
Diese Zahlen zeigen, daß die Knickung der Stirnlinie ihren Grund hat in einer Höhenzunahme
des Schädels in der Stirngegend. Eine ähnliche Beobachtung werden wir noch später machen, wo
es sich um Ableitung eines Haushundes von einem Wildhunde handelt.
Von diesen Veränderungen abgesehen, ist aber sonst alles gleich geblieben. An den Bullae
kann ich keine stärkere Reduktion wahrnehmen. Der Verlauf des Gaumens ist nicht verändert,
wie ein Vergleich der betreffenden Maßzahlen auf Tab. IV lehrt. Die Übereinstimmung erstreckt
sich sogar bis auf Einzelheiten. So haben die ägyptischen Vorfahren auffallend kleine vordere
Gaumenlöcher. Auch diese hat der Beduinenspitz beibehalten oder vielmehr noch schärfer ausgeprägt.
No.: 2716 2714 4731
Länge des vorderen Gaumenloches 10V2 11 10
Breite des vorderen Gaumenloches (in der Mitte) 41/a 41/a 3x/a
Wenn wir jetzt zu der jagdhundähnlichen Rasse kommen, die durch die Schädel No. 4574
und 4570 repräsentiert ist, so möchte ich zunächst einmal konstatieren, daß diese Ähnlichkeit nur
eine entfernte ist. Der Hirnschädel ist besonders in seinen parietalen Teilen nicht so stark aufgetrieben.
Der Gesichtsabsatz erscheint im Profil sehr stark, unterscheidet sich aber dadurch, daß er in der
Profillinie ganz gerade von einem Punkt in der Mitte zwischen den Postorbitalfortsätzen bis zur
Nase abfällt und nicht den etwas konkaven, stark eingesattelten Verlauf wie bei den Vertretern der
C. fam. intermedius-Gruppe zeigt. Auch scheint das Stirnfeld bei. gleicher Breite bei den ägyptischen
Hunden kürzer zu sein. Es scheint mir also diese Ähnlichkeit eher einer Konvergenzerscheinung
bei zu gleichen Zwecken gezüchteten Haustieren als einer Stammes Verwandtschaft zuzuschreiben
zu sein. Wenn man bei so stark, durch die Zähmung veränderten Schädeln überhaupt eine Vermutung
über die Abstammung aussprechen darf, so käme hier von afrikanischen Wildhunden nur
der C. doederleini in Betracht, denn nur er zeigt einen ähnlich gebauten Hirnschädel mit gleich starker
Verbreiterung vor der Schläfenenge. Auch ist das Stirnfeld bei ähnlichem Verlauf der oberen
Schläfenleisten ähnlich gestaltet. Und schließlich zeigt auch schon C. doederleini einen ähnlichen
breiten unteren Augenrand. Das einzige, was gegen seine Stammvaterschaft spräche, wäre die
schwache, quere Naseneinsattlung bei dem Haushunde, während die Erfahrung bisher gelehrt hat,
daß bei allen Haustieren die Profillinie viel stärker geknickt ist als bei ihren wilden Vorfahren. Es
kann allerdings nicht für ausgeschlossen gelten, daß bewußte Zuchtwahl auch mal das Gegenteil
bewirken kann, wie die von Natur gegebene Tendenz. Haben wir doch Ähnliches schon bei [der
Streckung des Schädels moderner Hunderassen kennen gelernt (vgl. p. 85/86). Daß die Ägypter überhaupt
den C. doederleini zähmten, scheint mir keinem Zweifel zu unterliegen. In Berlin zeigte^mir
Herr Prof. Ma t s c h i e den Schädel (ohne Unterkiefer) eines Hundes, zunächst ohne mir eine
Angabe über seine Herkunft zu machen. Ich erkannte ihn sofort als zugehörig zu C. doederleini.
Es ist dies ein Schädel, den laut Aufschrift G. S c h w e i n f u r t h in einem 1892 von G r e b a u t
geöffneten Felsgrabe bei Abu Roasch fand. Schon damals glaubte ich an dem Schädel Spuren von
Domestikation zu finden. Leider versäumte ich es, mir eine Beschreibung oder eine Photographie
davon zu machen, weshalb ich den Schädel bei der obigen Beschreibung altägyptischer Hunde nicht
erwähnte. Aber die Maßzahlen, die ich mir damals notierte, will ich auf Tab. IV mitteilen. Diese
Zahlen zeigen, daß zwar der Schädel im allgemeinen größer, das Gebiß aber relativ kleiner geworden
ist, besonders auch die Molaren. Hierin scheint mir ein Beweis für meine Vermutung zu liegen, daß
es sich um ein gezähmtes Tier handelt. Dieser Hund wäre mit größerer Sicherheit noch als C. doederleini
domesticus zu bezeichnen. Unter den modernen, mir vorliegenden Schädeln nordafrikanischer
Haushunde finde ich keine, die ich als Nachkommen dieser Rasse ansehen könnte.
Mehr Bedeutung scheint die Ähnlichkeit zu haben, die die Schädel No. 2717 und 4572 mit
der Schäferhundgruppe verbindet. Ja die auffallende Ähnlichkeit der Maßzahlen mit denen der
beiden von S t u d e r (") gemessenen deutschen Schäferhunde ist geradezu verblüffend. Wenn
diese Hunde afrikanischen Ursprungs sind, so käme als Quelle nur der C. sacer in Betracht. Doch
dürfte es sich empfehlen, bevor man eine Meinung darüber abgibt, erst einmal genau den C. hadra-
mauticus zu vergleichen, wenigstens glaube ich, daß speziell der Schädel No. 2717 eine große Ähnlichkeit
mit dem in Berlin aufbewahrten Typus des C. hadramauticus hat, wenn mich mein Gedächtnis nicht
trügt. Da aber das Berliner Museum Typen nicht verleiht, so kann ich hier auch diese Vergleichung
nicht vornehmen. Einen unzweifelhaften Nachkommen dieser Rasse kann ich in einem Schädel
aus Abessinien (No. 11) feststellen, den das Stuttgarter Naturalienkabinett besitzt. Dieser Schädel
wurde dorthin mit einem roten Balge als C. simensis geliefert. Aber abgesehen davon, daß die Farbe
des Balges von C. simensis ab weicht, zeigt schon ein Vergleich der Zahlen, mit denen irgend eines
si.mensis-Schädels, daß es sich nicht um einen Vertreter dieser Spezies handeln kann. Schon die
oberflächlichste Betrachtung, das Gewicht der Knochen läßt dieses Tier als Haushund erkennen.
Eine A nsicht, die noch durch das Vorkommen von Zahnanomalien (Pi links doppelt, pa fehlt beiderseits)
bestärkt wird. Mit der altägyptischen Rasse teilt der Hund genau die Form. Die einzigen
Unterschiede wären vielleicht in einer etwas größeren Breite des Hirnschädels, in einer schwachen
Verbreiterung vor der Schläfenenge, in dem noch mehr der Geraden sich nähernden Verlauf der
oberen Schläfenleisten, in der Schmalheit des hinteren Teiles des Gaumens und in der etwas plumperen
Schnauze zu suchen (Tab. IV). Der Vergleich der Zahlen lehrt, daß die moderne Rasse einen längeren
Schädel hat. DieseVerlängerung des Schädels ist aber merkwürdiger Weise nicht auf Kosten des Gesichtsteiles,
sondern des Hirnteiles des Schädels zu setzen. Da es nun für den Züchter verhältnismäßig leicht
ist, den Gesichtsteil eines Hundeschädels zu verändern, während der Hirnteil sehr konstant zu bleiben
pflegt, so ergibt sich der Schluß, daß die moderne Rasse nicht aus sich selbst heraus, sondern durch
Kreuzung mit einer größeren gewachsen ist. Es möge hierzu nun eine eingeführte benutzt sein oder
etwa Nachkommen des C. doederleini. Dieses scheint mir am wahrscheinlichsten. Die Form des
Schäde ls ist so wenig verändert, daß nur ein Hund mit sehr ähnlicher Schädelform verwendet werden
konnte. Für den C. doederleini spricht auch noch die Verbreiterung des Schädels vor der Schläfenenge.
Wenn man das Gebiß vergleicht, so findet man dieselbe absolute Größe der Reißzähne, während die
anderen Zähne an absoluter Größe abgenommen haben. Relativ, d. h. im Verhältnis zur Länge hat
natürlich auch der Reißzahn an Größe abgenommen, doch fragt es sich, ob diese Auff< issung richtig ist;
es wäre ja auch denkbar, daß der Zahn auf derselben Stufe stehen geblieben ist, und nur der Schädel
an Länge zugenommen hat.
Stehen wir bei den bisher angeführten Rassen auf unsicherem Grunde, so können wir über
die Abstammung des Pharaonenwindhundes mit größtmöglichster Sicherheit Angaben machen.
Auf p. 46 habe ich eine ausführliche Beschreibung eines mumifizierten Schädels von C. lupaster
typicus gegeben. Auch die Windhundähnlichkeit dieses Schakals habe ich betont. Vergleicht man
nun diese Schädel mit dem des Hundes 4569, so ist die Ähnlichkeit beider geradezu verblüffend; bis
auf die Form und Größe der Ohrblasen und die Kürze derNasalia sind alle charakteristischen Formen
des Wildhundes gewahrt. Ein Vergleich der absoluten Zahlen gibt dem auch die größtmöglichste
Übereinstimmung beider zu erkennen. Viel schwieriger also als der Nachweis der Verwandtschaft beider