
III. Solenodontidae.
Da Material für eine ausreichende Untersuchung des Solenodon fehlt, gebe ich
in der folgenden Tabelle eine Übersicht der bisher bekannten, mehr auffälligen Befunde,
welche die Beziehungen zwischen der fraglichen Form einer- und den Centetidae und
Chrysochloridae anderseits erkennen lassen.
S o le n o d o n :
1) Anzahl der verschiedenen Zahnarten, ihre
Größen Verhältnisse sowie Form und Bildungsart
der Molaren
2) P4 ist molariform
3) Zahnwechsel erfolgt zeitig
4) Halbkanal am I2
5) Jochbogen fehlt
6) Ein Rüsselknochen vorhanden
7) Beschaffenheit des Unterkiefers
8) Beschaffenheit des Beckens bei Sol. paradoxus
(pag. 82)1
9) Unterschenkel gelenkt nur mit Astragalus
10) Unterschenkelknochen frei
11) Bau des Muse, digastricus
12) Muse, omohyoideus fehlt;
13) Verhalten des Muse, rectus abdominis
(keine Durchflechtung)
14) Muse, pyramidalis fehlt
15) Muse, biceps brachii (pag. 94)1
16) Muse, flexor accessorius fehlt
| =?.' Centetidae, Chrysochloridae.
B g g Centetidae, Chrysochloridae, Leptictidae.
I = von den Chrysochloridae und der Mehr-
j zahl der Centetidae abweichend.
1 = in schwächerer Ausbildung bei Scalops,
J Chrysochloris, Microgale, Potamogale.
= Centetidae, Soricidae.
fehlt bei den anderen Insectivoren.
1 von den anderen Insectivora (lipotyphla) ab-
J weichend.
I dito.
= Oryzorictinae, Centetinae.
= Centetinae.
von den anderen Insectivoren abweichend,
vorhanden bei Centetidae.
= Centetidae, Chrysochloridae.
= Chrysochloridae; bei Centetidae bald vorhanden,
bald fehlend.
m Schließt sich zunächst dem Verhalten bei
J manchen Centetidae an.
vorhanden bei Centetidae und Chrysochloridae.
Hinweis au f die nähere Darstellung im vorigen.
, lil vorhanden bei Centetidae, Chrysochloridae
17) Kloake, fehlt . \ .... . . H ü 1
I und einigen Soricidae.
Lage der Hoden
| abweichend bei Centetidae und Chrysochlo-
I ridae.
Aus dieser Übersicht geht hervor:
1) daß Solenodon einige morphologisch wichtige Merkmale mit entweder Centetidae
allein oder mit diesen und Chrysochloridae teilt;
2) daß aber fast alle: diese. Merkmale primitiver Natur sind, während mehr
spezielle, gemeinsame Anpassungen sehr spärlich sind.1 Und da der wichtigste gemeinsame
Charakter: die Gestaltung der Backenzähne'schon bei Beuteltieren und Jura-Säugern vorhanden
sind, ist es wahrscheinlich,
3) daß die gemeinsamen Wurzelformen der genannten Insectivoren. sehr weit zurückliegen.
Doch läßt sich nach weisen,
4) daß, da wenigstens einige speziellere Merkmale (Verhalten des Unterschenkels,
Artikulation desselben nur mit dem Calcaneus) für Centetidae und Solenodon gemeinsam sind,
während letzterer keine solche mit anderen Insectivoren teilt, er wohl mit den Centetidae
näher verwandt ist als mit irgend einer anderen lebenden Insectivorengruppe.2
Schließlich sei daran erinnert, daß, ebenso wie das Vorkommen der Centetidae mit
Ausnahme e in e r Form auf Madagaskar beschränkt ist, die beiden Solenodon-Arten, welche
völlig vereinsamt in der neotropischen Tierwelt stehen, ebenfalls isolierte Inselgebiete
(Haiti, Kuba) bewohnen.
Übrigens halte ich es für ein vollkommen aussichtsloses Unternehmen, mit Hilfe
des zur .Zeit vorliegenden, äußerst mageren Materials die Frage nach der Genealogie des
Solenodon wissenschaftlich ausreichend lösen zu wollen.' Aufschluß in dieser Angelegenheit
ist wohl zunächst nur aus den fossilführenden Lagern Südamerikas zu erwarten.
Seiner Zeit hat Gill die Insectivora nach der Beschaffenheit der Molaren in zwei
Gruppen geschieden, indem er die Zalambdödonta mit V-förmigen Molaren den Dilambdo-
donta mit W- förmigen gegenüberstellte. Auf Grund der vorliegenden Untersuchungen
müssen wir diese Einteilung als eine gegen die genetischen Beziehungen der fraglichen
Tierformen -streitende zurückweisen. So ist oben (pag. 47) nachgewiesen worden, daß der
„trituberkulare“ Molar bei Leptictidae und Centetidae in ganz verschiedener Weise entstanden
ist, durch welchen Umstand ein direkter. genetischer Zusammenhang zwischen diesen
Familien ausgeschlossen wird, sowie daß die erstgenannten, wie auch fossile Funde bestätigen,
1 Dobson hat den Unterschied zwischen Solenodon und Centetidae bedeutend überschätzt. So haben sich mir
die von Dobson (82, pag. 94) aufgezählten Unterschiede zwischen Centetidae und Solenodontidae bezüglich der Mm. sub-
clavius, biceps brachii, gracilis und obturator internus als nicht stichhaltig herausgestellt.
* Daß keine näheren genealogischen Beziehungen zu den Talpidae bestehen (siehe Dobson 82, pag. 96), darf
wohl als ausgemacht gelten.
Zoologien. Heft 49. 1 9