
Die genetischen Beziehungen
der Centetidae, Chrysochloridae und Solenodontidae auf Grund der
morphologischen Befunde. Zoogeographische Erwägungen.
I. Centetidae.
Wir wenden uns jetzt zu einem Versuche, sowohl die Einzeltatsachen als auch die
Resultate, welche betreffs verschiedener Organsysteme in den vorhergehenden Kapiteln dargelegt
sind, zu einem Gesamtbilde zusammenzufügen, das uns eine Vorstellung von den
genetischen Beziehungen der hier behandelten Tierformen gewähren kann. Es tritt dann
die Aufgabe an uns heran, mit Hilfe dieser Tatsachen die Berechtigung nachzuweisen, daß
zunächst die hier als C e n t e t id a e vereinigten Tiergestalten wirklich e in e r Familie angehören,
sowie ferner das genetische Verhalten derselben zueinander zu prüfen. Unter
„Familie“ verstehe ich eine Gruppe solcher Tierformen, deren unmittelbarer genetischer
Zusammenhang mit Hilfe des zugänglichen Tatsachenmaterials nachweisbar ist. , Und
mit einem u nm it te lb a r e n genetischen Zusammenhänge muß offenbar verstanden werden,
daß sich die fraglichen Formen voneinander oder von einer gemeinsamen Stammform ableiten
lassen.
Einen Einblick sowohl in die Eigenschaften, welche für die als Familie der Centetidae
hier zusammengestellten Tierformen charakteristisch sind, als auch in das Auftreten
dieser Eigenschaften bei anderen Insectivoren dürfte folgende Zusammenstellung, wobei auf
die näheren Darlegungen im vorigen verwiesen sei, gewähren.
Die Centetidae zeichnen sich aus:
i) Durch Form und Bildungsart der Molaren = Chrysochloridae, Solenodontidae.
(= Chrysochloridae, Solenodontidae, Leptic-
tidae
3) Der Zahnwechsel findet beim erwachsenen
Tiere statt (Ausnahmen: Centetes, Potamogale
?)
4) Chorda dorsalis persistiert im Schädel des|R- bei keinem anderen Tetrapoden beobachtet
erwachsenen Centetes und Ericulus i (pag. 68— Jo).1
5) Ein vollständiger Jochbogen fehlt = Solenodontidae, Soricidae.
6) Gesamthabitus des Malleus = Erinaceidae, Soricidae.
7) Processus gracilis mallei von ‘ ' . . einem Forra. -1j == E^r in. aceid.,ae.
men für die Chorda tympani durchbohrt J
1 Hinweis au f die nähere Darlegung im vorigen.
•= Chrysochloridae, Urotrichus.
17) Allgemeine Konfiguration des Gehirns
!— weniger bei den übrigen Insectivoren; am
nächsten stehen Chrysochloridae mit
22— 23.
9) Unterschenkel gelenkt nur mit Astragalus l_ 30jenoc^{;)ni;jcjae
^Ausnahme: Potamogale)
10) Unterschenkelknochen können frei sein ~ . ..
' . N >= Solenodontidae.
. (Centetmae)
11) Muse, digastricus einfach = Talpinae.
12) Muse, omohyoideus vorhanden = Erinaceidae.
13,) M„ u se, mbic eps brachn• /(-Eo ri• cul1u s)\ >— am nächsten mit Solenodontidae übereinstimmend.
14) Ein Sesambein im Muse, popliteus (Aus- 1
nähme: Potamogale)
15) Doppelter Muse, gracilis (Microgale, Cen-1 ^
tetes)
16) Mm. flexor hallucis longus et digitoruml
longus sind am Fuße miteinander v er -|& |iolenodontidae, Chrysochloridae und Sorex.
bunden
stimmt am meisten mit Erinaceidae überein.
18) Lage der Hoden {’’t= Chrysochloridae (und Macroscelididae). ,
\ -r j 1 I . . . . I S fehlt bei den übrigen Insectivora außer
19) Vorhandensein eines Os priapi > . 0
bei Talpa europaea.
20) Form des Penis Talpidae und Soricidae.
21) Vorkommen eines accessorischen Schwell- 0 . .,
. i= Soricidae.
körpers am Penis.
22) Vorhandensein einer Kloake = Chrysochloridae und einige Soricidae.
23) Bau der Placenta (Centetes) — abweichend von allen übrigen Insectivoren.
Wenn auch die hier angeführten Charaktere selbstverständlich nicht alle denselben
morphologischen Wert beanspruchen können, so erhellt jedenfalls aus dieser Zusammenstellung
die Berechtigung so organisierte Formen als eine Familie, somit als genetische Einheit,
den anderen Insectivorenfamilien gegenüberzustellen.
Wohl die bedeutsamsten Übereinstimmungen haben die Centetidae mit Chrysochloridae
und Solenodontidae aufzuweisen. Inwiefern diese Übereinstimmungen die Annahme
von unmittelbaren genetischen Beziehungen berechtigen, soll im folgenden bei der
näheren Charakterisierung der beiden letztgenannten Familien erwogen werden.
Von den übrigen Insectivorenfamilien dürften die S o r ic id a e den Centetiden noch i
am nächsten stehen. Solche Annäherungen sind: die allgemeine Form des Schädels (wie
Zoologlca. Heft 49. i(J