog und beruht hier zugleich nicht
bloss auf der gleichmässigeren, sondern auch der geringeren Wärme
des Bodens, in welchem diese Pflanzen wurzeln, und die ihnen einen
weiteren Spielraum gewährt, an geeigneten Standorten sich anzusiedeln.
Der Austausch der Pflanzen zwischen Orten, die weit von einander
entfernt liegen, wie die Alpen von Norwegen, oder gar von Lappland
und Spitzbergen, hat vielen Naturforschern nie recht einleuchten
wollen. Ich theile diese Bedenken nicht, da Wanderungen des Samens
durch die Luft, durch den Wind oder durch Zugvögel vermittelt,
über die Zwischenländer, Seren Klima nicht geeignet ist, recht
wohl möglich erscheinen. Auch vermehren sich die Beobachtungen
keimfähiger Samenkörner im Kropf oder zwischen den Federn der
Vögel, je mehr man darauf zu achten anfängt Gewichtiger ist
der Einwurf, dass ein ähnliches Verhältniss, wie zwischen den Pflanzen
der Alpen und Lapplands, auch bei solchen grösseren Thierformen
erkannt worden ist, bei denen eine Wanderung vom hohen
Norden bis zu den Gebirgen Mitteleuropas nicht angenommen werden
kann. Die Spekulationen über die Eishülle, die in der Periode,
die man sonst Diluvium zu nennen pflegte, den Erdboden bedeckt
haben soll, fanden hier ein bereites Feld, sich zu versuchen. Die
Standorte der arktischen Gewächse auf den Alpen waren den Anhängern
dieser Lehre die Ueberreste einer Flora, die ehemals, als die
Gletscher sich zurückzuziehen begannen, durch das heutige Waldgebiet
allgemein verbreitet war. Die Untersuchungen über das
Wohngebiet des Rennthiers in vorhistorischen Zeiten scheinen diese
Ansicht keineswegs zu unterstützen. Als dieses Thier in Mitteleuropa
lebte, war die Erde bereits längst bewohnt und stand nicht
nicht mehr in einer anderen geologischen Periode. Das nordische
Thierleben ist verdrängt worden oder hat sich zurückgezogen, als