
Das O b e r s c h lu n d g 'c in g l io n , welches nach H e ym o n s bei Arachniden die Ganglien
des Akronsgpnd der ersten beiden Metamere umfaßt, ist überall durch breite ICommissuren
mit dem Unterschlundganglion verbunden. Seine Gestalt ist einer plattgedrückten Kugel ähnlich,
deren *Querdurchmesser länger (Amblypygi) oder kürzer ( ü b r ig e Pedipalpi) als der
Längsdurchmesser ist. Nur bei Koerienia kann man am Gehirn auch ä u ß e r l i c h verschiedene
Lappen unterscheiden, was bei den übrigen Pedipalpen nicht möglich ist. — Das
Oberschlundganglion entsendet die Chelicerennerven, bei den sehenden Formen ferner zwei
Augennervenpaare. (ein äußeres für die Lateral-, ein inneres für die Medianaugen), und endlich
zarte Nerven, welche an die Muskeln des Labrums, des . Pharynx und vielleicht auch des
prosomalen Mitteldarmes1 gehen.
Vom großen, verschieden gestalteten U n t e r s c h l u n d g a n g l i o n gehen der Reihe nach
5 kräftige Nervenpaare an die 5 postoralen Extremitäten. Je nach der mehr oder minder vorgeschrittenen
Konzentration des Nervensystems laufen diese Nerven von ihrer Wurzel in ziemlich
gerader Richtung in die betreffende Extremität (Koenenia, Trithyreus, Tarantula), oder sie
beginnen, wie die hinteren Nervenpaare der Thelyphoniden, ein Stück vor der Extremitätenbasis,
um dann unter Bildung eines Winkels in diese einzulenken. — Ferner entsendet das
Unterschlundganglion 2 Nervenpaare an die Coxaldrüsen (Thelyphönidae, Tarantulidae).
Vom Hinterende des Unterschlundganglions gehen dann noch Nervenpaare, resp Kommissurenstränge
in das O p i s th o s om a . E s ist hierbei zu beachten, daß die Nerven der
vorderen Hinterleibssegmente u n a b h ä n g i g von denen der hinteren Segmente entspringen.
Dies trifft sicher für die Uro- und Amblypygen zu, dürfte aber wahrscheinlich auch für die
Palpigraden gelten. Naturgemäß liegt die Wurzel der Nerven der hinteren Segmente in der
Mitte zwischen den somit seitlich gelegenen Wurzeln der Nerven der vorderen Segmente,
doch nimmt bei den Thelyphoniden die Wurzel der Kommissur des Unterschlünd- und Hinterleibsganglions
infolge der ventromedianen Verwachsung der basalen Strecken der beiderseitigen
Nervenstämme der vorderen Segmente eine dorsomediane L a g e ein. Bei den Tarantuliden
werden die 5, bei den Thelyphoniden die 7 vorderen Hinterleibsringe von seitlichen Nerven
innerviert, so daß bei den ersteren die 7, bei den letzteren die 5 hinteren Leibessegmente
und das schwanzförmige Telson von Nerven versorgt werden, die mit dem Unterschlundganglion
durch eine mediane Wurzel in Verbindung stehen, resp. von diesem ab^ehen.
Bei den Schizopeltidia (und wahrscheinlich auch bei den Palpigradi) ist, wie bereits angedeutet,
ein ähnlicher Unterschied in der Innervierung der Hinterleibsringe ausgeprägt, nur
konnte leider nichts genaueres in diesem Punkte ermittelt werden.
Die erwähnten hinteren, median gelegenen, resp. entspringenden Nerven gehen bei den
Thelyphoniden von dem im hinteren Teil des 8. und vorderen Teil des 9. Segmentes, bei
Trithyreus von dem im Genitalsegment gelegenen Ganglion ab. Auch bei Koenenia ?nirabilis
sah ich entsprechende Nerven in paariger Anordnung von dem hier direkt mit dem Unterschlundganglion
verbundenen Hinterleibsganglion nach hinten ausstrahlen. Bei den Aynblypygen
ist dies Ganglion vollends mit dem ersteren verschmolzen und die betreffenden Nerven verlaufen
daher in einem gemeinsamen Mittelstrange bis ins Hinterende des Leibes.
P o c o c k ist meines Wissens der erste, welcher jenen Unterschied zwischen den mittleren
1 Äußerlich untersucht geht dies Nervenpaar vom Oberschlundganglion ab, vielleicht gehört es dem Deutocerebron an?
und seitlichen Nerven des Opisthosoma der Thelyphoniden hervorgehoben hat, aber seine Theorie
von der sekundären Natur der mittleren Paare ist,, wie am Schlüsse dieses Kapitels noch darg
e le g t wird, wahrscheinlich unrichtig.
2 Spezielle Beschreibung des Nervensystems.
a. D a s O b e r s c h lu n d g a n g l i o n u n d d ie v o n ihm a b g e h e n d e n N e r v e n .
Thelyphönidae. Die allgemeine Gestalt des oberen Schlundganglions habe ich oben bereits
angedeutet; es mag noch hinzugefügt werden, daß dasselbe vorn eine schwache mediane Einbuchtung
aufweist, die sich als eine seichte Furche oben mehr oder weniger deutlich eine
Stre ck e weit nach hinten verfolgen läßt. Sie ist das äußerliche Kennzeichen der Differenzierung
innerer getrennter linker und rechter Gehirnlappen, wie sie von Limulus und anderen
Cheliceraten bekannt geworden sind. Die vorn seitlich über de r Kommissur entspringenden,
an ihrer Basis etwas angeschwollenen C h e l i c e r e n n e r v e n , dip. bei Alkoholexemplaren oft
samt dem vorderen Teile des Oberschlundganglions von geronnenem Blut1 umhüllt sind, täuschen
leicht eine doppel-birnförmige Gestalt des Gehirnes v o r , wie sie sich auch'tatsächlich bei
B l a n c h a r d , L a u r i e und P o c o c k abgebildet findet.
An der Vorderseite des Gehirnes entspringen dorsolateral die 2 A u g e n n e r v e n p a a r e .
Das s e i t l i c h e Paar (nla) innerviert die jederseits in der Drei- (selten Vier- oder Fünf-) Zahl
vorhandenen S e i t e n a u g e n , das m i t t le r e Paar (nma) die stets in der Zweizahl entwickelten
M e d ia n ä u g e n . Die Augennerven sind schon von ihrer Wurzel an sehr zart ; nach vorn
hin convergieren sie: zunächst, flachen sich ab, indem sie gleichzeitig ihre Breitseite der Sagit-
talen des Körpers parallel stellen, und verlaufen zwischen dem 1 . prosomalen Dorsoventral-
muskelpaar T I , Tergolabralmuskel) hindurch, um nach dem Durchtritt wieder zu divergieren.
Die beiden Seitennerven biegen dann ziemlich plötzlich um und gehen oberflächlich oder
zum Teil unter und zwischen den Fasern des Musculus. rotator dorsalis chelicerae (2) durch,
am Seitenrande des Carap ax nach hinten kehrend, zu den Seitenaugen. Die beiden Mittelnerven
ziehen in ziemlich gerader Richtung nach vorn zu den Mittelaugen. Ob von den Seitennerven
kleine Nervenfasern an die in ihrer Nähe liegenden Muskeln abgegeben werden, wie
B l a n c h a r d angibt, habe ich nicht bestimmt erweisen können.
Die beiden C h e l i c e r e n n e r v e n ^ (n 1) verjüngen sich.;Sehr bald nach ihrem Ursprung,
indem sie sich zugleich in einen zarten oberen und einen kräftigeren unteren A s t gabeln;
letzterer verzweigt sich im Innern des Basalgliedes der Qhelicere wefter, wie es in Taf. I,
Fig. ,1 und Textfigur 29 angedeutet worden ist.
Unterhalb der Augen- und zwischen den Chelicerennerven entspringen zwei zarte Nerven,
welche an die M u s k e ln der o b e r e n P h a r y n x l a m e l l e und des L a b r u m s gehen (nlbr).
Sie gehören vermutlich dem Deutocerebron an und werden bereits von B la n c h a r d erwähnt.
Ein w e i t e r e r P h a r y n g e a ln e r v entspringt tiefer mit 2 Wurzeln dicht über dem hier die
1 Nach den jüngst erschienenen Ausführungen von L. B ru n tz (78) erscheint es mir nicht unmöglich, daß dies vermeintliche
„geronnene Blut“ , welches sich meist auch auf der sternalen Fläche des Prosoma zwischen der Hypodermis
und dem Unterschlundganglion, sowie in der Nähe des Pharynx, im Labrum und den Coxognathen (bei Thelyphoniden und
Tarantuliden) findet, von seinen „ N e p h r o c y t e s k carminate“ gebildet wird, die beim Stoffwechsel eine Rolle spielen
und von dem genannten Forscher bei verschiedenen Arachniden an den nämlichen Stellen nachgewiesen worden sind.
Leider habe ich seinerzeit versäumt, diese Zellkomplexe auf ihren histologischen Bau zu prüfen.