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568 Quellenschriften und Erläuterungen.
dass der Eintritt der Entwickelungsphasen theils von der Temperatur,
theils von der Dauer der einzelnen Bildungsprocesse abhängt, deren
Summe als Vegetationszeit bezeichnet wird. Linsser's Gesetz, seiner
physiologisch nicht haltbaren Bestimmungen entkleidet, ist nur ein neuer
Ausdi'uck dieses Verhältnisses, indem er die von einer Phase bis zur anderen
der Pflanze zu Theil gewordenen Wärme durch die Wärme der
ganzen Vegetationszeit dividirt und hiebei einen unveränderlichen Werth
findet, sowie dies bei Boussingault der Fall war, der die mittlere Temperatur
irgend einer Vegetationsperiode mit der Zahl der Tage multiplicirte,
welche darüber verflossen sind. Das Gesetz Linsser's (S. 34) lautet: »die
an zwei verschiedenen Orten den gleichen Vegetationsphasen zugehörigen
Summen von Temperaturen über QO sind den Summen aller positiven
Temperaturen beider Orte proportional.« Hiebei ist es physiologisch
nicht zulässig, dass der Gefrierpunkt als Grenze der Vegetationszeit angenommen
ist, da, wie A. de Candolle bemerkte, der Anfangspunkt der
vegetativen Entwickelung bei verschiedenen Pflanzen auf verschiedene
Temperaturen fallen kann : für das Ergebniss der Berechnung wird dies
von geringem Einflüsse sein. Ebenso ist es gleichgültig, ob mit Temperatursummen
oder mit Mittelwärmen der einzelnen Vegetationsperioden
gerechnet wird, vorausgesetzt, dass sowohl Wärme als Zeit in der Formel
vertreten sind, d. h. sowohl die Abscissen als die Ordinaten der Temperaturkurve
in Betracht gezogen w.erden. Man würde schon zu denselben
festen Werthen kommen, wenn man nur die Tage einer Vegetationsperiode
mit der Summe der Tage der ganzen Vegetationszeit dividirte, da für
eine gegebene Temperaturkurve in den Abscissen (den Tagen) schon die
Ordinaten (die Temperaturgrade) enthalten sind. Hiemit erledigen sich
auch, Avie ich glaube, die Einwürfe, welche Sachs (Pringsheim's Jahrbücher,
2. S. 372) gegen Boussingault's Theorie daraus ableitete, dass es
für die Keimung eine Temperatur der raschesten Entwickelung giebt, indem
Dauer der vegetativen Processe und Wärme sich in mittleren Werthen
ausgleichen.
Wenn ich in dem Linsser'schen Gesetze nur eine Bestätigung des
Boussingault'schen erkennen kann, so ist doch zu erinnern, dass, wie aus
den im Texte von mir angeführten Thatsachen erhellt, demselben keine
Allgemeingültigkeit zukommt. Abgesehen von den Einschränkungen
der Boussingault'schen Lehre, welche schon früher aus der Tageslänge
abgeleitet wurden, äussert sich die Akkomodation einer Pflanze an ein
fremdes Klima nicht bloss in einer Verschiebung der Entwickelungszeiten
und darin, dass sie sich mit einem geringeren Mass von Wärme begnügen
kann, als sie in ihrer Heimath empfängt, sondern sie beruht auch auf dem
viel merkwürdigeren Verhältniss, dass sie zu gewissen Zeiten demselben
Wärmereiz widersteht, der sie in anderen Monaten zur Entwickelung
treibt. Die neuen Thatsachen, welche Linsser's Abhandlung enthält,
liegen auch auf diesem dunkeln, physiologischen Gebiete. Er weist
ein wirkliches Akklimatisationsvermögen bei gewissen Spielarten von
i n . Mittelmeergebiet. 569
Cerealien nach, die, nachdem sie in einem Klima von kurzer Vegetationszeit
sich ausgebildet hatten, in südlichere Gegenden versetzt, die beschleunigte
Entwickelung beibehielten. Die Nachrichten über dieses
Verhältniss rühren von R u p r e c h t her (S. 39), der die Angabe Schüb
e 1er 's, dass die in Lappland gebaute Gerste in Christiania 55 Tage
nach der Saat reif wurde, während die aus südlicheren Gegenden abstammende
daselbst einer Vegetationszeit von 88 bis 96 Tagen bedurfte, durch
eine ähnliche Erfahrung aus Russland bestätigt und erweitert hat.
50. Grisebach, Reise durch Rumelien, 1. S. 31. 45. — Heer in
denVerh. der Schweizer Naturforscherversammlung inGlarus, 1851. S.54
(vergi. £ibl. de Genève, 1S52 u. Bot. Zeit. 1853). Die Belaubung der zu
Funchal gepflanzten Eichen [Quercus pedunculata) im Februar wurde, wie
von Heer, so auch von S c h a c h t (Madeira, S. 115) und H ä r t u n g (Azoren,
S. 74) beobachtet. Indessen kommen nach Härtung einzelne Bäume vor,
die schon um Weihnachten ihr junges Laub entfalten. Solchè Ausnahmen
sind individuelle Erscheinungen oder pathologische Zustände, die beweisen,
dass die Widerstandskraft gegen die zu unpassender Zeit eintretende
Temperatur eine Grenze hat. Hiemit ist die Herbstblüthe zu vergleichen,
die bei warmer Witterung zuweilen an Obstbäumen eintritt, und die in
Madeira (das. S. 69) bei gewissen Arten zu einem allgemeinen Phänomen
wird, besonders beim Pfirsich, auch bei einer der atlantischen Laurineen
[Oreodaphne foetens). Die Herbstblüthen des Pfirsich aber werden entweder
gar nicht befruchtet, oder liefern im Frühjahr wenige Früchte von
holziger Beschaffenheit, wogegen die normale Blüthezeit auch dort in den
Frühling fällt, wie die Fruchtreife in den Spätsommer. Wie sehr hiebei
das Sinken und Steigen der Temperatur in's Gewicht fällt, geht auch aus
einer andern Beobachtung Hartung's (das. S. 77) über die Vegetationszeit
des Weizens in Madeira hervor, dessen Ernte zu derselben Zeit stattfindet
(Ende Mai oder Anfang,Juni), obgleich die Saat je nach der Lage
der Felder entweder im December oder auch 6 bis 8 Wochen später bestellt
wird-
51. Die Temperatur der Vegetationszeit ist nach den Angaben in Dove's
Temperaturtafeln berechnet, das Eintreten der trockenen Jahrszeit, als
Schluss jener Periode, nach seiner üebersicht der Regentage inSüdeuropa
(klimatol. Unters. S. 106,115). Die Temperatur von Madrid ist aus Garriga's
Messungen (Note 11), die von Janina aus Schläfli's Schrift (Note 32) abgeleitet:
der letztere Verf. bemerkt zwar, dass die Wiesen am See erst im
April grün werden, aber es ist anzunehmen, dass schon der März zur
Vegetationsperiode gehöre, da angeführt wird, dass der Mandelbaum
schon zu Anfang dieses Monats blühe. Die Angaben über die Vegetationszeit
von Madrid rühren von R e u t e r her [Essai sur la végétation de la
nouvelle Castille, p. 12), die über Dalmatien von V i s i a n i [FL dalmatica),
die überCypern vonGaudry [Recherches scientifiques en Orient, p. 124).
52. Gallesio, traité du Citrus; A, de Candolle, Géographie botanique,
p. 868.
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