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120 IL Waldgebiet des östlichen Kontinents.
die Polargrenze der Gerste, wie die der Wintercerealien, an bestimmte
Breitengrade gebunden, aber mit der eigenthümlichen Abänderung,
dass das gleichsam sprungweise schon in Lappland erfolgende
Zurückweichen nach Süden sich in den östlichen Meridianen
noch zweimal wiederholt und in Sibirien die Vegetationslinien der
Winter- und Sommercerealien wenig geschieden sind oder auch ganz
zusammenfallen. Mit einigen örtlichen, zum Theil durch das weisse
Meer verursachten Schwankungen (65—67^) verläuft die Polargrenze
der Gerste vom Nordrande des bottnischen Meerbusens bis
zum Ural in der Nähe des Polarkreises (65—66 o), vom Ob bis zur
Lena vier Breitengrade südlicher (61—62 o), und geht zuletzt mit
der ochotskischen Gebirgskette in das Amurgebiet über, ohne die
Ostküste selbst völlig zu erreichen, an welcher der Ackerbau erst in
weit niedrigerer Breite (kaum 50 ö) möglich sein soll. Middendorif
hat in dem gefrorenen Boden Sibiriens die Ursache erkannt, welche
den Ackerbau überall beschränkt, wo nicht ein hinlängliches Gegengewicht
in der Steigerung der kontinentalen Sommerwärme vorhanden
ist, und die tiefe Temperatur der durch das schmelzende Eis
genährten Erdfeuchtigkeit ist für die Sommer- und Wintercerealien
von gleich nachtheiligem Einfluss : die Nadelhölzer müssen sich indifferenter
dagegen verhalten. Im europäischen Russland wirkt die
Tageslänge noch bedeutend auf die Polargrenze der Sommercerealien
ein, weil das unterirdische Eis im Samojedenlande erst innerhalb des
Polarkreises auf t r i t tund also im Bereiche des Ackerbaus die
solare Wärme durch dasselbe nicht verzehrt wird. In Sibirien sind
die Tage da, wo der Ackerbau aufhört, schon beträchtlich kürzer,
und so wird hier auch durch die nächtliche Strahlung die Temperatur
der Luft verhältnissmässig sinken. Das gemischte Klima am ochotskischen
Meerbusen endlich lässt den Ackerbau nicht zu, weil die
Sommerwärme überhaupt zu gering ist, und selbst in Kamtschatka
haben die Versuche, Korn zu ernten, nur im Inneren des Landes
und auch da nur geringen Erfolg gehabt.
So gut sich demnach die Polargrenze der Sommercerealien bei
aller scheinbaren Unregelmässigkeit aus den wechselnden klimatischen
Bedingungen ableiten lässt, so trägt doch auch ein der Gerste
eigenes physiologische>s Verhältniss dazu bei, ihren Anbau in Sibirien
zu beschränken. Diese Getraideart hat in einem viel höheren'Grade,
Klimatische Grenzen der Cerealien. 121
als der Roggen, die Fähigkeit, klimatische Vai'ietäten zu erzeugen,
und lehrreich sind die Erfahrungen, die man hierüber in Norwegen
gesammelt hat. Man hat in Sibirien diese Seite der Aufgabe vernachlässigt
und hier, bei der Entlegenheit der Kultursitze, oftmals,
wie Middendorff anführt, den Getraidebau wegen Mangels an Saatkorn
nicht fortsetzen können, wenn Jahrgänge vorkamen, in denen
die Ernten durch Frost zu Grunde gingen. In Europa könne man
den Verlust leicht ersetzeuv, in Sibirien nicht. In dieser Beziehung
ist nun allerdings ein Fortschritt des Ackerbaus möglich, wenn man
geeignete Varietäten der Gerste allgemeiner einführt. Middendorff
fand nämlich, dass die Vegetationszeit der Gerste in Sibirien zehn
bis zwölf Wochen dauert, und ebenso lang sei sie in Livland. Die
Erfahrungen in Norwegen nun, welche Schübeier mittheiltzeigen,
dass gerade bei der Gerste eine Akklimatisation stattfindet, die durchaus
dem Darwin'schen Gesetze der Zuchtwahl entspricht, welches in
Bezug auf klimatische Varietäten seine volle Berechtigung hat und in
diesem Falle klar hervortritt. Ist in eine hochnordische Gegend
Saatkorn eingeführt worden, so werden vielleicht nur einzelne kräftige
Individuen ihre Samen völlig zur Reife bringen können, und, da
nun diese allein zu neuen Saaten benutzt werden, so entstehen mit
jedem Jahre vermöge der Erblichkeit solcher Eigenthümlichkeiten
grössere Mengen von frühreifen Aehren^ und zuletzt bildet sich eine
Varietät, deren Charakter eben in einer grösseren Beschleunigungsfähigkeit
des Wachsthums, in einer kürzeren Vegetationszeit besteht.
Von dieser Eigenheit der Gerste, je nach den physischen Bedingungen
die Entwickelung zu verlängern oder zu verkürzen, habe ich auf
meiner norwegischen Reise mehrere Beispiele gesammelt ^ö) . Auf
der kurzen Strecke von Hardanger bis Bergen bewegten sich die
Variationen der Vegetationszeit zwischen 71 und 140 Tagen. Dabei
fand ich, dass die Beschleunigung in der Zeit von der Keimung bis
zur Blüthebildung stattfindet, also wiederum auf die grünen Organe
sich bezieht, die vom Lichte der langen Tage zehren, und dass hingegen
die Periode von der Blüthe bis zur Reife des Korns in diesem
Theile Norwegens sich ebenso verhielt, wie in Sachsen. Wenige
Meilen Abstand am Meeresufer des Fjord bewirkten schon einen beträchtlichen
Unterschied in der Dauer der Wachsthumsperiode. ')Wie
die edlen und gemeinen Weine am Rhein oft dicht neben einander
(>• j