
G ründen methodischen C h arak ters nicht fü r möglich, d ie se b eid e n Formen zu id en tifizieren ; a n d e re rse its seh e n w ir k ein e n
Grund u n d k e in e Möglichkeit, d ie von S w a r c z e w s k y b esc h rieb e n e Form als n eu e , selb stän d ig e Stentor-Art an zue
rkennen.
Stentor roeselii Ehrenberg (Abb. 57).
Diese große, bis 1 mm lan g e Stentor-A rt m it ih rem ungegliederten, bandförmigen
K e rn lä ß t sich leicht a n ih rem zitzenförmigen F o rts a tz am P eristomeck unterscheiden.
Nach den Angaben von S t e i n (1859) w ird St. roeselii v ie l häufiger als irg en d eine
a n d e re Stentor-A rt festsitzend an Wasserpflanzen u n d an d e ren Gegenständen oder auch an
d e r Oberflächenschicht stehender Gewässer angetroffen. Dabei sitz t St. roeselii entweder
iin Gallert-Gehäuse, oder häufig ohne ein solches einfach m it dem H in te rle ib e in einen I n te
rz e llu la rra um des B la tte s eindringend. Diese A ngaben von S t e i n sin d a u f In d iv id u e n
zu beziehen, die in n ich t großen, verwachsenen Wasserbecken leben wie auch u n te r V e rwachsungen
des L itoralgebiets. Die E x em p la re des Pelagia lg eb ie ts jedoch erscheinen
e rsten s ste ts f re i umherschwimmend u n d entbehren zweitens in d e r Regel des Gehäuses.
Unsere Beobachtungen im Ba ika lsee bestä tig en in dieser H in sic h t die Angaben d e r frü h e re
n nachstehend e rw äh n ten Beobachter. Die Ba ik a lex em p la re von St. roeselii haben gewöhnlich
eine mehr oder minder deutlich ausgesprochene gelbliche F ä rb u n g .
Im B a ika lsee is t St. roeselii seh r weit v e rb re ite t u n d wird in ih re n Bedingungen nach
se h r verschiedenen Be zirken des Sees angetroffen, von dem P e lag ia l d e r hohen See bis zu
den seichten g u t d u rchw ä rm te n B uchten u n d soga r „Ssors“ . E s bestehen jedoch große
Verschiedenheiten sowohl in bezug a u f den E n tw ick lu n g sg rad , wie auch in bezug a u f die
Häufig k e it von St. roeselii in den verschiedenen Seeregionen. Somit ersch e in t diese Fo rm,
tro tz ih re r weiten h orizontalen V e rb re itu n g im Baikalsee, n ich t als eine vollkommen poly-
tope Form.
Die max ima le E n tw ick lu n g dieser A r t begegnete u n s in den seichten, g u t d u rch s
tra h lte n Buchten, die ein ü p piges Mikro- u n d Nanno p lan k to n a u f weisen u n d v e rh ä ltn is m
äßig viel aufgelöste u n d su sp en d ie rte organische Substanz en enth a lten . St. roeselii wurde
in g ro ß e r Zahl im P la n k to n a lle r d e rjen ig en seichten B uchten der Westk ü ste des m ittle
ren u n d n ördlichen B a ik a l angetroffen, die w ir im Sommer 1928 besuchen konnten, und
zwar in d e r B u ch t d e r M a la ja Kossa, Senogda, S lju d ja n sk a ja , Onogotschanskaja u n d Bogu-
tsc h an sk a ja . Im selben Sommer kam das In fu so r in kleinen Bu ch ten des östlichen Teils
d e r B a rg u sin -B a i vo r, fe rn e r im P la n k to n des Ang a ra -Sso r an Stellen, die f re i von Bewuchs
waren, bei 20,1°. Im P lan k to n a lle r dieser Bezirke findet St. roeselii fü r sich zweifellos
reichliche N a h ru n g vo r; seine z ahlreichen Nahru n g sv ak u o len en th a lten h ie r Eudo-
rina morum, Uroglena volvox, Cyclotrichium viride; auch Anabaena w ird von ihm v e rzehrt.
F ü r diese Gegenden des Baikalsees e rsche int St. roeselii zusammen m it Vorticella
monilata, Zoothamnium limneticum u n d Epistylis rotans a ls au ß e ro rd en tlich c h a ra k te ristische
Form.
Im B a ik a lp e la g ia l wird St. roeselii im L au fe des ganzen J a h re s angetroffen, jedoch
u n te r den gewöhnlichen Bedingungen dieses Gebiets n u r selten u n d n u r einzeln a u f tretend.
So wurde e r während d e r ganzen Sommerperiode 1928 im Oberflächenplankton bei n ie d rigen
T em p e ra tu ren n u r zweimal gefunden: 1 . am 16. V II. gegenüber d e r Bucht Dawscha,
bei 4,50°, 2. am 16. V II. a u f dem S ch n itt M u sh in a i-Irin d a , bei 3,90° Oberflächentemperatu
r des Wa ssers; die Nahru n g sv ak u o len dieser wenig zahlreichen E x em p la re en th a lten in
g e rin g e r A nzahl Melosira-F äd en . In ein wenig g rö ß e re r Anzahl w urde St. roeselii im
März 1928 im W in te rp la n k to n u n te r dem E ise in d e r Gegend von M a ritu j angetroffen.
Somit ersch e in t dieser Stentor fü r die gewöhnlichen Bedingungen des P e lag ia ls k e ineswegs
als ch a rak te ristisch e Fo rm. Sobald jedoch die norma len Bedingungen in den Oberflächenschichten
u n te r dem E influß d e r E rw ä rm u n g g e s tö rt werden, u n d im P la n k to n eine
Reihe mikro- und n an n o p lan k tisc h e r E lemente a u f tr itt, die gewöhnlich dem Baikalsee
n ich t eigen sind, en twickelt sich h ie r St. roeselii ebenfalls in ziemlich b e trä ch tlich e r
Menge. Dies beobachteten w ir z. B. am 28. VI. 1928 gegenüber d e r B u ch t B a k la n ja , lVz km
vom Ufer, W a s se rtem p e ra tu r 10,87°, ebenso am 10. V II. in d e r Nähe des Nishne je Isgo-
lowje des Swjatoi Noss, bei 16,50° W a s se rtem p e ra tu r. In derselben Gegend wie auch in
d e r Nähe d e r Usch k an ji-In se ln w urde St. roeselii auch im Ju li 1927 angetroffen, Oberflä
ch en tem p e ra tu r 10,70—12,20°; fe rn e r 1928 gegenüber der Bucht M a la ja Kossa, l ^ k m
vom Ufer, Oberflä chentempera tur 12,20°. A u f dem Q u erschnitt Bucht A ja ja—Bogutschan-
sk a ja wurde St. roeselii am 22. V II. au ß e r in den B uchten selbst auch im offenen Ba ika lsee
in ansehnlicher Menge angetroffen, wo zu dieser Ja h re s z e it die Oberflä chentempera tur
9,60° erre ich te , und das Oberflächenplankton eine g roße Anzahl „n ich t b a ik a lisc h e r“ E le mente
aufwies, d a ru n te r Anabaena und verschiedene F lagellaten.
Die v e rtik a le V e rb re itu n g von St. roeselii b e sch rä n k t sich in diesen F ä llen vorwiegend
a u f die Oberflächenschicht; in den tie fe r gelegenen k a lten Schichten, die ein k a rg e s B a ik
a lp lan k to n aufweisen, wurden n u r einzelne E x em p la re dieses In fu so rs gefunden. Im a llgemeinen
w urde dieser Stentor von uns im Baikalsee n ic h t tie fe r a ls 50 m (W in te rp lan k ton)
angetroffen.
Nach d en L ite ra tu ran g a b en kommt St. roese lii im Plan k to n g ro ß e r Seen u nd F lü sse v or, un d zwar im Balaton-See
( F r a n e é , 1896) un d Ladoga-See ( S k o r i k o w , 1909), in d e r Newa-Bucht (W i s l o u c h , 1921), im Newa-Fluß Wolchow
Morja ( S k o r i k o w , 1909—1913), Donetz ( F a d e j e w , 1926), in d e r Wolga ( Z y k o w , 1902) u nd in d en Seen in der
Nähe von Wisconsin (N o 1 a n d, 1925); fe rn e r in k le in en v erwachsenen Wa sserbe cken (viele frü h e re Au to re n und R o u x ,
1906; S c h l e n k e r , 1908, u. a.). Gut v e rträ g t d ieses In fu so r auch den A u fen th alt im Aqua rium ( S t e i n , 1859; N o l
a n d , 1925). St. ro ese lii w u rd e zu a llen Jah re s z e ite n v erzeic h n et; in e in ig en Teichen u n d k le in en Wa sserbe cken en tfä
llt d ie maximale Entwicklung d ieses In fu so rs a u f d ie k a lten Monate ( R o u x , 1901).
D e r Vergleich dieser L ite ra tu ra n g a b e n m it u n se ren Beobachtungen im Ba ika lsee ges
ta tte t die Ve rm u tu n g , daß der H a u p tfa k to r, d e r die horizontale V e rte ilu n g von St. roeselii
im Ba ika lsee bedingt, d e r N ah ru n g sfak to r ist.
Diese F o rm ist, wie au s oben E rw äh n tem ersichtlich, bestimmt eu ry th e rm . Deswegen
lä ß t sich die geringe E ntw ick lu n g dieses In fu so rs u n te r gewöhnlichen Bedingungen nich t
d u rch den d irek ten beschränkenden E influß n ied rig e r T em p e ra tu ren e rk lä re n . Ebenso wie
das E rsch e in en des In fu so rs bei d e r E rw ä rm u n g d e r Oberflächenschichten des Pelagials,
d a r f auch die intensive E ntw ick lu n g desselben in seichten Bezirken des Baikalsees keineswegs
u nm itte lb a r d u rch höhere T em p e ra tu ren e rk lä r t werden.
E in fü r die Ökologie des In fu so rs so bedeutender F a k to r wie die a k tiv e R e aktion übt
wohl k aum einen wesentlichen E influß a u f die V e rte ilu n g dieses In fu so rs im Ba ika lsee
aus, da einerseits die Bedeutung des pH a n u n d fü r sich in den Bezirken, wo w ir das In fu sor
v o r fanden, n u r ganz geringe Verschiedenheiten a u f weist (was au s den nachstehend a n g
e fü h rten pn-Grenzen fü r diese A r t im Ba ika lsee zu ersehen ist); an d e re rse its is t es vollkommen
möglich, daß St. roeselii eine euryione F o rm ist, da er auch in kleinen W a sse rbecken
vom a sta tisch en T y p u s vorkommt, die zu r Z e it d e r Sommervegetation eine
b eträ ch tlich e T agesamplitude der ak tiv en Re ak tio n aufweisen.
Dasselbe g ilt auch fü r die Rolle des Sauerstoffes: St. roeselii kommt im Baikalsee
u n te r p olyoxytrophen Bedingungen v o r (vgl. u n ten die 0 2-Grenzen). Jedoch den Bed in g
ungen nach, in denen er au ß e rh a lb des Baika lsees angetroffen wurde (nach N o l a n d z. B.
Zoologica. Heft 83. ÉÉ