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bei unserem Embryo zeigte sich die Reihe um einen erheblichen B e t r a g 'v e n t r a lw ä r t s e in g
e k n i c k t . Allein dieser Zustand dauerte nicht lange.
Während die vier Zellen des Ektoderms, -die längst in das Ruhestadium eingetreten
waren, nunmehr zum ersten Male jene scha rf umschriebenen, kugelrunden Kerne erhielten, aus
denen auch im Leben die erfolgte Chromatindimimition ersichtlich wird, veränderte die ventrale
Gruppe in sehr unerwarteter W e is e durch Gleiten ihre Konfiguration. E s w a r , a l s w en n
d ie g e k n i c k t e V i e r z e l l e n r e ih e la n g s am ih r g e b e u g t e s H a u p t e rh ö b ( | r den ektoder-
malen Rhombus, der wie ein Hut darüber sass, gleichzeitig verschiebend [Taf. III, F ig. SS, 29;
das Riesenei ist um 180° gedreht). So kam der Rhombus aus seiner anfänglich queren Stellung
in eine Situation, in der sejne Flä che der längsten' Schalenaxe annähernd parallel lag. Die
ventrale Reihe selbst aber w i r in eine gerade, vierzellige Säule-verwandelt worden; d. h. d e r
F e h l e r ih r e r f r ü h e r e n A n o r d n u n g w a r im S in n e d e r t y p i s c h e n V o r s c h r i f t k o r r ig i e r t )
Dabei berührte der Embryo, wie schon einmal in früherer Zeit, mit seinem letzten Ende
jetzt wieder die Schalenwand, und zw ar hauptsächlich deshalb, weil seine zweitunterste Zelle F ,
sich unter amöboider Gestaltveränderung auffallend in die. L än g e streckte, —• ein Verhalten,
das für uns nichts überraschendes hat. Offenbar w a r diese Furchungskugel an jener Stelle ihres
Lebensprogrammes angelangt, wo sie in der normalen Entwickelung verpflichtet ist, die Schwanz-
zelle aktiv au f den Rücken hinaufzuschieben, und —■ wie bei allen T-Riesen —- schickte sie
sich an, in freilich sinnloser Weise zu tun, was ihres Amtes war.
Somit hatte unser Embryo die bei T-Riesen dieses Stadiums übliche Gesamtform jetzt
annähernd erreicht. Nur insofern ging er noch eigene W eg e , als sein cktodermaler Rhombus
nicht, wie es sonst die Rege l ist, nur mit der Zelle M St, sondern auch mit E in Berührung
stand; sowie hauptsächlich darin, dass obere und untere Keimeshälfte bei ihm rechtwinkehg
gegeneinander verschoben waren.
Dennoch war ich, als ich spät am Abend dieses T a g e s die Beobachtung unterbrach,
der Überzeugung, dass mein Embryo sieh nach dem gewöhnlichen Schema eines Riesen vom
I. T yp u s fortentwickeln werde. Allein es kam anders.
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Am nächsten Morgen fand ich den Riesen, ohne dass etwa neue Teilungen eingetreten
wären, doch recht verändert (Taf. III, Fig. 30).
Der ektodermale Rhombus war ganz herumgeschoben, so dass seine längste Diagonale
nunmehr völlig in der Richtung der Schalenaxe lag,- hatte aber sonst seine Gestalt bewahrt,
höchstens mochte er um eine Kleinigkeit e b e n e r als früher geworden sein. Übrigens erkannte
man leicht, dass diese Lageveränderung des gesamten Ektoderms der Schale gegenüber nichts
weiter war, als die mechanische Fo lg e derjenigen Vo rg än g e , die über.Nacht die Form der
ventralen Gruppe und damit Konfiguration und Massenverteilung des ganzen Keimes in bedeutungsvoller
Weise verwandelt hatten.
D i e v i e r Z e l le n d e r u n t e r e n G ru p p e h a t t e n s i c h s e i t g e s t e r n s t a r k z u s am m e n g
e z o g e n . Nicht nur w a r die frühere, besonders bei P 8 so auffallende Längsstreckung rückgäng
ig gemacht, sondern es schien mir sogar, als wären die Zellen in derselben Axenrichtung
ein w enig v e r k ü r z t, wie zusammengepresst, und ich erinnerte mich jetzt, an normalen Embryonen
eine ähnliche, scheibenartige Verkürzung der gleichen Zellen häufig gesehen zu haben. —
Durch die allgemeine Kontraktion der ventralen Gruppe hatte sich zweierlei geändert: Erstens
ihr Lageverhältnis zum Ektoderm, indem die früher freihängenden Endglieder der Säule, P.,
und C, jetzt dicht an den Rhombus herangezogen waren; und zweitens die räumliche Beziehung
zwischen Schale und Em b ryo : der Keim, der gestern noch die ganze Länge beansprucht hatte,
durchmass nun wieder kaum mehr als zwei Drittel seiner Doppelschale.
A usser der Verkürzung aber wies die früher so schlanke und gerade Zellenreihe —
besonders in ihrem kaudalen Abschnitte — noch ein starke K rüm m u n g auf, und zw a r in
d o p p e l t em S in n e . Zunächst hatte das Ende der Reihe sich d o r s a lw ä r t s em p o r g e b o g e n ,
wodurch ihr letztes Glied, die Schwanzzelle, in das Niveau des ektodermalen Rhombus befördert
worden war. Es ist klar, dass dieser V o rg an g an sich nichts neues enthielt. Bei allen T-Riesen
biegt sich ja die Zelle P3 zu einer bestimmten Zeit hakenförmig nach dem Rücken zu, und
wir wissen je tz t,' dass für die normale Entwickelung das gleiche Verhalten typisch ist. A ber
das merkwürdige war, dass die Ventralreihe unseres Riesen neben der gewöhnlichen Dorsalkrümmung
noch e in e s e i tw ä r t s g e r i c h t e t e V e r b i e g u n g erlitten hatte: sah man von
der Flä che des Ektoderms darauf, so bildete die untere Gruppe einen scharfen Bogen mit der
Öffnung nach links. Das w a r etwas völlig neues und, wie ich mir. sagen musste, abnormes.
Denn weder gab es in der normalen Entwickelung für jenen V o rg an g ein Analogon, noch war
mir bei an d e renERie sen jemals etwas ähnliches vor Augen gekommen, und ich gestehe, dass
ich mich von meinem Musterriesen enttäuscht fühlte;- nach seinem bisherigen guten Verhalten
hatte ich ihm eine derartige Entgleisung nicht zugetraut.
Als ich die geschaffene Situation jedoch genauer betrachtete, erkannte ich, dass durch
die improvisierte Seitwärtsbewegung der Schwanzzelle eigentlich kein weiterer Schaden entstanden
wa ri-7- im G e g e n t e i l !
W ä re die Schwanzzelle ohne seitliche Verbiegung an das Ektoderm herangerückt, so
würde sie — falls sie das Ziel au f diesem W e g e überhaupt erreichte — an der morphologisch
r e c h t e n Seite des Rhombus au f die Bucht zwischen den Zellen a und b gestossen sein. Das
w a r aber durchaus nicht die Stelle, wo sie programmmässig hingehörte. W ir wissen ja, dass
die ganze untere Gruppe unseres Riesen um 90° gegen die obere verdreht lag. Sollte hier
jemals ein wirklich typisches Stellungsverhältnis angebahnt werden (wobei die Schwanzzelle
an das h in t e r e Ende des Ektoderms zwischen die Schwesterzellen b und ß zu liegen kommt),
.so gehörte dazu nicht weniger und nicht mehr, als eine von der Ventralreihe in toto auszuführende
Viertelschwenkung nach links.
A b e r hatte unser Embryo diese Forderung nicht schon zur Hälfte erfüllt? Seine Schwanzzelle
hatte sich au f Grund der „abnormen“ Verbiegung so weit nach der linken Seite zu
gewendet, dass sie der kaudalen Spitze des Rhombus bereits unmittelbar gegenüber stand,
und sie brauchte ihre Bewegung um dieses V o rg eb irg e herum nur fortzusetzen, so würde sie
an der typischen Stelle zwischen b und ß gelandet sein. — Stand der Riese im Begriff, zur
absolut normalen Anordnung seiner Elemente überzugehen?
Es blieb leider unentschieden, ob eine Tendenz zu solcher Weiterwanderung und damit
zur völligen Korrektur des früher Verfehlten in unserem Riesenkeime vorhanden war. Denn,
falls sie etw a bestand, so wurde sie in diesem Augenblicke durch den Eintritt einer neuen
Klüftungsperiode im Ektoderm für immer vereitelt.