
ii
1
\ ;)
i 1
94 IL Waldgebiet des östlichen Kontinents.
Vegetationsliiiie hat man die Grenze der sibirischen Nadelhölzer genannt,
sie geht, mit der der Pichta-Tanne und der Cembra-Kiefer
nahe übereinstimmend, vom weissen Meere aus zum mittleren UraP^)
und umfasst also ausserhalb Sibiriens nur die nordöstlichen Wälder
des europäischen Russlands.
Die Flora der nördlichen Mandschurei oder des Amurlandes mit
ihrem Weclisel von Laub- und Nadelhölzern ist durch Gebirgsketten
von Sibirien abgesondert, deren Hauptaxe von Südwesten nach Nordosten
streicht. Dieses Gebiet, wo das Klima noch den kontinentalen
Charakter Sibiriens vollständig bewahrt, ist zwischen der Chingan-
Stanowoikette und den Küstengebirgen eingeschlossen. Hier bedecken
Laubwälder, von üppigen Grasfluren unterbrochen oder gelichtet,
das Tiefland, die Baumarten sind eigenthümliche, aber gehören
grösstentheils zu europäischen Gattungen, die sibirischen Nadelhölzer
fehlen zwar nicht, bewohnen aber das Gebirge. Gerade da, wo der
Amur, zwischen dem chinesischen Chingan, dem östlichen Randgebirge
der hohen Gobi, und dem sibirischen Stanowoi durchbrechend,
in dieses Florengebiet eintritt (bei Albasin 53 o N. B.) findet sich die
nordwestliche Vegetationslinie einer Eiche [Quercus mongolica), einer
Art, -die, zwar »von magerem, kümmerlichem Wuchs«, doch dadurch
merkwürdig ist, dass sie durch die ganze nördliche Mandschurei »als
Charakterbaum der Amurflora« 3-^) sich verbreitet. Das Eichengeschlecht
bezeichnet daher hier im äussersten Osten des Kontinents,
an das Gebirge sich anlehnend, aber dasselbe nicht überschreitend,
ein ähnliches Vegetationsgebiet, wie diesseits des Ural. Auf den
weiten Räumen Nordasiens, von den östlichsten Stämmen der europäischen
bis zu den westlichsten der Amur-Eiche ist dagegen die
Gattung unvertreten. Allein die klimatischen Bedingungen, unter
denen beide Arten stehen, haben wenig Beziehung zu einander. Im
Amurlande ist die Sommer wärme nicht höher, als in den südlichen
Landschaften Dauriens, von denen der Chingan sie trennt, die
Winterkälte nicht minder streng 35). Selbst den Boden fand Radde
noch in der Tiefe dauernd gefroren und erlebte eine Kälte von 35»
R. unter dem Gefrierpunkte 36). Erst im Mai löst sich das Eis des
Stroms 37), und die Belaubungszeit der Bäume dauert nicht viel über
vier Monate 3®). Nur die um so viel verlängerte Vegetationszeit und
die grosse Feuchtigkeit des Sommers scheinen es zu sein, wodurch die
J
Klima des Amurgebiets und Kamtschatkas. 95
Laubhölzer des Amurlandes sich von den Nadelwäldern der sibirischen
Ebene und von den Steppen Dauriens scheiden. Auch der
Winter gewährt am unteren Stromlauf durch grosse Schneemassen
der Vegetation einen Schutz gegen die Kälte, während diesseits des
Chingan gerade die kalte Jahreszeit an Niederschlägen die ärmste
ist 39). Hier zeigt sich der Einfluss, den die Wüste Gobi auf die
Trockenheit des Klimas auch von Sibirien ausübt, wogegen das
Amurland dem chinesischen Tieflande offener gegenüberliegt.
Wo der Amur unweit seiner Mündung die Küstenkette durchschneidet
(53 0 N. B.), ändert sich die Physiognomie der Natur
plötzlich, die Vegetation nimmt einen nordischen Charakter ^O) an,
die Laubwälder verschwinden, Nadelhölzer, Tannen und Lärchen
herrschen wieder, wie im Inneren Sibiriens. Südwärts hat man diese
Flora längs der Meerenge der Tartarei (— 49 o N. B.) wenig verändert
gefunden. Die Nordhälfte der gegenüberliegenden Insel
Sachalin, von welcher der südliche Theil der japanischen Flora zugesprochen
ward, gleicht ebenfalls den nördlichen Küstenländern
des Meerbusens von Ochotsk-^J) , wo das Klima einen gemischten
Charakter zeigt und kühle Sommer mit strenger Winterkälte verbindet.
Die Landschaft ist mit Tundren bedeckt, auf welche die
Zwerg-Arve (P. Cembra pumita) von den Bergen herabsteigt. Die
Wälder bestehen aus Lärchen und Birken [B. alba), wie im hohen
Norden Sibiriens.
Erst die Halbinsel Kamtschatka sondert sich als letzte und östlichste
Vegetationszone durch ein milderes Seeklima von dem übrigen
Festlande, aber deren Flora ist noch wenig genau bekannt. Als
Charakterbaum derselben kann man vielleicht die kamtschadalische.
Birke [Betula Ermani) bezeichnen. Denn wiewohl dieselbe auch die
Küstenkette Ostsibiriens überschreitet und auf den Höhen der Südhälfte
von Sachalin beobachtet worden ist 42], so verhält sie sich doch
wahrscheinlich ähnlich, wie die sibirischen Nadelhölzer, die dem
Amurlande nicht fehlen, aber unter dessen günstigeren Vegetationsbedingungen
daselbst die Gebirgsregionen, nicht aber, wie in Sibirien,
das Tiefland bewohnen.
Nördlich von der Mündung des Amur wird das Klima des
Litorals bald noch rauher als an der Meerenge, am ochotskischen
Golf besteht die Vegetation nur aus einem »lichten, oft verkrüppelten