
uns wav klar, kein Wölkchen trübte die reine Bläue, die Sonne schien
milde und \yarm, und die unverstandenen türkischen Lieder des singenden
Postknechtes flöfsten uns eine ausgelassene Heiterkeit ein. Wir vergafsen
darüber die schlechten Gäule, mit denen man sich dauernd unterhalten
mufste, um nicht ganz stille zu stehen, und gelangten spät genug, gegen
eilf Uhr Vormittags, in der Station Serdschem mit heiler Haut glücklich an.
Vor dem Dorfe, das fünf- bis sechshundert Schritt vom Flusse landeinwärts
gelegen ist, befindet sich eine ehemals gewifs prachtvoll gewesene
Karawanserai aus Backsteinen. Vorzüglich schön und geschmackvoll
ist das Portal mit einer persischen Doppelinschrift en relief. Sie mufs sehr
alt sein und bessere Zeiten als die gegenwärtigen erlebt haben. Das Dorf
liefs uns während unseres Aufenthaltes die gräfslichsten Formen der Ar-
mnth, des Elendes, des Unglücks und der Krankheit erkennen. Die meisten
Bewohner waren mit Lappen und Lumpen behängt, die Kinder fast
nackt, alles schrie und bettelte um ein Almosen. Wir befanden uns hier
immer noch im Memlcket-i-Eraq\ zwei Fersach bala „oberhalb“ beginnt
bereits das Mendeke.t-i- Azerbeidschdn, das wir am folgenden Tage, den
8. April, betreten sollten.
Von Serdschem bis nach der Wanzenstadt Mianeh sauberen Angedenkens
sind es sechs Fersach. Der Uebergang über den Iiaflan - kuh und
der Kyzyl-üzen oder „Rothflufs“ bilden dje bemerkenswerthesten Punkte
der Reise.
Um sechs Uhr in der Frühe brachen wir noch vor der Karawane'auf.
Das erhabene Bild des Raflan-kuh und seiner Vorberge, und weit im Hintergründe
das malerische Panorama des schneebedeckten Hochgebirges des
Byz-gysch stets vor Augen, überstiegen wir zunächst niedrige Hügelketten,
die uns zu breiten Hochflächen mit grünen Wiesen und weidenden Heer-
den darauf führten. Auf dem Wiesengrunde linker Hand vom Wege hatte
Ilat ihre Zelte aufgeschlagen und ihre Kameele, Schafe und Ziegen sich
nach allen Richtungen hin zerstreut, um die ersten grünen Kinder des
Frühlings auf der Hochfläche zu verspeisen. Immer höher und höher steigend
erreichten wir zuletzt das. aus wenigen Hütten bestehende, ärmliche
Dorf Dscliemdl-abud, mit seiner ziemlich gut erhaltenen Karawanserai aus
älterer Zeit, welche auf dem- höchsten Punkte der Oertlichkeit gelegen ist
und vom Dache aus einen schönen Blick über die bergreiche Umgegend
gewährt. Von da ab führt der Weg eine kleine Stunde lang durch zerklüftetes
Gestein (darunter viele weifs glänzende Gypslager) niederwärts
zu den Ufern des brausenden und tobenden Kyzyl-üzin, dessen schmutziggelbes
Wasser sich seinen Weg durch ein Felsenthal mit riesigen Steinwänden
und Steinkegeln gebahnt hat. Ein Schwarm frei laufender Tscha-
nar-Pferde jagte an unserer Strafse vorüber, um getrieben von dem laut
klatschenden Kimtscld des hinter ihnen her reitenden Knechtes von Mianbh
nach ihrer Station zurückzukehren. Die Steinbrücke Pul-i-dvkhtir und das
romantische „Jungfernschlofs“ auf steiler Höhe in dichter Nähe der Brücke
am felsigen Ufer des Stromes begriifsten wir wie alte Bekannte und erkletterten
mit grofser Anstrengung für die Thiere den sehr steilen Felsen-
pafs des Kaßan-kuh. Zu unserer grofsen Befriedigung und — gleich nebenbei
bemerkt — zu unserem noch gröfseren Erstaunen machten wir die •
angenehme Bemerkung, dafs die ganze Strafse über den Berg n e u g e p
f l a s t e r t und mi t S t e i nwa s s e r r i n n e n versehen war. JDer Weg bergabwärts
, wo möglich noch steiler und gewundener als die Strafse aufwärts,
führte mit reifsender Schnelligkeit in die Ebene nieder, in welcher
schon von weitem sichtbar die Stadt Mianeh an dem jenseitigen Ufergebiet
des vielfach verzweigten Mianeh-tschai uns freundlich und einladend
zur Einkehr zu winken schien. Bald lag die steinerne Brücke mit ihren
zwei und zwanzig Bogen hinter uns, die uns über den stärksten Arm des
Flusses trockenen Eufses hinüberführte, bald auch die Jiebenarme desselben,
deren laut rauschendes und unglaublich schnell strömendes Wasser
den Pferden bis über den Bauch ging, und endlich standen wir Schlag
1 Uhr vor dem Thorweg des Posthauses, wo sich türkisch redende Postknechte
beeilten uns die Pferde abzunehmen und in den Stall zu führen.
Da in ganz Mianeh alle Häuser von Wanzen belebt sind, so zogen wir
es vor in dem Posthause unser Quartier aufzuschlagen, welches als Neubau
in dem Rufe einer v o l l s t ä n d i g e n Wanzenreinheit stand. Der Mirza
des Tschaparkhanehs erwies sich als unendlich dienstfertig, indem er sich
spornstreichs auf den Weg nach der eigentlichen Stadt machte,, um nach
unserem Wunsche auf dem Bazar Thee, Zucker, Honig und Brot einzukaufen.
Da die Karawane, der schwierigen Bergpassage und der geschwollenen
Wasser wegen voraussichtlich erst später eintreffen durfte, wir jedoch
den Courierritt nach Täbriz noch an selbigem Abend inschallah! jpgj anzutreten
beabsichtigten, so wollten wir uns wenigstens mit Proviant versehen,
um nicht als Hungerleider Tschapdr reiten zu müssen. Weifs der
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