
In A n b e tra ch t d e r allgemein b ek an n ten Anp a ssu n g sfäh ig k e it d e r Süßwasserinfusorie
n in bezug a u f die lokale V e rb re itu n g , die den Kosmopolitismus u n d das P eh len endemische
r F o rm en zu r Folge h a t, k onnte man b e re its v o n v o rn h e re in v e rm u ten , daß die
große Mehrzahl d e r Ciliaten- u n d Suctorien -Arten dieses Sees B wie auch die Genesis des
Baikalsees u n d se iner F a u n a sei — in ihm, als Süßwasserbecken, S ü ßw a s se ra rte n oder
gemischte A rte n sein müssen.
F e rn e r: Wen n sich u n te r den B a ik a lin fu so rien Meer- u n d B rackwa sse rformen fänden,
so m ü ß ten es v o r allem solche A r te n sein, die au ch im Meere in hohem Grade eu ry h a lin
sind, wodurch diesen F o rm e n die Möglichkeit d e r Besiedelung dieses Süßwasserbeckens
gegeben wäre. W ir k o n sta tie ren im Ba ika lsee in sge samt 192 Ciliaten- u n d S u c to rien a rten .
Von ihnen sind 44 als neue A rte n zu b e tra ch ten , die ü b rig en 148 gehören den bereits
b ek an n ten A rte n an. U n te r diesem le tz te ren Teil d e r In fu so rie n fa u n a des Baikalsees e rwiesen
sich 132 A rten , d. h. gegen 90%', a ls re in e Süßwasser- u n d gemischte A rten .
In bezug a u f die neuen Gattu n g en u n d A rte n is t es schwieriger, etwas E ndgültig e s
auszusagen; trotzdem nehmen w ir an, daß u n te r Abzug solcher o rig in e lle r u n d schwer
v e rg le ich b a re r Fo rm en wie Lilümorpha viridis, Sulcigera comosa, Nidula multicapitata,
die die B ild u n g n eu e r F am ilie n e rfo rd e rn , 32 d e r n euen A rte n m it g ro ß e r W ah rsc h e in lich
k e it als F o rm e n zu b e tra ch ten sind, deren n ächste V e rw an d te gleichfalls Süßwasserformen
u n d gemischte Fo rm en sind.
Somit is t anzunehmen, daß u n te r den B a ik a lin fu so rien S üßwasser-A rten u n d gemischte
A rte n vorh e rrsch en , die sozusagen den Grundstock d e r In fu so rie n fa u n a des B a ikalsees
bilden, was ü b e rh a u p t fü r ein jedes Süßwasserbecken n a tü rlic h erscheint, ganz
abgesehen von se iner Genesis."
A u ß e r den Süßwasser- u n d gemischten F o rm e n fan d en w ir u n te r den In fu so rien des
Baika lsees auch Meeres- u n d B ra ckw a sse ra rten v o r, wenn sie au ch einen bedeutend g e rin g
eren Teil d e r Gesamtzahl d e r im Ba ika lsee angetroffenen In fu so rien a rten ausmachen.
W ir zählen in sge samt 17 solcher Formen, absolut genommen muß ih re Z ahl doch ziemlich
erheblich erscheinen.
U n te r ihn en müssen a n erste Stelle die T in tin n o id e a gestellt werden, erstens wegen
ih re r Bedeutung fü r die vorliegende F ra g e , u n d zweitens wegen d e r Zahl ih re r Arten.
U n te r den freilebenden Ciliaten g ib t es, wie bek an n t, kein e re in en Meeresfamilien.
Man k a n n jedoch einige F am ilie n nennen, die h au p tsä ch lich m a rin e Gattu n g en u n d A rte n
einschließen u n d n u r eine ganz geringe Anzahl von S ü ßw a sse ra rten enth a lten . Von ihnen
sind die T in tin n o id e a am m eisten als „m a rin e “ F am ilie zu b e tra ch ten . W ie bekannt, h a t
diese im Meeresplankton in g ro ß e r F o rm e n fü lle au ftre ten d e F am ilie im Süßwasser n u r
wenige V e rtre te r. Die T in tinnoiden-Fauna des Ba ika lsees e rsche int deswegen n a ch der
Anzahl ih re r A rte n fü r ein Süßwasserbecken als einzig.
Im P lan k to n des Baikalsees w u rd en au ß e r den d re i Süßwasser-Tintinnoidea: Tintin-
nidium fluviatile S t. m it se inen zwei Morphen: f. lypica u n d f. cylindriea, T. semiciliatum
S t e r k i u n d Tintinnopsis laeustris E n t z, noch folgende 8 m a rin e T in tin n o id en -A rten v o r gefunden:
T inlinnopsis tubulosa L e v a n d e r , m it forma a u n d Tintinnopsis m e u n ie ri K o f o i d
forma b L e v a n d e r Tinlinnopsis Lobiancoi var. Jusiformis B r a n d t
T intinnopsis karajacensis B r. m it fo rma a u nd forma b T inlinnopsis p yrifo rmis sp. nov.
B r a n d t Tinlinnopsis formosa sp. nov.
Tintinnopsis Dav idoffii var. cylindriea D a d a y Coxliella h e lix B r a n d t .
Die zwei neuen A rte n T. pyriformis u n d T . formosa zählen w ir ebenfalls zu den m a rin
en E lementen in d e r In fu so rie n fa u n a des Baikalsees, da sie beide einerseits m it k einer
d e r S ü ßw a s se ra rte n d e r T intin n o id e en verglichen werden können, an d e re rse its jedoch en tsprechend
den m a rin en Tintinnopsis nucula B r a n d t und T.angusta M e u n i e r seh r nahe
stehen. Die im B a ika lsee Vorgefundenen m a rin e n T in tinnoidea gehören, wie aus dieser
A u fzählung e rsichtlich, zu zwei Gattungen: vorwiegend zu r Ga ttu n g Tintinnopsis (7 A r ten)
u n d z u r G a ttu n g Coxliella (1 Art).
L a u t z ahlreichen L ite ra tu ra n g a b e n schließt die G a ttu n g Tintinnopsis vorwiegend
A rte n ein, die im P la n k to n d e r Küsten reg io n leben u n d alle im B a ika lsee gefundenen m a rinen
Tintinnopsis gehören in den Meeren g erade zu den typischen Küstenförmen. A u ß e rdem
p a ssen sich T . karajacensis, T. tubulosa, T. meunieri und T. lobiancoi v a r. fusiformis
ausgezeichnet dem äu ß e rsten Grad d e r Aussüßung an u n d sind in den Brackwasser-
Regionen des Meeres, in den Vormündungsgebieten u n d sog a r in den Flu ßm ü n d u n g en
selbst s ta rk v e rb re ite t; von den z ah lreichen L ite ra tu ra n g a b e n is t z. B. d a ra u f zu v e rw e isen,
daß a lle aufgezählten A rte n in d e r Elbe- u n d T oeantinmündung Vorkommen (B r a n d t ,
1906—07). T. tubulosa is t im östlichen Teil des F in n isch en Meerbusens u n d im westlichen
T eil d e r Newa-Bucht (M. S o k o l o w a , 1922) v e rb re ite t, deren P lan k to n bereits Vorwiegend
aus Süßwasserelementen besteht m it ein e r g eringen Beimischung von B ra ckw a sse rfo rmen.
Im K a riseh e n Meere is t diese F o rm ebenfalls fü r Brackwa sse r-Bez irke angegeben
usw. (L. R o s s o l imo , 1927). Im Gegensatz zu r G a ttu n g Tintinnopsis schließt die G a ttu n g
Coxliella vorwiegend Fo rm en des pelagischen P lan k to n s ein, wie auch eine g e rin g e A n zahl
von K ü s te n a rten , d a ru n te r auch die A r t C. helix, die w ir au ch im Baikalsee vor-
fanden.
S omit erscheinen alle im B a ika lsee Vorgefundenen m a rin en A rten der T in tinnoiden
in den Meeren a ls ausgesprochen eu ry h a lin e Formen.
A u ß e rh a lb des Baika lsees in Süß- u n d Brackwa sse rn, die g egenwä rtig oder f rü h e r
keine u nm itte lb a re Ve rb in d u n g m it dem Meere aufzuweisen haben, wurden diese T in tin noideen,
soweit m ir bek an n t, bishe r n ich t vorgefunden.
E s sei d a ra u f hingewiesen, daß im Mosözager Sg» (Siebenbürgen), im Balaton-See
(Ungarn) u n d im Jul-Sö (Jü tlan d ) 2 Tintinnopsis-Arten leben, die sich d e r F o rm ih re s Gehäuses
na ch seh r den m a rin en V e rtre te rn d e r Ga ttu n g Tintinnopsis n äh e rn . Es sind dies
die von D a d a y (1892) seh r kurz, n u r ih ren Gehäusen nach, beschriebenen Tintinnopsis
fusiformis u n d T. cylindriea. D a d a y weist d a ra u f hin, daß sich beide A rten sc h a rf von
den bishe r b ek an n ten v e rw an d ten Süßwasser-Arten u n terscheiden u n d an die im Meer
lebenden T. Davidoffii und T. lobiancoi erin n e rn . T. cylindriea w urde auß e rd em von Os t e n f
e l d im Aral-See (1901) angetroffen, fe rn e r in den Großen K anadischen Seen von J e n -
n i n g s (1901) u n d in den n ördlichen Seen K a lifo rn ien s von K o f o i d , der T. cylindriea
D a d a y in T. cylindrata um g e tau ft h a tte (1929). L eider k a n n der Grad der A n n äh e ru n g
d e r F o rm T . fusiformis a n T. Davidoffii wegen völligen Mangels von Angaben üb e r die
S tru k tu r des K ö rp e rs und d e r Gehäusewandungen n ich t g en au e r fe stgestellt werden. T.
cylindrata u n te rsch e id e t sich von T. lobiancoi na ch d e r Be schreibung von E n t z (1906)
f ü r die Formen des Balaton-Sees u n d des Jul-Sö d u rch die S tru k tu r des K e rn a p p a ra ts
u n d die A r t d e r Be festigung des K ö rp e rs am Gehäuse (über die d ü nne S tru k tu r d e r Geh
äusewandungen liegen fü r diese A r t ebenfalls keine Angaben vor) u n d k a n n deswegen
keinesfalls m it T . lobiancoi identifizie rt werden, ebenso wenig m it T. tubulosa oder T. ka