
A ls eigentliches Ergebnis der letzten Untersuchung, jä als die nützlichste Frucht des
ganzen, jetzt abgeschlossenen Werkes aber betrachte ich folgendes.
Indem wir dreierlei verschiedene Arten der morphologischen Selbstverbesserungsmöglichkeit
ihrem Wesen und ihrer stämmesgeschichtlichen Herkunft nach begreifen lernten,
erwuchs uns die Einsicht, d a ß a l l e in d i e s e n d r e i K a t e g o r i e n e n t h a l t e n e n G e s
c h e h n i s s e e in e r Z u r ü c k fü h r u n g a u f m e c h a n i s t i s c h - p h y s i o l o g i s c h e G r ü n d e
p r i n z ip i e l l z u g ä n g l i c h s in d .
Nur e i n e Sorte von „Regulationsvorgängen“ hätte einer mechanistischen Deutung
widerstrebt: wenn es Fälle der Selbstverbesserung gäbe, die nicht auf das Wirken der
normalen Formbildungsmittel bezogen werden, aber auch nicht — da in der freien Natur ohne
Wert — durch Zuchtwahl geschaffen sein können; — es wäre diejenige Form der „R e g u lation“
, die im vermeintlichen Beweismaterial der Teleologen und Vitalisten eine so große
Rolle spielt.
A ber wir haben durchaus keine Veranlassung, die Existenz einer solchen vierten
Kategorie zuzugeben. Nach unserer bisherigen Erfahrung spricht eine große* in Ansehung
der ökonomischen Wertverhältnisse sogar überwältigend g ro ß e Wahrscheinlichkeit dafür,
daß a l l e Geschehnisse, die man jener vierten Gruppe zugerechnet hat oder etwa künftig
in sie einrangieren möchte, hei tieferer Einsicht dennoch in unseren drei mechanistisch begreifbaren
Kategorien unterzubringen sind. Besonders für die dritte und die erste Kategorie
dürfte starker Zuwachs sicher sein. Einerseits hat W e i s m a n n (1899) an mehreren Beispielen
gezeigt, wie sehr man sich bedenken sollte, regenerativen Prozessen, deren
Nutzen für 'd i e Arterhaltung nicht gleich in die Augen springt, die Selektionsfähigkeit ab zusprechen.
Gelang ihm doch sogar der Beweis, daß einer der alleryerdächtigsten Fälle,
die Linsenregeneration vom Irisrande, eine Zurückführung auf Selektionsvorgänge ganz wohl
erlaubt; nachdem schon F i s c h e 1 den teleologischen Glorienschein dieses Geschehnisses
vernichtet hatte. Und andrerseits: wenn über die absolute Nutzlosigkeit einer zweifelhaften
Formverbesserung nicht zu streiten ist, dann handelt es sich wohl allemal um sichtbar g e wordene
oder sonstwie deskriptiv veränderte Wirkung normaler Mechanismen, d. h. um einen
Vo rgang unserer ersten Kategorie. Und diese Gruppe halte ich für überaus aufnahmefähig.
Die Möglichkeit, viel seltsame und unbegriffene, nach künstlichen Experimenten
auf getretene Entwicklungsgeschehnisse bis zum. Beweis des Gegenteils als einfache Wirkungen
normaler Faktoren hinzüstellen und so der ihnen zugeschriebenen vitalistischen Beweiskraft
zu entkleiden, verdanken wir einem arideren Resultate dieser meiner Schrift: der Überzeugung,
d a ß d i e n o r m a l - f o r m b i l d n e r i s c h e n L e i s t u n g e n d e r E i n z e l z e l l e n
h ö c h s t k o m p l i z i e r t e s in d . Sowohl in reaktiver Hinsicht, als ganz besonders auch in der
Sphäre der Reizaufnahmen kommen sie freilebenderi Protozoen — so dürfen wir glauben
nahe oder gleich.
Die feste Basis aber, von der aus wir den W e g zu solcher Anschauung fanden und
zu gehen wagten, war der . sichere Nachweis einer verhältnismäßig geringeren, aber immerhin
gewaltig hohen Komplikation der cellularen Förmbildung bei Ascaris.
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