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268 III. Mittelmeergebiet.
trockene Jalirszeit auf ein kürzeres Zeitmass einschränkt. Denn nur
wenige Gewächse, wie der Weinstock, können die Dtirre des Sommers
ertragen. In der Gegend von Montpellier sieht man im August
kaum irgend ein anderes grünes Blatt, als das Laub der Weinrebe,
die vermöge ihrer tief in den Boden dringenden Wurzeln die allmälig
immer weiter hinabsinkende Feuchtigkeit des Grundwassers aufzusaugen
uud dadurch den Kreislauf ihres Saftes zu erhalten vermag.
Der Ackerbau der südlichen Gegenden und in noch höherem
Grade der des Orients ist daher, wenn er nur auf den natürlichen
Hülfsquellen der Atmosphäre beruht, auf immer kürzer werdende
Perioden des Jahrs eingeschränkt. Die Zeit der Dürre verlängert
sich, und wenn auch in Andalusien wegen der Milde des Winters
doch noch eine längere Reihe von Monaten übrig bleibt, in welcher
die Entwickelung der Pflanzen nicht ganz unterbrochen ist, so wird
sie im Orient und auf dem Tafellau de Spaniens nicht bloss durch die
trockene, sondern auch durch die kalte Jahrszeit in engere Grenzen
eingeschlossen. Beschleunigung der Bildungsprocesse ist im organischen
Leben nicht eine nothweudige Folge gesteigerter Wärme;
soweit sie möglich ist, hat sie für jede Pflanze ein äus&erstes Mass,
welches nicht überschritten werden kann, weil jede Phase einer bßstimmten
Zeit bedarf, um die Arbeit des Wachsthums zu vollenden.
Gewächse von längerer Vegetationsperiode, wie der Reis, der Mais,
können ihre Entwickelung nicht auf vier Monate zusammendrängen,
zuletzt folgen Landschaften, wo der Anbau der Cerealien überhaupt
nicht mehr möglich wäre.
Allein diese Einschränkungen sind durch die Thätigkeit des
Menschen zu besiegen, der das fliessende Wasser des Gebirgs dem
Ackerbau dienstbar macht. Dadurch werden im Süden unendlich
viel günstigere Vegetationsbedingungen geschaffen, als wir in unserem
Norden kennen, ein weit grösseres Zeitmass der Wärme, verbunden
mit unbegrenztem Zufluss von Wasser, wie bei uns. Dazu
kommt aber noch ausserdem, dass das fliessende Wasser ein viel
vollkommneres Nahrungsmittel für die Pflanzen ist, als das atmosphärische,
weil es, durch Quellen gespeist, die löslichen Mineralstoffe
des inneren Felsgebäudes der Erde an die Oberfläche führt
und der Vegetation, mit der es in Berührung tritt, zum steten Verbrauche
darbietet. Auf diesem Austausche des Bodens, in dem die
Klimatische Bedingungen der Bodenkultur. 269
Pflanzen wurzeln, mit den unerschöpflichen Nahrungstoffen des Erdinnern
beruht die Erhaltung des vegetativen Lebens überhaupt, hiedurch
allein ist die Fruchtbarkeit eines Landes für die entfernteste Zukunft
gesichert, die, wenn die Quellen der Ernährung auf die geringe
Erdkrume der Oberfläche beschränkt blieben, durch die Verwitterung,
den Verbrauch der Nahrungsstoffe und die schliessliche Ueberftihrung
derselben in unlösliche, dem Organismus unzugängliche Verbindungen,
bald im Kampf mit der unorganischen Natur unterliegen
müsste. Je mehr dagegen durch den unterirdischen Kreislauf des
Wassers die Erneuerung der Erdkrume an der Oberfläche gesichert
ist, desto reicher wird der Schatz, den die organische Natur zu heben
und auf der todten Fläche zu Bildungen zu gestalten hat, die nicht
bloss die Landschaft künstlerisch schmücken, sondern auch die
Quellen des Wohlstandes und der erhöhten menschlichen Entwickelung
sind. Im Gebiete des Mittelmeers beruht also zwar in einzelnen
Gegenden, wie in der Lombardei, die dem Norden überlegene Zeugungskraft
des Klimas auf den freiwillig gewährten Gaben der
Natur, im tiefereu Süden dagegen und im Osten wird sie erst durch
die Mitwirkung des Menschen, durch die Unterhaltung einer künstlichen
Bewässerung entfesselt. Es ist gewiss eine denkwürdige Erscheinung,
dass da, wo die Wiege der Kultur stand, wo der Ackerbau,
die Bedingung höherer Geistesbildung, erfunden ward und viele
Jahrhunderte lang blühte, im Kampfe mit der stummen Natur der
m e n s c h l i c h e n Thätigkeit grössere Schwierigkeiten, aber auch reichere
Hülfsmittel zu Gebote standen, als im Norden, wo das Wasser dem
Boden von selbst zufliesst. Durch die Irrigationen, die einen festen
Wohnsitz voraussetzen, musste bei den orientalischen Völkern des
Alterthums jene Energie sich beleben, welche die vereinzelten
Stämme zu gemeinsamer Arbeit verband und dadurch die sittliche
Ordnung gesellschaftlicher Zustände begründete. Mit dieser Energie
ist auch in späterer Zeit die Herrschaft über die Natur zu Grunde
gegangen, verödete Steppen nahmen wieder den Raum der fruchtbarsten
Landschaften ein. Aber das Erworbene ging zu anderen
Völkern und zuletzt zu denen des nördlichen Europas über, die
berufen waren, nicht mehr im Kampfe mit natürlichen Schwierigkeiten,
sondern durch Aneignung der in den Geheimnissen der Natur
verborgenen Hülfsmittel die Herrschaft über das Unorganische höher
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