
roth zwittrige Formen als Ausgangsformen ansehen. Ich möchte deshalb den vereinzelten, wenn
auch konstanten Befund akzessorischer Nidamentaldrüsen bei männlichen Loligo forbesi und Sepietta
minor nicht überschätzen und würde ihm nur im Zusammenhang mit schwerwiegenderen Gründen
eine Beweiskraft für die einstige Zwittrigkeit der Cephalopodenahnen zusprechen.
Schließlich ist der Erwerb der akzessorischen Drüsen bei den Männchen noch auf eine dritte
Weise denkbar, nämlich derart, daß diese ursprünglich nur den Weibchen als spezifische Bestandteile
ihres Organismus zukamen, daß dann aber ihre Anlagen durch Vererbung auch auf die Männchen
übertragen wurden. Diese Annahme ist natürlich ebensowenig wie die vorigen strikte zu beweisen
und mag vielleicht befremdlich erscheinen; es sei jedoch gestattet, auf entsprechende Verhältnisse
in einer fernliegenden Tiergruppe hinzuweisen, die mutatis mutandis eine ähnliche Deutung erfahren
haben: bekanntlich finden sich die Mammarorgane der Säugetiere nicht nur im weiblichen, sondern
in rudimentärer Form auch im männlichen Geschlecht. Wenn man annimmt, daß sie in früherer
Zeit auch bei männlichen Individuen völlig funktionsfähig waren, wird man weniger an eine frühere
Zwittrigkeit, als an eine ursprüngliche gemeinsame Brutpflege in beiden Geschlechtern denken;
andererseits wird aber auch die Möglichkeit erwogen, daß die Milchdrüsen und Zitzen ursprünglich
nur von den Weibchen erworben und entsprechend der Art der Brutpflege vervollkommnet wurden
und daß ihre Anlagen allmählich durch Vererbung, nicht als funktionierende Organe auf die Männchen
übergingen. In diesem Sinne äußert sich z. B. Gegenbaur (Vergleichende Anatomie der Wirbeltiere
Bd. 1, 1898, Seite 130): „. . . . Nur durch Vererbung wird jene Tatsache verständlich. Alle Nachkommen
einer Mutter empfangen den von dieser erworbenen, in Generationsreihen sukzessive sich
ausbildenden Apparat und zwar genau in derselben Weise, wie er jeweilen bei der Mutter sich gestaltet
hatte . . . . Bis zu einem gewissen Stadium bestehen für beide Geschlechter gleiche Verhältnisse, aber
beim männlichen erhalten sich die Teile auf einer tieferen Stufe und stellen sich dann in Vergleichung
mit dem weiblichen Apparate als Rudimente dar.“ Demgegenüber läßt Wiedersheim (Der Bau des
Menschen 1893) die Möglichkeit der Brutpflege in beiden Geschlechtern als eine ebenso wahrscheinliche
Erklärung gelten.
Wir sehen also, daß auch für diese viel genauer untersuchten Verhältnisse keine einheitliche
Deutung vorliegt. In ähnlicher Weise kann man auch für die Drüsen der Cephalopoden neben der
Annahme eines früheren Hermaphroditismus auch die Möglichkeit einer direkten Übertragung der
akzessorischen Drüsen durch Vererbung von den Weibchen, bei denen sie funktionsfähig wurden,
auf die Männchen gelten lassen. Eine klare Vorstellung von der Art dieser Übertragung ist natürlich
ebensowenig möglich, wie in dem angeführten Beispiel. Man müßte wohl annehmen, daß früher die
Männchen aller Arten, deren Weibchen mit akzessorischen Nidamentaldrüsen ausgestattet sind,
diese in guter, wenn auch nicht notwendigerweise funktionsfähiger Ausbildung besaßen, daß sie aber
allmählich bei den meisten wieder zurückgebildet worden sind.
Warum sie sich nun gerade bei je einer einzelnen Art von Loligo und Sepietta erhalten haben,
während die nächstverwandten Vertreter der gleichen Gattungen (Loligo vulgaris und Sepietta
oweniana) keinen Rest von ihnen, auch nicht vorübergehend in der Entwicklung, zeigen, ist kaum
zu erklären. Es wäre jedenfalls verfehlt, die beiden Arten auf Grund ihres Besitzes dieser Rudimente
als altertümlicher wie ihre Verwandten anzusehen; denn die Betrachtung eines einzelnen Organs
kann überhaupt keine weittragende Bedeutung für die phylogenetische Gruppierung einer Anzahl
verwandter Formen haben, wenn nicht gleichzeitig eine .einheitliche gleichmäßige Berücksichtigung
aller morphologischen, - entwicklungsgeschichtlichen und paläontologischen: Verhältnisse; und
Zusammenhänge stattfindet. Ich verzichte deshalb an dieser Stelle darauf, aus dem Vorhandensein
der rückgebildeten akzessorischen Nidamentaldrüsen bei Loligo forbesi und Sepietta minor irgendwelche
Folgerungen auf ihre Stellung im System der Cephalopoden zu ziehen und überlasse diese
Aufgabe einer späteren vergleichenden Betrachtung auf breiterer Grundlage.
Z u s amme n f a s s u n g : Bei mä n n l i c h e n T i e r e n von Lol i go f o r b e s i
wi r d e ine p a a r i g e , a uf d e r V e n t r a l s e i t e des T i n t e n b e u t e l s g e l e g en e
D r ü s e b e s c. h r i e b e n , die in ihrem Bau und ihrer Lage mit den akzessorischen Nidämental-
drüsen der Weibchen übereinstimmt, bei reifen Tieren aber allmählich zurückgebildet wird. S i e
wi r d d e mn a c h al s r u d im e n t ä r e a k z e s s o r i s c h e D r ü s e de r Mä n n c h e n
g e d e u t e t . Ihre Funktion ist nicht festzustellen; wahrscheinlich ist sie, im Gegensatz zu den
Organen des Weibchens, in ihrer jetzigen Ausbildung funktionslos geworden. Ebenso kommen bei
männlichen Se p i e t t a mi nor nach Angabe von Naef die akzessorischen Drüsen, hier ohne
ausgesprochene Rückbildung, vor. Diese Befunde können als Beweis für die Z w i t t r i g k e i t
f r ü h e r e r S t ammf o rme n de r C e p h a l o p o d e n herangezogen werden.
L ite ra tu rv e rz e ich n is umstehend.
Zoologica. Heft 67. 27