
Es war 11 Uhr geworden, als wir in Pokrows-
kaja anlangten, worauf wir noch in derselben Nacht
nach der Gouvernementsstadt Saratoff übersetzten ; Herr
v o n Humbol d t hatte anfänglich nur die Absicht den
Best der Nacht und einige Stunden des folgenden
Tages hier zu bleiben, um die Inklination der Magnetnadel
zu bestimmen1) , aber die liebenswürdige Gastfreundschaft
des Fürsten veranlasste uns auch noch
den übrigen Theil des Tages in Saratoff zu verweilen.
Nach einem glänzenden Mittagsmahl besahen wir
in seiner Gesellschaft die Stadt und einige merkwürdige
Anstalten derselben, wie das Gymnasium und das
Irrenhaus, und fuhren dann zu einem Bergschlipf, der
sich kürzlich in der Nähe der Stadt ereignet und viel
Aufsehen gemacht liatte. Saratoff hat eine ähnliche
Lage wie Wolsk , aber das kesselförmige Thal ist
viel grösser, und bildet eine ziemlich bedeutende Ebene
neben der W o lg a , an dessen südöstlicher Ecke die
Stadt liegt. Sie wird in die neue und alte Stadt g e -
theilt. Die erstere ist regelmässig gebaut, hat gerade
Strassen, mehrere grosse Plätze und eine Menge steinerner,
zum Theil recht geschmackvoller Gebäude.
Zu diesen gehört auch das Gymnasium, welches durch
die Thätigkeit des Directors Mül l e r ausser einer
ziemlich grossen Bibliothek, auch eine zoologische nnd
mineralogische Sammlung und einen botanischen Garten
besitzt. Die Berge im Norden der Stadt, in welchen
der Bergschlipf stattgefunden hatte, bestehen aus
Sandstein, wahrscheinlich demselben, der auch bei
Wolsk vorkommt. Einige auf einer geneigten Thonschicht
liegende Schichten waren herabgeglitten, und
hatten den Bergschlipf veranlasst, der mehrere Häuser
fortgerissen oder beschädigt hatte. Die Thonschicht
enthielt Kugeln von Sphärosiderit. Eine Quelle im
Westen der Stadt, auf dem Landgute des Directors
*) Herr v. H u m b o l d t fand die Inklination 64° 40',9.
Mü l l e r , die aus der Dammerde hervorquoll, hatte
eine Temperatur von 6°,2 B.
Am Morgen des 5. Oct. verliessen wir Saratoff.
Statt der Herren S t u t z und Er n s t begleitete uns
jetzt Herr Hofrath E n g e l k e , um uns durch die deutschen
Kolonien auf der Bergseite der Wolga zu füh- I ren. Nach 12 Wersten kamen wir auf eine bedeutendere
Höhe, von welcher wir die Stadt zum letzten
Male erblickten, und fuhren dann auf ebenem Boden
und in grösserer Entfernung von der Wolga weiter.
Bei der zweiten Station fangen die deutschen
Kolonien der Bergseite an, die sich von hier bis g e gen
Kamyschin fortziehen, aber sich nicht allein auf
der Poststrasse, sondern auch noch näher an der W olga
linden. In Talowka machten wir bei dem Schulzen
Mittag, und fanden hier alles eben so reinlich und ordentlich,
wie bei den Kolonisten des linken Wolga-
Ufers. In der Kolonie waren mehrere Ziehbrunnen,
die alle in einer Tiefe von 7§ bis S Faden gutes, zum
Kochen und Trinken brauchbares Wasser enthielten*
Die Temperatur desselben fanden wir bei 3 Brunnen,
wo wir sie untersuchten, 4°,6; 4°,8 und 4°,8. Die
zweite Kolonie und dritte Station von Saratoff, Ust-
Salicha erreichten wir erst nach Sonnen-Untergang
und durch die übrigen kamen wir in der Nacht.
Von Ust-Salicha hat man noch 4 Stationen bis
zur Kreisstadt Kamyschin. Wir hatten uns vorgenommen,
von dort aus den 127 Werst südöstlich von
Kamyschin in der'Steppe gelegenen und wegen seiner
bedeutenden Salzproduction so wichtigen Elton-See zu
besuchen, und von ihm gleich nach dem Flecken Du-
bowka, welches fast ebenso weit westlich vom S e e
liegt, zu gehen, um hier die Poststrasse nach Astrachan
wieder zu gewinnen. Da der Salztransport von
dem Elton-See in Wagen geschieht, die mit Ochsen
bespannt werden, und Dörfer, in denen Pferde zu mie-
then waren, sich nur in den nächsten Umgebungen
m