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158 II. Wiikk'cbiet des ö o stlichen Kontinents.
wirkenden Einfluss ausübt. Liebicli tlieilt den historisclien Gang*
der europäischen Bewaldung in drei grosse Perioden, die der mit der
Kultur zunehmenden Lichtung der Wälder entsprechen: zuerst erzeugten
die gedrängten, finsteren Bestände ein nordisches Klima, wo
der Jäger seiner Beute nachging, wie jetzt in Sibirien und Kanada;
dann musste das Baumleben, welches dem Boden Sonne und Licht
absperrte, einer richtig geleiteten Einschränkung durch den Ackerbau
weichen, und es entwickelten sich die Kulturländer des centralen
Ein-opas, bis endlich die übermässige Verwüstung der Wälder solche
Zustände hervorzurufen anfängt, wie wir sie in Frankreich vor Augen
haben, wo die weitlün baumlose Ebene ohne die Nachbarschaft des
Meers durch übermässige Dürre leicht veröden könnte.
Die Höhe und Ueppigkeit des Baumwuchses ist ein Ausdruck
der verschiedensten, physischen Bedingungen. Die Kürze des
Sommers und die verhältnissmässige Trockenheit Sibiriens, nicht
minder aber auch die flache Lage des unterirdischen Eises beschränken
hier die Grösse und den Umfang der Stämme und geben dem
Walde, je mehr man nacli Norden geht, den Charakter jugendlicher
Bestände , die au Schönheit mit denen des Seeklimas nicht zu
vergleichen sind. Aber auch im Westen, wo der Baumwuchs vom
Klima am meisten begünstigt wird, ist die Pracht der Wälder sehr
ungleich vertheilt und hängt von der Beschaffenheit des Bodens, vor
Allem aber von seiner Fähigkeit ab, die Feuchtigkeit zurückzuhalten.
Diese ist es, v o n w e l c h e r R a t z e b u r g einer der ersten Kenner der
deutschen Wälder, die Ueppigkeit der Bestände auf dem Basalt der
Weserlandschaften, wie auf den Trachyten des Rheins ableitet.
Wenn durch die Tiefe der Erdkrume und ihre Mischung die Yertheilung
der Baumarten bestimmt wird, so ist die Kraft der Individuen,
regelmässig und bis zu hohen Altersstufen sich zu entwickeln,
die von Jahr zu Jahr die Bedeutung ihrer Gestalt erhöhen, an die
gleichmässige Strömung ihrer Säfte geknüpft. In Deutschland finden
sich die schönsten Buchenbestände an der Ostsee und auf dem kalkhaltigen
Boden der Hügelketten des Wesergebiets. Viel seltener sind
die alten, wohlerhaltenen Eichenwälder geworden, von denen ich die
prächtigsten am Ufer der Elbe in Anhalt sah, und denen die des
schlesischen Alluviums an der Oder gleichen sollen : solche Bäume,
wie dort, werden in der grossen Eichenzone, die sich von Nordalbanien
Haide, Moor, Erlenbfuch. 159
über Serbien bis zu den russischen Laubwäldern erstreckt, wohl
selten angetroffen. Die Fichten der Sudeten, des Harzes und der
Alpen, die Edeltannen des Schwarzwaldes enthalten in ihrer Art die
edelsten Baumgestalten, die Europa aufzuweisen hat. Auch die
übrigen Bestandtheile der Waldformationen, die Sträucher, die
das Unterholz bilden, die Schlinggewächse, die Gräser, die Stauden,
die den Boden bekleiden, die Pilze,, die meistens in den Herbstregen
ihr flüchtiges Dasein beginnen und beschliessen, sind sowohl durch
das Klima als durcli den Boden an eine bestimmte Vertheilung gebunden,
und, indem sie zugleich von der Beleuchtung abhängen,
welche ihnen bald im tiefen Schatten entzogen ist, bald in den verschiedensten
Abstufungen zuTheil wird, kann sich hier eine Mannigfaltigkeit
der Bildungen entwickeln, die den Baumarten selbst abgeht.
Doch nur die lichteren Laubhölzer sind reich an diesen Schattengewächsen.
Die geschlossenen Nadelwälder lassen sie nicht aufkommen.
Von der Beleuchtung ist es abhängig, ob sie überhaupt
Unterholz besitzen. In den hochnordischen Fichtenbeständen an der
Petschora^^ö) findet sich dasselbe durch Birken, Weiden und die
grüne Erle {Ahzis frulicosa], durch Vaccinien und andere Beeren
tragende Sträucher vertreten; die dichteren Kieferwälder zeigen
am Boden nur einen weissen Lichenenteppich oder eine Decke von
Laubmoosen. Es ist, als ob die kryptogamischen Formationen der
arktischen Tundra sich diesseits der Baumgrenze in den kühleren
Schatten des Waldes zurückzögen.
Auf den offenen Flächen der baltischen Ebene und Russlands
nehmen die Gesträuchformationen der Haiden und Sümpfe einen verhältnissmässig
weiten Raum ein und müssen zum grossen Theil als
ursprüngliche oder doch frühzeitig entstandene Bildungen aufgefasst
werden. Die Haiden der baltischen Ebene sind fast nur von Calluna
bewachsen, die wenige und meistens nur vereinzelte Gewächse neben
sich aufkommen lässt. An den russischen Grenzen verliert sich allmälig
die offene Calluna-Haide, sporadisch erscheint sie noch am
Onega-See und häufiger in Litthauen. Wir haben schon gesehen,
dass dieselben Eriken oder die die Calluna vertretende Glockenhaide
{Erica Tetralix) sowohl den trockenen Boden, als die Hochmoore des
Westens bekleiden. Die Hochmoore sind eben dadurch von den
Wiesen- und Waldmooren unterschieden, dass ihre nach und nach
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