
ist noch geringer als die von Kasan, aber man wird
Selten eine Stadt finden, in welcher wie hier eine so
gemischte Bevölkerung lebt, die das merkantilische
Jnteresse aus den entferntesten Enden von Asien und
Europa zusammengeführt hat. Denn ausser den Russen,
die etwa die kleinere Hälfte der Bewohner Astrachans
ausmachen, den Kosaken und den übrigen hier
♦ ansässigen Europäern, finden sich hier noch Armenier,
Tataren, Georgier, Bucharen, Chiwensen, Truchme-
nen, Perser, Hindus, Kirgisen und Kalmücken; demnach
Bekenner der verschiedensten Religionen, Christen,
Mohamedaner, Bramaisten und Buddhaisten ').
Wir hatten schon gleich am Morgen des 13. Oc-
tobers Gelegenheit diess bunte Gemisch von Völker-
kerschaften kennen zu lernen, indem Abgeordnete der
meisten derselben in unsere Wohnung kamen, Herrn
v o n Humb o ld t ihre Aufwartung zu machen, und
von dem Herrn General-Gouverneur der Beihe nach
vorgestellt wurden. Zuerst erschien der Bürgermeister
mit den Aeltesten der Kaufmannschaft, die, nach russischer
Sitte, die Zeichen der Ehrerbietung, aber statt
wie gewöhnlich Brod und S a lz , hier einen mit den
vortrefflichsten astrachanischen Früchten, mit Weintrauben,
grossen Eierpflaumen, Birnen und Aepfeln
geschmückten Napfkuchen und Salz brachten. Darauf
kam der Adel, die Officiere der Garnison, und dann
die Abgeordneten der Armenier, Perser, Hindus, Tataren
u. s. w. Die Armenier sind unter den asiatischen
Bewohnern Astrachans die zahlreichsten; sie haben
alle eine ausgezeichnete Nationalphysiognomie, ovales
Gesicht, schwarze Augen und Haare und eine gebogene
Nase. Sie tragen eng anschliessende Röcke und darüber
Kaftans mit aufgeschlitzten Aermeln, weite Beinkleider,
* ) Auch Juden leben h ie r , doch nicht in grö sse r Z a h l, da sie
wegen der vielen Armenier, die nach den Berichten aller Reisenden
ihnen im Charakter gleichen, nicht bestehen können.
en«-e Stiefel und hohe Pelzmützen. Die Perser sind
fast alle hohe und schlanke Figuren mit schmalen Gesichtern
und schwarzen Bärten. Sie sind mit zwei
Kaftans über einander bekleidet, die vom offen sind
und mit einem Gürtel zusammen gehalten werden, und
von denen der untere von geblümtem Zitz, der obere
von einfarbigem Zeuge, gewöhnlich von blauem Tuche,
ist; die Aermel sind lang, die des unteren Kaftans
eng anschliessend, die oberen aufgeschlitzt, und
am Körper herab hängend; an den Füssen tragen sie
Socken von buntgemischter Wolle mit ledernen Pantoffeln,
und auf dem Kopfe hohe Pelzmützen. Die Hindus
sind ebenfalls lange hagere Figuren, an ihren
braunen Gesichtern kenntlich, mit langen weissen Kaf-
tan’s bekleidet und mit weissen Turbans bedeckt; die
Tataren sind von den übrigen in Russland wohnenden
Tataren nicht verschieden. Diess sind zugleich die
hauptsächlichsten der in Astrachan eigentlich ansässigen
Völkerschaften; denn die Kosaken aus den Dörfern
(Stanitzen) auf der Strasse nach Astrachan, und
die Kalmücken und Kirgisen der Steppe sieht man
wohl häufig auf den Strassen, sie kommen aber nur
zufällig zur Stadt; und eben so die Bucharen, Chi-
w^ensen und Truchmenen 1).
Nach diesen Besuchen fuhren wir mit Herrn v o n
Os s ip o f f durch die Strassen, um die Stadt kennen
zu lernen. Sie liegt auf der Nordseite einer Wolga-
Insel (Dolgoi Ostroff, die lange Insel genannt), und
wird westwärts von dem Hauptstrom, nord- und ostwärts
von einem Nebenarme, dem Kutum, der sich
fast unter rechtem Winkel von der Wolga abzieht,
umflossen. Ihre Hauptausdehnnng ist demnach auch
Vergl. die ausführliche Beschreibung dieser Völker in S. G.
Gme l i n ’s Reise durch Russland Th. II S. 120 — 162 und i n K r d -
m a n n ’s Beiträgen zu r Kenntniss des Innern von Russland Tb. II
Abtb. 1 S. 146 etc.