
A l l e R e c h t e V o r b e h a l t e n .
Satz und Druck der C h r . B e l s e r 's c h e n Buchdruckerei, Stuttgart.
F r e d e r ic e lla sultana, Blumenbacl i 1779*), ist die kleinste unter den phylactolämen
Bryozoen und ferner diejenige, welche in ihrem Wuchs die Form eines verästelten Bäumchens oder
eines Hirschgeweihes am stärksten zum Ausdruck bringt. Sie steht in dieser Beziehung der Pluma-
tella fruticosa sehr nahe, und man kann weiterhin bei Plumatella emarginata, repens, fungosa und
punctata (vesicularis), dann bei Lophopus**) und Pectinatella eine fortgesetzte Zusammenziehung
der Cystide und eine immer grössere Häufung und üppigere Entfaltung der Polypide nachweisen,
Eigenschaften, die schließlich bei Cristatella ihren Gipfel erreichen. Wir finden also bei den Phylactolämen
eine morphologische Stufenleiter, deren eines Ende durch Fredericella, deren anderes durch
Cristatella gebildet wird. Ob aber diese morphologische Folge zugleich eine phylogenetische ist,
darüber wissen wir nichts. Denn wenn auch Cristatella sicherlich eine stark, modificirte Form
darstellt, so ist doch damit noch nicht gesagt, daß wir in Fredericella den Ursprung der Reihe zu
erblicken haben. Offenbar kann dieser Ursprung ebenso gut bei einem der mittleren Glieder zu
suchen sein, von dem aus eine Entwickelung in zwei divergirenden Richtungen stattfänd, eine auf-
steigende Entwickelung in der Richtung auf Cristatella und eine absteigende in der Richtung auf
Fredericella. Oder der Ursprung kann uns auch gänzlich verborgen sein. Wer bürgt uns dafür, daß
irgend eine der heute lebenden Formen das Bild ihrer Vorfahren unverändert bewahrt hat? Wir
sehen jetzt nur die äußersten Triebe eines Baumes, dessen Verzweigungen und dessen Stamm im
Dunkel einer fernen Vergangenheit untertauchen. Die Morphologie giebt uns über diese Zusammenhänge
keinen Aufschluss; vielleicht, daß die Entwickelung sie uns klar macht.
Behufs allgemeiner Orientirung über Fredericella verweise ich auf die Beschreibung bei
Allman, ’56, S. 110 ff. Näheres habe ich in meinen „Untersuchungen“ (’90) mitgetheilt, wo insbesondere
der Nachweis geführt ist-, daß die KnospungsVorgänge auf das genaueste mit denen der übrigen
Phylactolämen übereinstimmen. Dies muß ich betonen, weil es für das Verständnis der späteren
Angaben von Wichtigkeit ist. Als einziger Unterschied wäre, von. rein formalen Differenzen abgesehen,
der Mangel schwimmender Statoblasten bei Fredericella zu erwähnen; da aber festsitzende Stato-
blasten vorhanden sind, die nur hinsichtlich der Schalenbildung von den schwimmenden abweichen
und vielleicht als eine spätere Modification dieser letzteren aufzufassen sind, so ist auch hierauf
kein großes Gewicht zu legen: es ist sehr wohl möglich, daß jener Mangel in einer secundären Reduction
und nicht, wie man gewollt hat, in einem ursprünglichen Verhalten begründet ist. Man vergleiche
darüber meine „Untersuchungen“ (’90), S. 12 f.
*) In diesem Jahre wurde die Form in Blumenbach’s „Handbuch der Naturgeschichte,“ S. 441, als T u b u lar ia su ltana zum
ersten Male b e n a n n t . Eine ausführliche Beschreibung hatte Blumenbach schon in den „Göttingischen Anzeigen von gelehrten
Sachen,“ 1774, Bd. I/ II, S. 1009 ff. gegeben, aber ohne den lateinischen Namen. Eine neue Beschreibung folgte 1780 im „Gö ttingischen
Magazin der Wissenschaften,“ Jahrg. I, Stück 4, S. 117 ff., begleitet von der ersten bildlichen Darstellung, die dann von
1782 an in der zweiten und den folgenden Ausgaben des „Handbuches“ wiederholt. wurde. j j j l t t
**) Lophopus kenne ich nicht aus eigener Anschauung.
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