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296 III. Mittelmeergebiet.
Was könnte die abgesonderte Bedeutung des Lebens und seiner Fortpflanzung
von einer Generation zur anderen besser in's Licht stellen,
als wenn wir sehen, dass das Oleanderblatt in so vielen Familien der
Mediterranflora sich wiederholt und so wenig von seinem einfachen
Bildungsplane abzuweichen pflegt? Wenn dieses Gesträuch mit seiner
bunten Blüthenfülle den Frühling des Südens verschönert, werden
wir darauf hingewiesen, dass alle diese mannigfaltigen Organisationen
unter gleichen Bedingungen auch denselben Entwickeluugsgang
einschlagen. Wenn dagegen der Oleander selbst [Nerium) in
Norditalien erst im Sommer und bis zum Herbste hin seine rothen
Blumensträusse treibt, erkennen wir .die Ursache dieser Verschiedenheit
darin, dass das Gewächs das Ufer der Thalgründe aufsucht, wo
ihm auch in der trockenen Jahrszeit fliessendes Wasser leichter zu
Gebote steht.
üeberblicken wir nun die Reihe der übrigen immergrünen
Strauchformen, welche die Maquis zusammensetzen, so zeigt sich
eine allmälig fortschreitende Verminderung der Blattgrösse, bis die
Blätter zuletzt ganz verschwinden oder sich zu dornigen Organen
umbilden. Auf das Myrtenblatt folgt die Blattnadel der Eriken,
auf der Unterdrückung oder Umbildung des Laubes beruht die
Unterscheidung der Spartiumform und der Dornsträucher. Diese
Veränderungen sind fast allen trockenen Klimaten der Erde gemeinsam,
und es soll hier zunächst nur im Allgemeinen bemerkt werden,
dass der Zweck, die Verdunstung des Safts zu beschränken, durch
verminderte Grösse der Oberfläche ebenso gut erreicht wird, wie
durch die Verstärkung der Oberhaut. Auf das Einzelne dieses Verhältnisses
einzugehen, wird sowohl hier, als bei anderen Klimaten,
j e nachdem sich zur Erläuterung besonders geeignete Organisationen
darbieten, Anlass genug sein. Die Myrtenform ist in der Mediterranflora
durch beinahe 30 Arten vertreten, von denen jedoch mehr als
die Hälfte aus Thymelaeen besteht, die meistens nur eine beschränkte
Verbreitung haben. Dazu kommen noch gewisse Arten, die als
Mittelstufen zwischen der Blattform des Oleanders und der Myrte
bezeichnet werden können. So zeigt sich die Mannigfaltigfaltigkeit
der Sträucher mit ausdauernden Lauborganen in einer Reihe von
etwa 60 Arten, in welcher das elliptische Blatt mit schmaleren Flächen
wechselt, aber doch nur einen engen Kreis von Bildungs-
Erikeiiform. 297
Verschiedenheiten umschliesst. Fast immer sind die Zweige stark
belaubt, die Blätter ungetheilt, nur in einem Falle die kleinen Flächen
zu gefiederter Anordnung verbunden {Pistacia Lentisc,us). Zu
der Myrtenform gehören, wenn man den zuletzt genannten Strauch
einschliesst, 10 Gattungen, die unter 9 verschiedene Familien sich
vertheilen. Etwa die Hälfte der Arten ist über das ganze Gebiet
verbreitet, aber nur wenige treten in grossen Massen gesellig oder
mit anderen Sträuchern verbunden auf, namentlich die Myrte selbst
{Myrtus communis), zwei Oleineen [Fhmyrea) und der Mastixstrauch
[Pistacia Lentiscus). Gerade wie bei der Oleanderform bewohnen
einige im Süden einheimische Arten anch das westliche Seeklima bis
zu ungleichen Polargrenzen [Osiris, Buxm, Ruscus). In das entgegengesetzte
Steppenklima des südlichen Russlands verbreitet sich
eine der Thymelaeen [Daphm oleorcles), während von der Oleanderform
kein Beispiel dieser Art bekannt ist. Das kleinere Myrtenblatt
kann sich sowohl der verkürzten Vegetationszeit der Steppe anbequemen,
als in den milden Wintern des Westens ausdauern, wogegen
das der'Oleander form wegen seiner langen Vegetationszeit das kontinentale
Klima Russlands meidet.
Die Erikenform erreicht, sofern sie durch die Eriken selbst vertreten
ist, im Mittelmeergebiet eine weit ansehnlichere Höhe des
Wachsthums, als bei uns. Schon die Heiden der Gascogne bestanden
aus weit grösseren Sträuchern, als die der baltischen Ebene,
aber sie werden durch die Baumheide des Südens [Erica arborea)
bedeutend übertroffen. Diese gleicht in ihrem Wüchse der Oleanderform
59) mit der sie häufig gemischt wächst, indem sie, wie diese, je
nach der Beschaffenheit der Erdkrume bald zur Höhe des reichbelaubten
Arbutus heranwächst, bald auf steinigem Boden zu geringen
Dimensionen zusammenschrumpft. Wiewohl sie gleichzeitig mit
den übrigen immergrünen Sträuchern ihre überaus reichblüthigen
Rispen entfaltet, hat sie doch eine kürzere Vegetationszeit, weil die
Blattnadel sich rascher erneuert, als die grösseren Laubblätter. Dies
kann man daraus schliessen, dass die Baumheide höher in das Gebirge
ansteigt. Am bithynischen Olymp findet sie sich bis zum
Niveau von 2500 Fuss. Diesem Verhältniss entspricht es, dass die
Eriken in dem nordwestlichen Europa höher hinaufgehen, als die
immergrünen Laubsträucher. Aber diese Beziehungen sind nicht
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