
W ir geben h ie r eine k u rzg e faß te B e schreibung der Stentor-F o rm des Baikalsees, die
w ir als St. multiformis E h r e n b e r g definieren.
Das In fu so r is t von m ittle re n Ausmaßen: Seine Länge b e trä g t 1 7 5 ^ 3 5 0 (/. in m a x im
a l ausgestrecktem Z ustand. D e r K ö rp e r weist eine v a riab le F o rm auf. Bei den f re i umherschwimmenden
In d iv id u e n is t e r meist b im fö rm ig oder ovoid (Abb. 54); bei den zeitweilig
befestigten gleicht e r bei voller Ausdehnung ein e r Röhre, wie dies den meisten V e rtre
te rn d e r S ten to rin en eigen ist. Viel häufiger jedoch ble ib t d e r K ö rp e r in einem h a lb k
o n tra h ie rte n Z ustand, u n d dan n is t e r n ic h t selten k eulenförmig: d e r h in te re Teil desselben
zieht sich in ein ziemlich dickes F ü ß ch en ein, d e r v o rd e re n im m t ein fa s t kugelförmiges
Aussehen a n (Abb. 55); oder um gekehrt, die v o rd e re K ö rp e rh ä lfte d eh n t sich
aus, wäh ren d die h in te re au fg e trieb en wird, u n d d e r K ö rp e r gleicht somit einem lang-
h alsigen Fläschchen (Abb. 56); in völlig k o n tra h ie rtem Z ustand is t der K ö rp e r fa s t kugelig.
Die S tre ifu n g is t a u f dem K ö rp e r seh r s ta rk au sg ep rä g t. Die P igm en tstre ifen sind
sc h a rf von e in an d e r g e tren n t. Das In fu so r is t p ra ch tv o ll se h r in ten siv m e e rg rü n gefärbt.
Die S tru k tu r des P e ristom s weist die E ig e n tüm lich k e it au f, daß in k o n tra h ie rtem Z ustand
d e r g rö ß e re Teil des P eristomfe lde s meistens einen s ta rk v o r springenden, mützenförmigen
F o rts a tz m it v e rtik a le n Se itenwandungen bildet, d e r n u r gegen den Mund schief abw ä rts
ste igt, u n d je s tä rk e r das Peristom fe ld k o n tra h ie rt ersche int, desto s c h ä rfe r t r i t t diese
,,Mütze“ zum Vorschein. Der K e rn besteht bei den meisten b a ikalischen E x em p la ren aus
4, se ltener aus 6 ovoiden oder ru n d e n ziemlich g roßen F ra gm en ten , die entweder k e tten fö
rm ig angeo rd n e t sind oder a u f den ganzen K ö rp e r in ansehnlicher E n tfe rn u n g von einan
d e r v e rte ilt waren. Viel se ltener tra fe n w ir In d iv id u e n m it einem kugelförmigen oder
ovalen g roßen Kern. P u lsie ren d e Vakuole m it einem langen zuführenden K an a l.
Aus dieser k u rz en Be schreibung is t e rsichtlich, daß die Grundmerkmale dieses In fu -
sors vollkommen m it den Me rkmalen v o n St. multiformis ü bereinstimmen, wie sie bei
M ü l l e r (Vorticella multiformis), E h r e n b e r g , S t e i n u. a. gegeben sind.
Im B a ika lsee kommt St. multiformis n ich t häufig u n d an wenigen P u n k te n des Sees
v o r; die F u n d b edingungen dieser A r t im Ba ika lsee bieten jedoch gewisse in te re ss an te Besonde
rheiten; sie t r i t t im lito ra len P lan k to n au f, im pelagischen P lan k to n u n d als E p ib io n t
a u f Crustaceen. Im pelagischen P la n k to n kam St. multiformis wäh ren d d e r Sommerperiode
n u r einmal vor: am 23. V I. 1926, km vom Ufe r, bei M a ritu j in ein e r Schicht
von 0—25 m; im W in te rp lan k to n tra fe n w ir diese A r t im L au fe des März 1928, obwohl in
g e rin g e r Anzahl von In d iv id u e n , doch stä n d ig bei M a ritu j an, u n d zwar a u f verschiedenen
Tie fen von 0—200 m (tie fere P ro b e n w u rd en n ic h t entnommen). Als N ah ru n g d ienten Me-
losira, wie au ch verschiedene Ciliaten, die sich in g ro ß e r A nzahl u n te r dem Eise e n twickelt
h a tten .
A n den U fe rn w urde St. multiformis selten und in u n b e trä ch tlich e r Menge u n te r
Draparnaldia u n d Chaetomorpha gefunden; seine N ah ru n g bestand au s k leinen E piphy-
ten-Diatomeen. E inm a l jedoch g e lang es uns, im U fe rp la n k to n eine seh r inten siv e E n twicklung
von St. multiformis zu beobachten, u n d zwar wäh ren d eines sehr sta rk e n S tu r mes,
d e r einige Tage an h ie lt, vom 16. V I. bis zum 27. V I. 1927 beim K ap C h a rin -Irg i
(Insel Olchon) a n se iner östlichen Seite, die gegen den offenen B a ik a l g e rich te t ist. St. multiformis
wurde zu dieser Zeit auch a n d e r westlichen Seite im Maloje More wahrgenommen,
jedoch in bedeutend g e rin g e re r Menge. Zu dieser Zeit wüteten im Ba ika lsee sehr
s ta rk e Winde, die m it kurzen, stille ren Perio d en abwechselten. Da d e r Wind u n d die B ra n d
un g am östlichen felsigen Ufer seh r s ta rk waren, konnte man n u r m it g ro ß e r Mühe P ro ben
des U fe rp la n k to n s entnehmen; pelagische P ro b en jedoch g e lang es n ic h t zu beschaffen.
Die Anzahl von St. multiformis blieb zu dieser Zeit von T ag zu T ag gleich bedeutend.
Dieses massenhafte A u ftre te n des In fu so rs im P la n k to n w a r um so au ffa llen d e r, d a das
ü b rig e P lan k to n , wie dies gewöhnlich im Ba ika lsee z u r Zeit s ta rk e r S tü rm e geschieht,
se h r a rm wa r. Man e rh ie lt den E in d ru ck , daß das In fu so r weggerissen u n d m it den Wellen
von irgendwo h e rg e tra g en wäre, um so mehr, d a es m it E in tr itt stille r W itte ru n g sehr
schnell au s dem P la n k to n verschwand.
Zum Schluß v e rd ie n t noch die Symbiose dieser A r t m it den benthonischen u n d pela-
g ia len Amphipoden des Ba ika lsees e rw äh n t zu werden. W ir fan d en St. multiformis im
März 1928 a u f Grund-Gamma riden, die m it H ilfe von F a llen au s Tie fen von 120, 150, 294,
597 u n d 600 m h e ra u f geholt wurden. Von Zeit zu Zeit k am dieses In fu so r auch a u f den
pelagischen Amphipoden Makrochaetopus branitzkii v o r (am 19. V II. 1927 im Maloje More
bei d e r In se l Oto-Chuschun, am 12. I I I . 1928 bei M a ritu j u n d am 6 . V II. 1928 am K ap
Sama). Die S ten to ren saßen entweder einzeln oder in ganzen Gemeinschaften a u f d e r in n e re
n Seite der G liedmaßen d e r Kru sta z e en , g rö ß ten te ils u n te r d e r Deckung se iner Stacheln,
B orsten u. a. m., oder schwammen lan g sam zwischen den Gliedmaßen. Be i Versetzung in
e in T hermos-Aqua rium v e rließ en sie den W ir t nicht, wie dies von uns im Ba ika lsee ber
e its fü r St. polymorphus beobachtet wurde, d e r m it Manajunkia symbiotisch lebt, und
fü r Chilodon cucullus, d e r a u f Makrochaetopus lebt. Wie bei den fre ien plan k tisch en
E x em p la ren fiel h ie r die au ß e ro rd en tlich gre lle m e e rg rü n e F ä rb u n g au f, d a ru n te r auch
d e re r, die au s b e trä ch tlich en Tie fen entnommen waren.
Die allgemeinen T em p e ra tu rg ren z en , bei denen St. multiformis im B a ika lsee a n getroffen
wurde, sind 0— 8 °. Wen n m an die M a n n ig fa ltig k e it d e r Bedingungen in B e tra ch t
zieht, bei denen dieses In fu so r selbst n u r im S üßwasser angetroffen wurde, die Meerwasser
n ich t miteinbezogen, so muß man annehmen, d aß St. multiformis im höchsten Grad poly-
top erscheint.
Zum Schluß s e i noch e rwäh n t, daß 1927 von B. S w a r c z e w s k y ein e n e u e A rt — Stentor p ygmaeus — festgestellt
w u rd e, d ie e r a u f d en Gliedmaßen d e r b aika lischen Gammariden (Garjaioiia) vorfand. L e id e r is t d ie Beschreib
un g d ie se s S tentor von dem besagten V e rfa sse r nach einem m it Formol fix ierte n Material au sg e fü h rt worden, wobei
d e r Krebs a ls Ganzes fix ie rt w u rd e. Von m e thodischer S eite k an n n atü rlich e in d e ra rtig e s Material fü r e in systematisches
Studium von P ro tiste n nicht gee ignet erscheinen, vollends von S tentorinen, d ie e in e s ta rk e Kontraktionsfähigkeit
d e s Kö rp ers un d V a riab ilitä t d e r Form u n d F ä rb u n g aufweisen. Deswegen is t e s vollkommen unmöglich, d ie von
S w a r c z e w s k y besch rieb en e Form ü b e rh a u p t m it irg en d e in e r b e steh e n d en A rt d e r Gattung Stentor, d a ru n te r
auch St. m u ltifo rmis, zu vergle ichen u n d ü b e r d ie w irk lich e Existenz d ie s e r n eu e n Form St. p ygm aeus e in Urte il zu
fällen.
E in e gewisse Ähnlichkeit in d e r Organisation von St. p ygmaeus u nd St. m u ltifo rm is sche int jedoch zu b e s teh e n : die
fix ie rte n Ex em p lare des von S w a r c z e w s k y b esc h rieb e n en Stentor w a ren b is 275 y lang, d e r v o rd e re Teil des
K ö rp e rs d e s In fu so rs w a r m e h r o d e r wen ig e r kugelig, d e r h in te re zylin d risch ; d ie s e Ausmaße gehen nich t ü b e r d ie
Grenzen hinaus, d ie auch St. multiformis eigen s in d ; letzte re A rt n im mt nicht selten, wenn sie sich ze itweilig festsetzt,
auch ein e keu len äh n lich e Form an (siehe Abb. 55). De r K e rn ap p a ra t von St. pygmaeus gleicht auch vollkommen
d em von St. m u ltifo rmis. Die von S w a r c z e w s k y für St. p ygm aeus angegebene schmutzigbraune F ä rb u n g k an n d e r
F ä rb u n g d e r leb e n d en In d iv id u en b e i we item nich t entsprechen. D e r h in te re K ö rp e rte il von St. pygmaeus is t von ein e r
h a rte n Hülle b ede ckt; etwas Ähnliches w u rd e w e d e r v on uns, noch von d en frü h e re n Au to re n b ei St. m u ltifo rm is gefunden.
Jedoch k ann, in An b e trach t d e r oben zitie rte n Unzulänglichkeit d e r Methodik, ohne Untersuchung leb e n d e r Exemp
la re k e in e volle S ich erh e it b esteh e n , d aß d ie se Hü lle k e in A rte fak t se i: St. pygm a eu s w u rd e u n te r Dornen u n d Bors
ten usw. d e r W irte gefunden, d ie in toto u n d wahrsche inlich m e h re re Ex em p la re zugleich in ein em Glase fix iert
w u rd en , wie d ies gewöhnlich b ei faunistischen Expeditionssammlungen, d ie k e in e protistologischen Zie le verfolgen,
ü blich is t; d ies ko n n te e in e Verzögerung d e r F ix ie ru n g , damit v e rb u n d en e Bildung von Schleim u n d an d e re n Ausscheidungen
a u f d e r Zelloberfläche n ach sich ziehen. Trotz e in ig e r v e rw an d te r Züge in d e r Lebensweise u n d Organisation
d e s von S w a r c z e w s k y b esc h rieb e n en Stentor u n d St. m u ltifo rm is h a lten w ir es a u s d en b ereits oben e rw äh n ten