
den Tag vorher abreisen wollen, war aber auf die
Nachricht von der Ankunft des Herrn v. Humboldt
noch geblieben. Er trug- ein weites, vorn offenes
Oberkleid von blauem Tuch mit goldener Borte, ein
engeres Unterkleid von eben dem Tuche, das um den
Leib mit einem breiten Gürtel zusammen gehalten
wurde, und nur auf der Brust etwas geöffnet war, so
dass man noch ein wenig die darunter befindliche mit
Silber gestickte Weste und diegrosse goldene mit Brillanten
besetzte Medaille, die er vom Kaiser A l e x a n der
erhalten hatte, sehen konnte. Er hatte ferner
weite Beinkleider von violettem Sammet, und auf dem
Kopfe eine kleine spitze Mütze von blauem Tuche, die
mit Gold gestickt und rund herum mit Zobel besetzt
war, und über welche er nachher beim Ausgehen
noch eine ähnliche, aber weitei'e von rothem Sammet
setzte, welche er beim Hereintreten in der Hand hielt.
Er sprach ebenfalls fertig russisch, konnte aber ausser-
dem noch persisch und arabisch sprechen, so dass in
letzterer Sprache Professor E h r e n b e r g sich unmittelbar
mit ihm unterhalten konnte. Er bedauerte
sehr, dass wir nicht von Orenburg aus durch seine
Steppe gereist wären, er habe diess geglaubt, und
deshalb schon Pferde* in der Steppe aufstellen lassen.
Herr v. Humbo ldt sprach dann mit ihm von seinem
LehrerKarel in in Orenburg1), der sich lange bei ihm
in der Steppe aufgehalten hatte, und den er sehr zu
lieben schien. Dabei wurde in Gläsern auf einem
Präsentirteller von lackirtem Eisenblech, Kumis oder
Tschigan, wie die Kalmücken die gesäuerte Stutenmilch
nennen, das Lieblingsgetränk der Kalmücken
und Kirgisen, herumgereicht.
Nachdem wir hier einige Zeit verweilt hatten,
fuhren wir in Begleitung des Chans der Kirgisen nach
dem Tempel, in welchem der Fürst eine Feier zur
Vergl. oben S. 201.
glücklichen Beendigung des Krieges der Russen g e gen
die Türken veranstaltet hatte. Er liegt in einiger
Entfernung von dem fürstlichen Wohnhause nach
der Steppe zu und war ein länglich-viereckiges Gebäude
mit einem japanischen Dache, Der Eingang
lag an einer der schmalen Seiten, und von dieser gingen
zu beiden Seiten bogenförmige Säulengänge aus,
wie bei der Kasanischen Kirche in Petersburg. Diese
hatte der Fürst nach eigener Idee seiner Kirche hinzufügen
lassen, die sonst streng nach tibetanischen
Modellen, wie man uns sagte, erbaut war.
Das Innere des Tempels hatte in der Anordnung
der einzelnen Tbeile grosse Aehnlickeit mit dem Innern
des Kalmückentempels, den wir auf der Hinreise
bei Astrachan hesucht hatten; nur war hier alles in
einem grossartigeren Styl eingerichtet. Der innere
Raum war im Allgemeinen hell, die Fenster befanden
sich an den längeren Seiten, und alle Wände waren
weiss getüncht. Zwei Reihen viereckiger Pfeiler
gingen von beiden Seiten der Thür aus der Länge
nach durch den Tempel, und theilten das Innere gleichsam
in 3 Abtheilungen, zwei äussere und eine innere,
welche letztere aber eine grössere Tiefe als die äusseren
hatte, und daher am Ende einen etwas finsteren
Raum bildete. Hier befand sich, dem Eingänge g e genüber,
der Altar mit dem terrassenförmigen Aufsatze,
worauf die Figuren der Götzen aufgestellt waren, und
der hier durch angezündete Lichter erleuchtet war.
An den Wänden der äusseren Abtheilungen, zwischen
und unter den Fenstern, hingen die Abbildungen der
Götzen, die der Burchanen oder guten Geister, des
Dschagschaimuni, Abida und Maidarin in betender
Stellung und mit untergeschlagenen Beinen, die Figur
des bösen Geistes Erlik-Chan in stehender drohender
Stellung. In der mittleren Abtheilung sassen auch hier
die Priester, wie in dem Tempel bei Astrachan in zwei
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