
G e h i r i
v o n C h r
s o c h 1 o r :
der Länge des gesamten Schädels, während bei Erinaceus die erstere die Hälfte der
letzteren ausmacht.1 Es ist nun leicht nachzuweisen, daß diese nur zu oft befolgte Methode:
die Gehirngröße nach derjenigen des Schädels zu beurteilen, uns keine richtige Vorstellung
von der Entwicklungshöhe des Gehirns bei der fraglichen Tierform geben kann. Denn es
sagt sich von selbst, daß bei einer Tierart, welche z. B. durch stärkere Gebißentwicklung
mehr oder weniger verlängerte Kiefer und damit einen vergrößerten Gesichtsschädel erworben
hat, die Größe des Gehirns, welch letzteres keine Veranlassung zu e n t s p r e c h e n d
er Entfaltung gehabt hat, im Verhältnis zum Gesamtschädel, resp. zum Gesichtsschädel
sich ungünstiger gestalten muß als bei einer verwandten gleichgroßen, aber kurzschnauzigen
Art. Auf Grund dieses Verhältnisses aber der langschnauzigen Form eine niedrigere Stufe
in Bezug auf Hirnbildung als der kurzschnauzigen zuzuweisen, ist offenbar unberechtigt.
Erst wenn das Gehirn im Verhältnis zum G e s am tk ö rp e r kleiner ist, wie dies tatsächlich
bei den angeführten und anderen Säugern der Eocänperiode der Fall, ist dies begründet.
Centetes aber — und dasselbe gilt von den übrigen Centetidae unterscheidet sich in
dieser Beziehung nicht wesentlich von den anderen Insectivoren. Während, wie erwähnt,
das Hirnvolum im Verhältnis zur Schädelgröße sich bei dem langschnauzigen Centetes viel
ungünstiger stellt als bei dem kurzschnauzigen Erinaceus europaeus, ist das Verhältnis des
Hirnvolums zum Gesamtkörper bei e tw a g l e i c h g r o ß e n Individuen beider Tiere dasselbe:,
nämlich ca. 9:100.
C h r y s o c h lo r i s weicht im Hirnbau nicht nur von ällen anderen Insectivoren, son-
y' dern von allen Eutheria überhaupt ab.
L X X X 1X X C X C I X C I I X C I1I
Gehirn von C h r y s o c h l o r i s h o t t e n t o t a : LX X X IX von oben , X C von der S e ite , X C I im Medianschnitt; von
N o t o r y c t e s t y p h l o p s : XCII von der “S e ite , XCIII im Medianschnitt. ’/, nat. Gr. Fig. LX X X IX — X C I sind meiner
früheren Arbeit (05) entnommen.
B e i n a tü r l i c h e r L a g e d e s G e h irn s is t in d er A n s ic h t v on o b en (Textfig.
LXXXIX) n ic h t s v o n C o rp o r a quad r ig em in a , o d e r M e d u l la o b lo n g a t a
un d nur g a n z w e n ig vom C e r e b e llum zu seh en. Diese 'Feile werden vom Cerebrum
überlagert, wodurch das Gehirn an das slfeher niederer Primaten wie Tarsius erinnert.
Aus dem Medianschnitt (Textfig. XC|) erhellt ferner, daß die genannten Hirnteile nach
vorn gerückt sind, so daß die Dorsalfläche derselben mit der Längsachse des Großhirns
etwa einen rechten Winkel bildet. Dies hängt mit der Lage des Foramen magnum und
der Richtung der Schädelbasisachse zusammen. Aus den oben (pag. ¿¡| wiedergegebenen
Untersuchungen über den Bau des Schädels verglichen mit dem der Centetidae S e x t f ig .
LVIII und LIX), geht nämlich hervor, daß bei Chrysochloris die Gehirnteile eine ganz andere
1 Nach meinen Messungen dagegen verhält sich die Schädellänge zur Hirnhöhlenlänge bei Centetes etwa wie
100:34, be i Erinaceus europaeus wie 100:41.
Lage im Verhältnis zu den einzelnen Schädelteilen einnehmen müssen als bei den anderen
Insectivoren. Die ganze Gehirnbasis, vom Occiput nach vorne gerechnet, ist schief nach oben
erhoben, so daß, wie erwähnt, die Teile, welche bei den anderen Insectivoren mehr oder
weniger h in te r dem Cerebrum liegen, hier u n te r dasselbe geschoben sind. In diesem
Falle sind offenbar die Modifikationen, welche der Schädel erlitten, als das ursächliche Moment
des abweichenden Gehirnbaüs und der abweichenden Gehirnlage anzusehen. Wie die
Modifikationen im Schädelbau durch die eigentümliche Art des Grabens zu Stande gekommen
sind, wurde schon oben1 nachgewiesen.
Wenn somit einerseits außer Zweifel gestellt ist, daß die durch die Lebensweise bedingte
eigenartige Form des Schädels Einfluß auf die Lagerungsweise des Gehirns, d. h.
der Überlagerung der anderen Hirnteile durch das Cerebrum hat, so hat jedenfalls als
zweites Moment bei dieser Überlagerung die relativ stärkere Ausbildung der Großhirnhemisphären
bei Chrysochloris mitgewirkt. Dies erhellt schon aus einer Vergleichung der
Größe des Cerebrum mit derjenigen des Cerebellum. So verhält sich die größte L ä n g e
des Cerebrum zu der des Cerebellum:
bei Centetes ecaudatus 100:82,
bei Talpa europaea 100:64,
bei Chrysochloris hottentota 100:44.
Die größte H ö h e des Cerebrum verhält sich zu der des Cerebellum:
bei Centetes ecaudatus 100:112,
bei Talpa europaea 100:100,
bei Chrysochloris hottentota 100:75.
Auch in Bezug auf das Verhältnis zwischen Großhirn und Gesamtkörper ergibt sich
bei einer Vergleichung von T a lp a und C h r y s o c h lo r i s -— die einzigen, welche infolge
ihrer annähernd gleichen Körpergröße hier in Betracht kommen können — , daß auch in
dieser Beziehung das Großhirn bei Chrysochloris relativ größer ist als bei Talpa.
In meiner früheren Mitteilung (05) habe ich schon darauf hingewiesen, wie die
entsprechenden Modifikationen im Schädel bei Chrysochloris und bei dem mehrfach erwähnten
Beuteltiere N o to r y c t e s t y p h lo p s entsprechende Veränderungen im Gehirn hervorgerufen
haben. Ich kann jetzt, da ich mir ein Gehirn von Notoryctes verschafft, die
Vergleichung zwischen den Gehirnen beider Tiere etwas näher ausführen als früher, da
mir für Notoryctes nur Smiths Angaben (95) Vorlagen.
Es läßt sich feststellen, 1) d a ß d e r G e h i rn h a b i tu s von C h r y s o c h lo r is n äh e r
m it d em v o n N o t o r y c t e s a ls m it d em i r g e n d e in e s a n d e r e n le b e n d e n
S ä u g e r s ü b e r e in s t im m t ; 2) d a ß d a s N o to r y c t e s -G e h i r n in Ü b e r e in s t im m u n g
mit d er w e n ig e r w e itg e h e n d e n U m b ild u n g des S c h ä d e ls a u ch e tw a s w e n ig e r
s ta rk m o d if iz ie r t is t a ls d a s je n ig e v o n C h r y s o c h lo r is .
So ist die Form und Größe des Cerebrum bei beiden dieselbe (Textfig. XC,
XCII); auch die Verhältnisse der Höhe und Breite zur Länge sind dieselben. Bei beiden
tritt die Eminentia natiformis (ne) stark hervor, und bei beiden fehlt eine Fissura rhinalis.
Auch das Tuberculum olfactorium (to) ist bei Chrysochloris ebenso stark ausgebildet wie
1 Siehe pag. 65.
Zoologie». Heft 40. . ,
G e h i r n v o n
C h r y s o c
h l o r i s u n d
N o t o r y c t e s .
I