
ligran seinen Platz, ein schwarzer unförmlicher Stein
von etwa 2 Zoll Höhe und 4 Zoll Länge, der den
verkörperten Wischnu darstellt, und jedesmal beim
Anfang des Gottesdienstes bemalt wird. Frische Blumen
schmückten den übrigen Theil des Tisches, ln
dem Fenster stand noch eine grosse Talglampe mit
2 Dochten, welche stets brennend erhalten wird.
Mit dem Bemalen des Seligran fanden wir, als
wir hereintraten, den Braminen beschäftigt. Er hatte
das Gesicht gegen die Pagode gekehrt, und fuhr in
seinem Geschäft fort, ohne sich von uns stören zu
lassen; hinter ihm stand ein zweiter Priester mit ebenfalls
nach der Pagode gekehrtem Gesicht und ihm
rechts zur Seite mit dem Gesicht nach dem Fenster
gewandt ein dritter; der zweite hatte in jeder Hand
ein Becken, der dritte hielt mit der rechten eine Schnur,
durch welche er ein Paar Glocken, die an der oberen
Wand hingen, läuten konnte. Um diese Priester
herum in einiger Entfernung standen mit abgelegten
Pantoffeln die übrigen Hindus, etwa 30 an der Zahl,
und hier hatten auch wir uns hingestellt. Nachdem
der erste Bramin sein Geschäft beendet hatte, legte
er den Seligran vor sich hin, füllte eine Schnecke aus
einer zur Rechten stehenden Schale mit Wasser, ergriff
darauf mit der Linken eine Klingel, und kling
e lte , während er mit der Rechten die Schnecke in
Kreisen um die Figuren der Götter bewegte, und von
Zeit zu Zeit immer wieder etwas Wasser in die
Schale zurückgoss, bis die Schnecke leer war. Darauf
erhob er mit dem hinter und neben ihm stehenden
Priester einen monotonem Gesang, wobei er immerwährend
klingelte, der zweite Priester die Becken an
einander schlug, und der dritte Priester die Glocken
durch die Schnur taktmässig läutete, was alles in dem
kleinen Zimmer einen ziemlichen Lärm hervorbrachte.
Dieser monotone Gesang währte eine ziemliche Weile
fort; nachdem er beendet war, nahm der erste Priester
etwas Brod, welches er ass, schöpfte dann mit einem
ziemlich grossen Löffel Wasser aus der Schale,
kostete davon, und reichte ihn sodann zum Kosten sowohl
den beiden ändern Priestern, als auch den übrigen
Hindus. Darauf ergriff er einen Leuchter mit
5 kleinen Wachslichtern, zündete dieselben an der
Lampe an, und hielt die brennenden Lichter einem
jeden der Hindus hin, die andächtig ihre beiden Hände
eine Zeit lang darüber hielten, und dann mit den erwärmten
Händen die Augen berührten.. Hiermit endete'
die Ceremonie, die eine gewissd Aehnlichkeit mit
den Ceremonien der christlichen Kirche nicht verkennen
Hessen. Nach beendigtem Gottesdienste zerstreute
sich ein Theil der Hindus, wir aber wurden noch in
demselben Zimmer von dem Braminen mit Weintrauben,
Obst, getrockneten Datteln, Aprikosen, Pistazi.en,
Rosinen, Zuckerkant und anderem Zuckerwerk bewir-
thet, was wir nicht verweigern durften.
Auf dem innern Hofe des Kaufhofes standen noch
andere hölzerne Gebäude, auch war hier ein kleiner
Garten angelegt, in welchem Blumen zur Ausschmük-
kung des Tempels gezogen wurden. Neben den hölzernen
Gebäuden war aber ein Verschlag angebracht, auf
welchem auf einem durchlöchertem hölzernen Fussboden
ein Fak i r sass, ganz zusammengekauert, das Kinn auf
den Knieen gestützt, zwischen denen der lange weisse
Bart bis zu dem Boden hinunter reichte. Er war ganz
nackend, und nur mit einem Schaaffelle lose bedeckt,
soll aber nun schon 15 Jahre auf derselben Stelle
sitzen, ohne sich von ihr fortbewegt zu haben. Wie
er diess bei der strengen Winterkälte Astrachans, die
doch so gross ist, dass die breite Wolga sich Monate
lang mit Eis bedeckt1), aushält, ist zu verwundern. Er
ist schon alt und blind, und soll Zoll lange Nägel
J) Diese grosse Kälte is t eine Folge der xisllichen Lage A stra c
h a n s ,‘da sie sonst bei der südlichen etwa mit der von Venedig
übereinstimmenden Breite sehr auffallen müsste.