
302 III. Mittehneergebiet.
vollständig auf die grünen Zweige übergehen, indem die Blätter entweder
ganz fehlen oder nur kurze Zeit vorhanden sind, so zähle ich
in meiner Sammlung über 40 Arten (44), unter denen aber fast die
Hälfte (20) dornig ist. Sehr ungleich vertheilen sie sich in den beiden
Familien der Leguminosen (39) und Gnetaceen [Ephedrd). Die
ersteren gehören mit einer einzigen Ausnahme [Coronüla juncea) zu
den Genisteen, aber die Zahl der Gattungen, von denen ich 8 unterscheide,
steht nicht fest, da die Ansichten der Systematiker über
deren Umfang getheilt sind. Ohne feinere Unterschiede im Bau der
Blüthen und Früchte zu beachten, lassen sich diese Genisteengattungen
nicht unterscheiden, und nur in einem Falle [Pterospartum) nehmen
die Zweige eine flache, blattähnliche Gestalt an und ersetzen
hier also allein das fehlende Laub in vollem Umfange. Unter den
blattlosen Genisteen, die keine Dornen tragen, finden sich nur zwei
Arten durch das ganze Mittelmeergebiet oder doch den grössten Theil
desselben verbreitet, und beide überschreiten auch in gewissen Richtungen
dessen Grenze, die eine [Spartium jurweum) im Rhone-Thal,
wo sie bis Lyon hinaufgeht, uud angeblich auch in Armenien, die
andere [Syspo7ie radiatd] in den wärmeren Alpenthälern und im Banat.
Anders verhalten sich die dornigen Formen, die fast sämmtlich auf
den Westen beschränkt sind, und von denen zwei Arten [Ulex] gleich
der Eriken form längs der atlantischen Küste sich bis hoch in den
Norden der britischen Inseln verbreiten. Die Gattung Ephedra, die
durch die Gliederung ihrer steifen, blattlosen Zweige sich auszeichnet,
und deren festeres Gewebe dem kälteren Wiuter des kontinentalen
Klimas widersteht, ist geographisch den Genisteen gerade ent-
' gegengesetzt: ihr Centrum berührt das Steppengebiet, aber zwei
Arten reichen doch bis nach Spanien, und eine dritte ist sogar dem
Westen eigenthümlich. Fassen wir endlich die Thatsachen zusammen,
so ergiebt sich innerhalb des Mittelmeergebiets doch nur für
5 Sträucher der Spartiumform ein ausgedehnter Verbreitungsbezirk,
einige (3) gehören dem Osten , andere (3) den Inseln Sicilien uud
Sardinien an, alle übrigen (33) sind auf den Westen beschränkt und
die meisten überschreiten kaum die spanische Halbinsel oder Nordafrika.
Von diesen zahlreichen spanischen Genisteen dringt indessen
eine Art über die Grenzen der Mediterranflora in Frankreich vor
[Sa7-othamnus purgans bis zur Loire).
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Dornsträucher. 303
Die Dornsträucher nehmen im Mittelmeergebiet eine verschiedene
geographische Stellung ein, je nachdem sie zu den Genisteen
oder anderen Gruppen gehören. Die ersteren sind häufiger im
Westen, die übrigen auf den östlichen Halbinseln. Ich rechne mdessen
zu dieser Pflanzenform nur solche Gewächse, bei denen die
Bildung stechender Organe auf Kosten der Belaubung erfolgt. Denn
nur diesen kommt eine bestimmte klimatische Beziehung zu, wodurch
sie sich der Spartiumform unmittelbar anschliessen. Ob die Blätter
minder zahlreich werden, weil an den Zweigen die Endknospe verkümmert
und sich in einen Dorn verwandelt, oder ob ihre Grösse
verringert ist, weil gewisse Theile ihres Gewebes sich nicht ausbilden
und zu stechenden Spitzen verholzen, ist hiebei gleichgültig. In
beiden Fällen ist die verdunstende Oberfläche des ganzen Gewächses
kleiner, als sie ohne die Dornen sein würde, und dadurch der Organismus
einem trockeneren Klima angepasst. Wenn aber eine Pflanze
reichlich belaubt ist und doch an dem Rande des Blatts, wie der
Hülsenstrauch [Hex], Dornen trägt, oder die Nebenblätter zu solchen
Gebilden umformt (z.B. Paliurus), oder endlich nur oberflächliche
Stacheln aus der Oberhaut entwickelt, wie die Rose, kann von solchen
klimatischen Bedingungen nicht die Rede sein. An Uebergängen,
wo die Bedeutung der Organe zweifelhaft wird, fehlt es bei
dieser Auffassung freilich ebenso wenig, wie bei irgend einer anderen
physiologischen Eintheilung der vegetativen Gebilde. So sind die
Dornsträucher mit allen übrigen Strauchformen verknüpft, und aus
den einfacheren, den typischen Fällen, ist das Gesetz abzuleiten,
welches den Pflanzen den geeigneten Wohnort gab. Zwischen den
immergrünen Dornsträuchern der Spartiumform und den dornigen
Genisteen. welche Blätter besitzen, ist kaum eine Grenze zu ziehen
möglich. Zuweilen ist das Laub sogar zusammengesetzt und kann
doch sehr vergänglich sein [Calycotome). Hier bleiben die Zweige
oft lange grün und übernehmen die Blattfunktion, die lange Vegetationsperiode
des Westens ist ihnen gemäss, wenn auch nicht für alle
Arten. Die meisten anderen Dornsträucher hingegen sind nicht so
gebaut, dass die Axentheile zur Ernährung beitragen können. Die
Stengelglieder bleiben kurz und verholzen rasch, die Höhe des
Wuchses ist geringer. Dies ist die Form der Dornsträucher, welche
erst im Steppenldima zur grössten Mannigfaltigkeit gelangt, und die
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