
VI Vorwort. Vorwort. VII
Hätten wir indessen auch erkannt, weshalb eine Organisation
gewisse klimatische Grenzen nicht überschreiten kann^
so ist damit noch nicht erklärt, dass auch die ähnlichsten
Klimate verschiedener Himmelsstriche in ihren Erzeugnissen
so ungleich sind. Die Vegetation einer Landschaft ist nicht
bloss die Folge' physischer Lebensbedingungen,' sondern auch
eine Thatsache der Erdgeschichte. Jede Pflanzenart hatte
eine bestinnnte Heimath, ihr heutiges Vorkommen war von
ihrer Fortpflanzung und Ausbreitung abhängig. Hieraus entspringt
die doppelte Aufgabe, dasselbe entweder von vergangenen
Zuständen oder aus beständig fortwirkenden Kräften
abzuleiten, und nur, wenn beiden Eichtungen genügt wird,
wenn da, wo Klima und Boden dem Wachsthum einer
Pflanze keine Schranke setzen, die geologische Geschichte der
Organismen in ihr Eecht tritt, kann ihre Anordnung richtig
verstanden werden.
Die Geologie ist ein Gemeingut geworden, ihre Bedeutung
für unser Kulturleben allgemein anerkannt. Warum
sollte nicht auf einem naturwissenschaftlichen Gebiete, das
noch viel tiefer in alle menschlichen Interessen eingreift,
eine gleiche Empfänglichkeit für Forschungen zu erwarten
sein, durch welche das gelehrte Studium zu der Würde einer
gesellschaftlichen Aufgabe erhoben wird? Denn hier gilt es
nicht bloss, ein wissenschaftliches Geheimniss zu lüften,
sondern den Sinn einer Landschaft zu deuten, aus welcher
der Künstler die Studien zu seinen Gebilden schöpft, oder
den Boden zu beurtheilen, aus dem der Landmann sein
Brod, das Gewerbe die Gaben der Natur erwirbt, oder endlich
die Gesetze zu verstehen, die den Welthandel mit den
Erzeugnissen des Pflanzenreichs beherrschen, Mit Bewusstsein
in den Schauplatz der Natur einzutreten und in ihrer
gesetzmässigen Ordnung Einsicht, Genuss und Frieden zu
suchen, ist mir bei diesen Forschungen ein Trieb des Gemüths
und dadurch eine Quelle des Glücks gewesen. Bei
der Zusammenstellung ihrer Ergebnisse habe ich daher nach
einer Darstellungsweise gestrebt, durch welche ich, die Voraussetzung
von botanischen Fachkenntnissen möglichst einschränkend,
auch in weitern Kreisen Antheil an dieser Seite
der Naturbetrachtung zu wecken wünschte. Blosse Schilderungen
und Beschreibungen der durch ihre Vegetation geschiedenen
Landschaften vermögen eine solche Befriedigung
nicht zu gewähren. Die Thatsachen können kurz und bündig
ausgesprochen werden, wenn sie in Messungen bestellen
oder aus vergleichenden Merkmalen sich entnehmen lassen:
ihre Bedeutung im Haushalte der organischen Natur erst
giebt den gewonnenen Vorstellungen ihren Reiz und den
Zauber der Erkenntniss.
Um die Vergleichung der in der Literatur zerstreuten
Angaben zu erleichtern, wurden alle Massbestimmungen auf
den Pariser Fuss, die geographische Meile (15: 1») und
die Temperaturwerthe auf die ßeaumur'sche Skala zurückgeführt.
Für die Ausführung der dem zweiten Bande beigefügten
Uebersichtskarte der Vegetationsgebiete bin ich dem Professor
Dr. Petermann verbunden, der den ersten Entwurf derselben
bereits früher in seine »Mittheilungem (Jahrg. 1867. Taf. 4)
aufnahm und die jetzige verbesserte Redaktion gleichfalls
ausgeführt hat. In dieser Gestalt schien mir die Karte einer
besondern Erläuterung nicht zu bedürfen, da sie nur den
Zweck hat, den Umfang der Gebiete, auf welche sich die
einzelnen Abschnitte des Werks beziehen, zur Anschauung
zu bringen und dadurch der Erörterungen über ihre Grenzen