
Von der früher als E c h in o p s t e l f a i r i beschriebenen Art, welche sich durch die
Reduktion der Molaren a u f® auszeichnet, kommen zwei Formen, welche sich' vielleicht
als spezifisch verschieden heraussteilen werden, vor. Die Form, welche Thomas (92) E. t e l -
f a i r i p a lle .s c e n s benannt hat, unterscheidet sich von dem von Martin'zuerst beschriebenen
„Echinops telfairi“ teils durch andere Färbung teils durch geringere Große.
Obgleich der eine mir vorliegende Schädel von E. telfairi Martin1 noch nicht völlig .erwachsen
und mit Milchgebiß versehen ist, übertrifft er dennoch an Größe bedeutend alle
erwachsenen Schädel von E. telfairi pallescens, wie aus folgenden Maßen hervorgeht:
E. telfairi (Mart.) -E;telf. pallescens (Thom). - : -
Basilarlänge des Schädels . . . . . . . . 40 33 4, mm
Interorbitalbreite ..................................................... 1 i,ö ’ 9 2 •
G a um e n lä n g e ........................................... 25 18
Unterkieferlänge von der Spitze zum Condylus . 32,7 . . . 26 -,, .
Länge der oberen Zahnreihe . ....................... 21,8 16,4 '
Auch die Zähne des E. telfairi Martin (Fig. 31, 32) übertreffen an Größe und Gedrungenheit
nicht nur die aller E. telf. pallescens-Exemplare (Fig. 34, 35), sondern auch
die von E. setosus.2 Kommt hierzu die abweichende Färbung der Stacheln : diejenigen dès
Hinterrückens haben auch bei meinem Exemplare von E. telfairi schwarze Spitzen, während
bei E. telf. pallescens alle- Stacheln helle Spitzen haben und der übrige Stachelteil anstatt
schwarz hellbraun ist, so liegen hier offenbar zwei gut getrennte Formen vor. Da aber erst
die Erlangung erwachsener Individuen auch von E. telfairi abgewartet werden muß, um
entscheiden zu können, ob hier, wie es den Anschein hat, ein wirklicher Artenunterschied
vorhanden ist, dürften die besagten Formen bis auf weiteres als E r i c u lu s t e l f a i r i
t y p ic u s und E. te lf. p a l le s c e n s zu bezeichnen sein.3
Nicht nur durch seine Körpergröße, sondern auch durch die hohe Ausbildung des
Gebisses (Fig. 35, 36) und durch die Abschwächung des Milchgebisses nimmt C e n te te s die
höchste Entwicklungsstufe unter allen Centetidae ein. Der Schädel zeichnet sich vor allen
übrigen außer durch die von seiner Größe bedingten Eigenschaften (wie Crista sagittalis)
auch durch den relativ und absolut, größten Gesichtsteil aus. Den genetischen Zusammenhang
des C. mit den niedéren Oryzorictinae offenbart die Ontogenèse des 'Schädels
und des Gebisses : der embryonale Centetes-Schädel hat die größte Übereinstimmung mit
dem erwachsenen Microgale-Schädel (Textfig. LV— LVII, Fig. 3, 11), und mehrere Milchzähne
schließen sich den Befunden bei Microgale viel mehr an als die entsprechenden Ersatzzähne
(siehe oben pag. 33, 40— 42, Textfig. XXXIV— XXXVI).
1 Da der Schädel des von Martin beschriebenen Exemplares mit Ausnahme des Unterkiefers verloren gegangen
is t, hat Thomas bei Aufstellung seines E . telf. pallescens sich nur au f Martin’s Darstellung stützen können. Ich hatte das
Glü ck unter einigen unter dem Namen E . setosus erworbenen Stücken den Sch äd e l.u n d Balg eines T ieres zu finden,
welches v ö l l i g mit Martin’s E . telfairi übereinstimmt und der obigen Darstellung zu Grunde liegt;
2 Der stark abweichende Bau des C d mit einem H ö cker zwischen der Hauptspitze und der hinteren Basalspitze
(Fig. 31) is t vielleicht nur als eine individuelle Abweichung aufzufassen.
8 T rouessart’s (98) Identifizierung von Martins E. telfairi mit Geoffröy’s Ericulus nigrescens is t.ein Irrtum; der
letztere ist ein typischer E. setosus, wie die Anzahl der Backenzähne beweist'. ' :
Der Umstand, daß ein M 4 bei sehr alten, resp’ besonders großen Individuen von
G. normälerweise auftritt, sowie, die .große Variabilität in der Größei^- falls diese nicht auf
Gesehlechtsunterschieden beruht1 .4- bekunden, ein bemerkenswertes Entwicklungsvermögen
der Art G., ecaudatus. Seine, höhere Ausbildungsstufe geht auch aus dem Umstande hervor,
daß C. meines Wissens der einzige iCentetide ist, welcher sich einer Omnivoren Kost
angepaßt hat. .
Zu Centetes steht H em ic e n te te s in sehr nahen Beziehungen. Dies .offenbart sich
zunächst in dem oben geschilderten Verhalten des Integumentes: das Jügendkleid des Cent,
ecaudatus mit seinen Stacheln und seiner charakteristischen Farbenverteilung persistiert bei
Hemicentetes während des ganzen Lebens, während es beim älteren C. zum größten Teile
der Borstenbekleidung weicht (siehe oben pag. 109, Textfig. XGVI— XCVII). Das. Zahnsystem
als Ganzes stimmt ebenfalls am nächsten mit dem bei C. überein. Einige Zähne haben
bei H. die ursprüngliche Form besser bewahrt als bei C., und infolge des schwächeren
unteren Eckzahns erhält sich bei H. der dritte obere Schneidezahn während des ganzen
Lebens, während er bei G; nur im Jugendstadium vorhanden ist. Auch das Verhalten der
Nasenbeine bei H; entspricht dem beim jugendlichen G.; der fünfte Finger verhält sieh
ursprünglicher als bei C. u. s. w. H em ic e n te te s -ist som it e in e T ie r fo rm , w e lc h e
in w e s e n t l ic h e n O r g a n is a t io n s v e r h ä l tn is s e n a u f dem J u g e n d s ta d ium v on C.
steh en g e b l ie b e n ist.
Anderseits hat sieh aber H. durch Umbildung und Rückbildung gewisser Teile des
Gebisses und durch hiermit in Zusammenhang stehenden Veränderungen anderer Teile von
diesem Ausgangsstadium entfernt. Die hakenförmigen Kronen der oberen Schneide- und
Eckzähne sowie des P 2, die Verlängerung und Verschmälerung der übrigen Prämolaren
und der Molaren, welche Vorgänge von Rückbildung von Zahnteilen begleitet werden, die
verschmälerten Kiefer, die geringe Ausdehnung der Mundspalte sowie schließlich der un-
gekäute Mageninhalt beweisen, daß das Gebiß wenigstens vorzugsweise nur zum Ergreifen,
nicht zum Kauen der Nahrung, welche H. mit seinen langen Vorderkrallen aus der
Erde hervorscharrt, benutzt wird.2
Dieser Um- und Rückbildungsprozeß bietet zwei Stufen dar, welche von den zwei
H.-Arten n ig r ic e p s und sem -isp in o su s3 repräsentiert werden. Und zwar steht in je d e r
Beziehung H. nigriceps (Fig. 39— 42) der Ausgangsform am nächsten. H. semispinosus
(Fig. 43-—45) ist in dem oben geschilderten Spezialisierungsprozesse einen Schritt weiter als
nigriceps gegangen: die Kiefer sind noch schwächer und- länger, die Backenzähne kleiner
1 F. Major (97, pag. 541.) nimmt an , daß z w e i C.-Arten vorhanden sind. Diese F rag e läßt sich zur Zeit nicht
entscheiden. Daß die starken Formschwankungen im Gebiß an und für sich nicht zu einer solchen Annahme berechtigen,
beweist die gleich starke oder noch stärkere Variabilität desselben bei Ericulus und Erinaceus europaeus. Bedeutsamer sind
allerdings die Größenschwankungen im Schädel, die schon Dobson (82) nachgewiesen und ich bestätigen kann.
S e in e r z e it schickte mir-Herr F. Sikora drei fossile Centetes-SchädeL von Madagaskar, die S. als zwei neuen Arten
angehörig ansah. Alle drei sind größer als die von mir gemessenen Exemplare, dagegen erreichen sie nicht völlig die Größe
der Schädel mit 4 Molaren im British Museum (Dobson 82, Thomas 92). D a sonstige Unterschiede (außer etwas geringerer
Breite der Fossa gutturalis im Bereiche der Hamuli pterygoidei).-gänzlich fehlen, so können offenbar diese fossilen C.-Indi-
viduen .nicht als besondere Arten gelten. Sie stellen nur die allerdings nicht; besonders überraschende Tatsache fest, daß
unser Centetes;ecaudatus bereits zusammen mit den jetzt;ausgestorbenen-.Halbaffen Megaladapis, Nesopithecus etc. gelebt
hat?
’ Siehe oben pag. 114/.
8 Betreffs der äußeren Charakteristik .dieser-Arten siehe Dobson 82, pag. 69— 70 und oben pag. m .