
i il 222 IL Waldgebiet des östlichen Kontinents. Vegetationscentren der Alpen. 223
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gamo beobachtet worden ist. In noch höherem Grade abgeschlossen
ist am westlichen Ufer des Gardasees ein schmaler und kaum alpine
Höhe erreichender Gebirgsstock, der, aus Kalk und Dolomit gebildet,
aber wasserreich und noch mit Buchenwäldern geschmückt zwischen
den Thaleinschnitten von Giudicaria (Chiese und Lago dldro) und
von Sarca (Gardasee) sich bis Salo erstreckt. Denn durch die niedrige
Wasserscheide bei Roncon zwischen dem Quellgebiet des Chiese
und dem Arno, der durch das Sarcathal mit dem Gardasee und dem
Mincio sich vereinigt, stehen beide Thäler in Verbindung. Auf diese
Gruppe ist ein Thymelaeenstrauch {Dap/me petraea) beschränkt und
nur an den Kalkfelsen des Tombea (Cima Lanin, kaum 6000 Fuss
hoch) , in kleinen Höhlungen, deren Boden beständig von herabsickernder
Feuchtigkeit benetzt wird^^T^^ wächst eine der merkwürdigsten
Saxifragen [S, arachnoidea bis 5000 Fuss), die von hieraus
in das Ampola-Thal über Storo (— 2000 Fuss) herabgeschwemmt
wird. Der letzte Fall des auf eine einzige Alpengruppe beschränkten
Vorkommens einer durch ihren Bau ausgezeichneten Pflanze ist der
der Wulfenia {W. carinthiaca), einer Scrophularinee, die lange Zeit
für monotypisch galt und auch jetzt noch ihre Eigenthümlichkeit behauptet,
nachdem eine zweite Art in Syrien, eine dritte am Himalaja
entdeckt wurde. Sie war bis vor wenig Jahren nur auf der Kühweger
Alpe bei S. Hermagor im südlichen Kärnthen bemerkt worden
, nun hat sie Schenk nach brieflichen Mittheilungen noch auf
einer zweiten, aber nur wenig Stunden von jener entfernten Alpe
aufgefunden. Die Gruppe, zu welcher diese Berge gehören, bilden
eine von dem Gail- und Drauthale vollkommen eingeschlossene,
durchaus selbständige Kette, die zwischen den centralen Tauern
und den südlichen carnischen Alpen eingeschaltet ist, indem das
Quellwasser des Gail unweit Sillian mit den Zuflüssen des Drau in
derselben Thalspalte entspringt. Die Wulfenia aber findet nicht
bloss an diesen Thälern eine Schranke, die sie an ihren alpinen
Wohnort fesselt, sondern innerhalb der Kette selbst ist sie durch
deren zahlreiche Einschnitte, die z.B. zu der Bildung des Weissensees
Veranlassung geben, auf zwei einzelne Höhenpunkte eingeschränkt
worden. Man kann ihr Vorkommen also gewiss mit Recht
den Gebirgspflanzen oceanischer Inseln, wie des Pik von Teneriffa,
an die Seite stellen. Ebenso wie diese nicht zu anderen Bergen
gelangen können, so war die Wulfenia durch die Thäler, die ihren
ursprünglichen Heimathsort rings umschliessen, verhindert, an entsprechenden
anderen Standorten sich anzusiedeln.
Sind wir demnach im Stande, aus Wanderungen, die von einem
einzigen Entstehungsorte der Arten ausgingen, die Anordnung der
Alpenpflanzen abzuleiten, so ist schliesslich doch zu bemerken, dass
einzelne Erscheinungen übrig bleiben, die keineswegs mit einiger
Sicherheit aufzuklären sind. Fand die Wanderung, wie bei der
Zwergbirke, in der Richtung nach Süden statt, so kann das Vorkommen
in den Alpen ein sporadisches sein : wenn aber eine Art aus
den Alpen stammt und sich bis zu den norwegischen Fjelden verbreitet
hat, so würde die Migrationshypothese voraussetzen, dass sie,
mit so bedeutenden Kräften ausgestattet, auch in dem Alpensystem
selbst allgemein auftreten müsste. Dies ist allerdings die Regel, die
der arktischen Flora und den südlichen Gebirgen gemeinsamen Pflanzen
sind fast immer in den Alpen häufig, wenn sie aus diesen, oder
selten, wenn sie aus dem Norden stammen , aber es giebt auch
Ausnahmen, es giebt Pflanzen, deren Heimath nach ihrem Vorkommen
oder ihrer systematischen Verwandtschaft in den Alpen liegt,
und deren Wanderung innerhalb derselben beschränkt bleibt, während
sie doch die Fjelde oder andere sehr entfernte Orte erreichen.
Einen ausgezeichneten Fall dieser Art bietet eine Gentiane [G. purpurea),
die in der alpinen Region der Schweiz häufig ist, in den Alpen
aber vom Mont Cénis aus in östlicher Richtung das Rheinthal nicht
überschreitet, indem jenseits desselben in Tirol eine verwandte Art
O, pannonica) auftritt, welche nun von hier aus, wie jene, die Alpenmatten
bis Steiermark bewohnt und auch die südlichen Karpaten erreicht.
Die so scharf getrennten Wohngebiete dieser beiden Gentianen
werden von einer dritten, ebenfalls nahe stehenden Art [G. punctata)
nicht bloss umfasst, sondern auch in den Karpaten und Sudeten,
sowie auf dem Scardus in Macédonien überschritten. Nun findet sich
aber die westliche Art [G. purpurea) an ähnlichen Standorten auf
den norwegischen Fjelden wieder, wo ich sie, ununterscheidbar von
der Schweizer Pflanze, bei Röldal in Teilemarken beobachtet habe.
Ausserdem ist sie noch auf dem nördlichen Apennin und in einer
klimatischen Varietät in Kamtschatka, angeblich auch in Siebenbürgen
einheimisch. Wäre dies ein Fall, wo eine früher allgemeiner