
Untersuchungen über nordafrikanische Haushunde
und deren Geschichte.
Die folgenden Untersuchungen sollen keineswegs etwas Abschließendes bringen. Ich will
mich vielmehr nur auf einige, mir zufällig gerade vorliegende Schädel nordafrikanischer Haushunde
beschränken, denn zu einem Urteil über die Abstammungsverhältnisse der europäischen oder
asiatischen Haushunde wäre eine ebenso genaue Kenntnis der in jenen Erdteilen heimischen fossilen
und rezenten Wildhunde nötig, wie wir vorstehend für die lebenden afrikanischen zu gewinnen suchten.
Eine schwierige Frage bei den folgenden Untersuchungen ist die Nomenklaturfrage. Seitdem
wir wissen, daß die, Haushunde nicht einheitlicher Abstammung sind, hat auch die von Linné gegebene
einheitliche Bezeichnung C. familiaris keinen rechten Sinn mehr. Und verschiedene Forscher, wie z. B.
Ke l l er in seinem letzten Werk über die Haustiere, haben dies auch anerkannt und versucht, dem
Ausdruck zu geben. Die Vorschläge, die bis jetzt in dieser Beziehung gemacht sind, scheinen mir aber
keineswegs eine glückliche Lösung zu bedeuten. Mein Vorschlag geht nun nach dem Vorbilde J. Geoffroy
St. Hilaire dahin, alle Haushunde, deren Abstammung wir mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit
nach weisen können, durch den Zusatz domesticus*) hinter den lateinischen Namen des wilden Vorfahr
zu kennzeichnen, den Namen C. familiaris L. hingegen allen denen Hunden zu lassen, über deren
Abstammung wir nichts aussagen können und deren werden trotz immer weiterer Fortschritte der
Forschung doch noch genügend übrig bleiben. Ich verkenne nicht, daß auch dieser Vorschlag seine
Mängel hat, denn eine weit verbreitete Spezies, wie z. B. der Wolf, wird in eine große Anzahl Subspezies
zerfallen, die nach heutigem vielfach angenommenen Gebrauche ternär zu bezeichnen wären.
Würde man nun zu dieser ternären Bezeichnung noch den Zusatz domesticus hinzusetzen, so kämen
wir gar zu einer quaternären Benennung. Und selbst diese würde immer noch nicht ausreichen,
um verschiedene Rassen zu bezeichnen, die etwa aus derselben wilden Stammart gezüchtet sind.
Aber ich glaube, auf eine so genaue Bezeichnung werden wir verzichten müssen, da es kaum möglich
sein wird, allem, was der moderne Kynologe an Rassen, Unterrassen, Stämmen, Schlägen und Haarvarietäten
unterscheidet, einen kurzen, wissenschaftlichen Namen zu geben. Wir werden uns in
*) Anm. Es fragt sich allerdings, ob es nötig sein wird, überhaupt den Zustand der Domestikation besonders zu bezeichnen,
da ja auch sonst der Name keine Auskunft darüber zu geben braucht, wo und wie ein Tier lebt. Ebenso is t es fraglich,
ob es nötig ist, die Abstammung im Namen auszudrücken, ob es nicht vielmehr wünschenswert ist, die Haustiere genau
wie die wilden Tiere nomenklatorisch zu behandeln, wie dies Linné ja schon getan hat. Es wäre dann nur eine Einigung
nötig, wie weit man die von den Züchtern anerkannten Unterschiede auch durch die Nomenklatur zum Ausdruck bringen sollte.
Kellers neueste Arbeit: „D e r Speciesbegriff bei unseren Haustieren“ im Jahrbuch für wissenschaftliche und praktische Tierzucht,
Bd. 2, 1907 bringt in diese Fragen auch keine Klarheit, weil er allzu einseitig, nur eigene Forschungsresultate verwertet und auch
nicht daran denkt, daß die ternäre Bezeichnung längst für wilde Tiere eingeführt ist.
diesem Falle bescheiden müssen, und werden, wie dies S t u d e r (41) getan hat, verschiedene Rassen,
die desselben Ursprungs sind, als Gruppen zusammenfassen. Also ich meine, wenn es sich um eine
einzelne Rasse handelt, die beispielsweise vom pallipes abstammt, werden wir sie als C. pallipes
domesticus bezeichnen. Während sämtliche davon abstammende Hunderassen als pallipes = Gruppe
zu bezeichnen wären.
Wenn wir uns jetzt zu den vorliegenden nordafrikanischen Hundeschädeln wenden, so möchte
ich zunächst die alt-ägyptischen gesondert besprechen. Und zwar denke ich zuerst die Rassen zu
beschreiben und dann eine Darstellung ihrer Geschichte, d. h. ihrer Vorfahren und Nachkommen
zu geben, und mich dann den Haushunden zuzuwenden, die mit jenen wahrscheinlich nicht verwandt
sind. Es ist allerdings immer ein schweres Unternehmen, aus Resten von Hunden etwa vorhanden
gewesene Rassen wieder zu konstruieren, da bei den Haushunden noch außer der individuellen Variabilität
die fast unbeschränkte Verbastardierung hinzukommt. Aber ich denke, unter genauester
Vergleichung der Form und Maße muß man auch hier zum Ziele kommen. Einige der Kgl. Ldw.
Hochsch. zu Berlin gehörige Schädel habe ich mit zu den altägyptischen gezogen. Sie stammen
zwar aus einer Hyänenhöhle und ihr Alter ist nicht mehr festzustellen, doch glaube ich, daß ihre
Fossilitätsstufe meine Zusammenstellung rechtfertigt.
I. A ltägyptische H u n d e .
1. Aufstellung der Rassen nach Schädelmerkmalen.
«. Canis, familia ris L.
(Chien errant d’Ügypte, Lortet et Gaillard (28) partim Fig. 6 nec. Fig. 3, 4 und 5).
Untersuchte Schädel:
No. 2715 aus einer Hyänenhöhle in Ägypten, Dr. Mook gesammelt, der Kgl. Ldw. Hochsch.
Berlin gehörig.
Dieser Schädel ist ausgezeichnet durch einen kleinen, schmalen, fast eiförmigen, jedoch wenig
nach vorn verjüngten Hirnschädel. Die Crista sagittalis ist schwach. Wenn sie bei vorliegendem
Schädel etwas kräftiger erscheint, so deutet dies auf ein sehr hohes Alter des Tieres. Sie ist dort merkwürdig
breit und gibt sich auch sonst in ihrer rauhen Oberfläche u n d Unregelmäßigkeit deutlich als
eine Neubildung des Alters zu erkennen. Die Schläfenenge ist wenig eingeschnürt, der Teil davor
kaum verbreitert. Die Hirnhöhlen sind kräftig entwickelt und steigen bei seitlicher Ansicht über
die Decke des Hirnschädels. Die oberen Schläfenbogen sind kurz, gerade und wie die Postorbitalfortsätze
nach vorn gerichtet. Im Verhältnis zur Crista sind sie sehr kräftig. Das Stirnfeld ist kurz,
median stark eingesenkt, die Orbitalfortsätze stark abwärts gebogen. Die Jochbogen fehlen unserm
Schädel, scheinen aber nach der Abbildung bei L. und G. kräftig und nur mäßig ausgeweitet zu sein.
Doch stehen die kleinen, runden Augenhöhlen sehr steil zur Längsachse des Schädels, d. h. sie sind
nach vorn einander stark genähert. Der Stirnabsatz ist sehr stark. Die Gesichtslinie erscheint im
Profil schön gleichmäßig S-förmig geschweift, so daß von einer starken Naseneinsattlung nicht die
Rede sein kann, obwohl der vordere Teil des Nasenrückens fast horizontal verläuft. Das Nasenrohr
ist ziemlich hoch. Der Gesichtsteil erscheint im Verhältnis zum Hirnteil ziemlich kurz. Die Schnauze
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