
92 IL Waldgebiet des östlichen Koutiuents.
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tlium zu beginnen; sie belaubt sich schon, wenn die tägliche Wärme
über 6 o R. steigt und verliert ihre Blätter, wenn im Herbste dieser
Werth nicht mehr erreicht wird^^). Sie verhält sich also ganz anders,
wie die Buche und die Eiche, und dadurch ist sie fähig, bis zu
den baumlosen Polarländern vorzudringen. In Westeuropa dehnt
sich ihre Vegetationszeit über ein halbes Jahr aus, in Petersburg beträgt
sie noch fünf, in Lappland muss sie sich auf drei Monate beschränken.
Denn hier findet sich die Birke bis zur Baumgrenze, die
sie in Sibirien nicht erreicht [Norwegen Samojedenland 66^,
Jenisei Der klimatische Grenzwerth ihres Wohngebiets ist
also dadurch bezeichnet, dass sie bis zum äussersten Mass, welches
das Leben der Bäume ertragen kann, ihre Entwickelungsperiode zu
verkürzen vermag. Da aber diese Verkürzung theils auf der Abnahme
der solaren Wärme mit der Polhöhe, theils auf den Wechselwirkungen
von Meer und Festland beruht, so erklären sich aus diesen
Momenten die Unregelmässigkeiten im Verlauf der Polargrenze, die
sich bei den immergrünen Nadelhölzern wiederholen. In Skandinavien
reicht dieselbe unter dem Einfluss des Golfstroms am weitesten nach
Norden, senkt sich von hier aus gegen das Samojedenland, begleitet
die nordrussischen Nadelwälder nur spärlich und folgt sodann ostwärts
in ziemlich gleichen Abständen der gewundenen Küstenlinie
Sibiriens, bis sie, zurückgedrängt durch das excessive Klima an der
Lena, zu niedrigeren Breiten übergeht^^^). Bei der Lärche ist die
Verkürzungsfähigkeit der Entwickelungsperiode noch grösser, als
bei der Birke. Während sie in Westeuropa über 7 Monate lang ihre
Nadeln trägt bildet sie in Sibirien die Baumgrenze-^i). Aber nicht
hierauf beruht es, dass sie daselbst über die immergrünen Nadelhölzer
und über die Birkengrenze hinausgeht, sondern auf einer
anderen Eigenthümlichkeit. Sie hat nämlich vor der Birke dadurch
einen Vorzug, dass sie noch grün bleibt, wenn die Temperatur schon
weit tiefer gesunken ist, als zur Zeit ihres Aussclilagens. Bei Petersburg
verliert sie ihre Nadeln erst, wenn die tägliche Temperatur
unter den Gefrierpunkt fällt, in Westeuropa ist der Unterschied geringer.
Sie findet also eine Entwickelungszeit von drei Monaten bei
einer Temperaturkurve, wo der Birke kein solcher Abschnitt von
genügender Wärme mehr zu Gebote steht. Indem daher die Lärche
in ihrer klimatischen Sphäre die Eigenschaften der Birke und Eiche
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Klima der Fichtenzone. 93
vereinigt und noch weniger, als diese beiden Bäume, gegen Aenderungen
der Entwickelungsperiode und gegen die Kälte am Schluss
derselben empfindlich ist, reicht ihr Wohngebiet über alle anderen
Bäume in dem kontinentalen Klima Sibiriens hinaus. Zwar pflegt
man die sibirischen Lärchen als besondere Arten von derjenigen,
welche Europa bewohnt, zu trennen, aber da die Unterschiede
geringfügig und veränderlich sind, erscheint es naturgemäss, sie nur
als klimatische Varietäten aufzufassen. Ueberhaupt ist unter den
sibirischen Coniferen nur die Pichta-Tanne {Pmus Pichta) mit Sicherheit
als eigenthümliche Art zu betrachten. Sie geht nicht so weit
nach Norden, als die übrigen Nadelhölzer [Samojedenland 64 o, Ural
62 0, Jenisei 67«, Lena 60«] 32), ihre klimatische Sphäre ist aber
doch von der verwandten Edeltanne [P. Picea) höchst abweichend.
Von den übrigen immergrünen Coniferen Sibiriens sind zwei mit denen
Buropas und der Alpen identisch (P. sijlvestris u. Cemhra), die dritte
[P. ohovata 33)] ist wahrscheinlich auch nur eine klimatische Varietät
von der Fichte oder Rothtanne (P. Abie^], mit der sie sich im Norden
des europäischen Rnsslands berührt. Dass dieser geographische Zusammenhang
bei den Lärchen und Cembra-Kiefern nicht besteht,
sondern die nordöstlichen Wohngebiete von denen der Alpen durch
weite Zwischenräume getrennt sind, wo diese Bäume nicht gedeihen,
ist kein Grund, in dem einen Fall eine Verschiedenheit der Art, in
dem andern eine Abstammung von gesonderten Vegetationscentren
anzunehmen. Es ist vielmehr ein ähnliches Verhältniss, wie die
Verknüpfung der Alpenflora mit Lappland durch identische Arten,
eine Verbindung, die aus Wanderungen und klimatischen Aendernngen
zu erklären später versucht werden wird. Ist es ein bestimmtes
Mass des solaren Klimas, wodurch eine Pflanze an höhere
Gebirgsregionen gebannt wird, so kann sie unter demselben Meridian
im Norden wiederkehren, liegt dagegen nur die verkürzte Vegetationszeit
zu Grunde, so wiederholen sich ihre Lebensbedingungen in
nordöstlicher Richtung und sind in den dazwischen liegenden Gegenden
nicht vorhanden. Mag man nun aber die sibirischen Rothtannen
und Lärchen als besondere Arten oder nur als Varietäten auffassen,
in beiden Fällen ist ihr Wohngebiet der reinste Ausdruck des Kontinentalklimas,
dessen Uebergang in das europäische Seeklima nach
Dove durch die Kette des Ural bezeichnet wird. Ihre südwestliche